Baum_Sonne

Nachrichten vom liedersaenger

Eine lange Reise

Gerade nach dem Urlaub fragt man sich oft besonders verzweifelt, ob man denn am richtigen Bahnhof ausgestiegen ist. Aber gerade diese Verzweiflung zeigt uns, dass wir noch lange nicht angekommen sind. 

Der Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik zufolge exixstieren unendlich viele Parallelwelten mit ebenso unendlich vielen Kopien ihrer Bewohner, die wiederum jeweils unendlich viele, weil alle möglichen Geschichten durchleben. Dass ich nun ausgerechnet mit meinem bewussten Erleben in diesem einzigartigen Universum gleandet bin, in dem ich Frau und Kind habe, wohlhabend und glücklich bin und auch noch einigermaßen gesund, muss angesichts der schieren Anzahl möglicher anderer Geschichten als ein ganz und gar unwahrscheinlicher und darum um so glücklicherer Zufall angesehen werden. Kann man von einer Parallelwelt in eine andere gelangen? Oder aus einer heraus und in eine andere hineinfallen? Ist vielleicht der Tod so ein Übergang? Bin ich schon einmal oder auch viele Male gestorben und so in diese bessere Welt gelangt?

Am letzten Tag einer wunderschönen Urlaubszeit kommen einem solche Gedanken, vielleicht, weil der Urlaub auch so ein Paralleluniversum ist. Allerdings eines mit Rückfahrkarte. Unser Sohn hat die Ostsee kennen und lieben gelernt. Er war der „Wellenschaffner“, der die Ostseewellen auf den Strand fahren ließ und er war mit seinem Laufrad auf den Wanderwegen am Achterwasser unterwegs. Er gebot den Schranken der Usedomer Bäderbahn, sie mögen auf- oder zugehen und er fuhr selbst mit, um beim Lokführer nach dem Rechten zu sehen. Aber wehe, ich störe seine Aktivitäten mit nervtötenden Mutwilligkeiten wie Anziehen, aus dem Wasser kommen und Aufwärmen oder gar zurück in die Ferienwohnung fahren! Ich glaube, unser Kind wird einmal so, wie Greta Thunberg: sehr zornig und ohne erkennbaren erzieherischen Einfluss irgendwelcher Erwachsener. Wenn ich noch rechtzeitig segeln lerne, lässt er sich vielleicht von mir zu einer wichtigen Konferenz am anderen Ende der Welt fahren. 

Am Montag nun soll er wieder ein Krippenkind sein. Das ist für den Moment noch sehr schwer vorstellbar. Aber auch aus uns werden wieder Teilzeit- und Wochenendeltern und die Erziehung übernehmen zu größeren Teilen andere, die damit ihr Geld verdienen, während wir für unser Geld Dinge tun, die uns vergleichsweise unwichtig vorkommen, für die wir aber unser Kind in fremde Hände geben. So läuft es nun mal in dieser Welt, in der ich nun angekommen bin. Wie es scheint, nimmt man die Erinnerung an bereits durchlebte (oder durchstorbene?) Welten nicht mit, nur die unstillbare Sehnsucht nach einer neuen, besseren Welt. Gäbe es diese Sehnsucht nicht, würden wir wohl schließlich irgendwo bleiben und uns einrichten. So bringt sie uns weiter, wie ein Zug, der auf seinen Schienen von Bahnhof zu Bahnhof fährt. Bis er nach langer Reise schließlich doch - ankommt. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Urlaub am 04.09.2022 8:48 Uhr.

Die Bahn schlägt zurück

Über die Bahn wurden viele Witze gemacht: Ihre vier schlimmsten Feinde, der dumme Sohn, Genuss in vollen Zügen. Jetzt will sie aus der Defensive kommen. Au weia!


Die Bahn will irgendwie aus ihrem Image-Tief heraus. An den Baustellen, Verspätungen und Ausfällen wird sie nichts ändern können, also versucht sie die Flucht nach vorn und droht mit einer "Serviceoffensive". Bitte nicht! Möge dieser Kelch, wenn es sein kann, an uns vorübergehen! Ich wurde nämlich Zeuge, wie sich das bereits vorhandene Personal offenbar schon mal auf seine neue Aufgabe einschießt: Da kommt man nichtsahnend am frühen Morgen in seinen Zug und erlebt die Zugbegleiterin, die bisher Fahrkarten kontrollierte und einen bestenfalls informierte, dass man seine Anschlüsse nicht erreichen würde, eben jene als lästig, aber vollkommen ungefährlich einsortierte Begleitperson erlebt man also unvermittelt mitten in einem psychologischen Kriseninterventionsgespräch. Die Durchführung erinnerte mich allerdings an meine Musiktherapiestunden nach dem ersten Ausbildungswochenende: Beeindruckt von den ersten Erlebnissen in der Selbsterfahrungsgruppe versuchend, das Erfahrene an die armen „Patienten“ weiterzureichen. Die Begleitperson begann, von sich zu erzählen und ihr neues professionelles Selbstverständnis darzulegen. Es sei ja ihr Job, die Menschen, die in ihren Zug kämen zu verstehen. Das war mir neu. Ich hatte auch mal bei der Bahn gelernt und alles, was wir damals im Zugbegleitdienst verstehen mussten, war vielleicht der Bahnhof, an dem die Fahrgäste aussteigen wollten. Ansonsten machte man sich lieber dünne, wenn man nicht von wütenden Schichtarbeitern verprügelt werden wollte, die wieder mal nicht pünktlich nach Hause kamen, weil eine Weiche nicht funktionierte. 

Jetzt sollte der Fahrgast seine Sicht auf die Welt und das Leben erläutern. Die Begleitperson nahm eine aktiv-zuhörende Haltung an. Der Fahrgast sagte, er lehne die Gesellschaft als solche ab. „Aha“ machte die Begleitperson. Ja, meinte der Fahrgast, er könne schließlich nichts dafür, dass er hier hineingeboren sei und nun solle er sich auf einmal an Regeln und Konventionen halten. Das sehe er nicht ein. Aber man müsse doch wenigstens die Gebote der Höflichkeit beachten und zum Beispiel „Guten Morgen“ sagen, hakte die Begleitperson ein. „Wieso denn?“ fragte der Fahrgast. Er wolle ja nichts mit diesem Kollektiv zu tun haben, also müsse er auch keine Regeln beachten. „Au“ machte die Begleitperson, das sei schwer. Das könne sie jetzt doch nicht so ganz verstehen.  

Im weiteren Verlauf erfuhr ich, dass der Fahrgast seine Geldbörse, in der sich das Ticket befand, zu Hause vergessen hatte. Dass er jetzt deswegen ein erhöhtes Beförderungsentgeld bezahlen solle, finde er blöd. „Das ärgert dich, hm?“ fragte die Begleitperson. Der Fahrgast bekam Schnappatmung. Ja, sie merke ihm jetzt sogar eine gewisse Gereiztheit an und müsse das Gespräch darum an dieser Stelle beenden. Sie stand ohne neue Terminvereinbarung auf, kam zu mir, kontrollierte meinen Fahrschein und verschwand in der Weitläufigkeit der Erzgebirgsbahn. Offensive heißt Angriff. Die Bahn schlägt zurück. Und wir haben dem nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen. 

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 14.08.2022 9:06 Uhr.

Nichts bleibt, wie es war

Das Einzige, worauf man sich wirklich verlassen kann, ist, dass sich alles verändert. Manchmal ganz langsam und manchmal ganz schnell. 


Es war jetzt ein paar Tage sehr heiß. In unserer Dachwohnung hing das Thermometer bei 30 Grad fest. Normale Menschen denken in dieser Situation wahrscheinlich nicht an die bevorstehende Heizperiode und das knappe Brennmaterial. Nicht so unser Kind: Er setzt beherzt die Säge an die Wohnzimmermöbel. Aber auch ich habe vorgesorgt und an den warmen Tagen die Hitze auf leere Weißbierflaschen gezogen, die ich freilich vorher gut gekühlt leer trinken muss. Wenn jetzt im Winter wirklich die Heizung ausgehen sollte, können wir uns erstmal eine Flasche Sommerhitze aufmachen, bevor wir anfangen, unser Wohnzimmer zu verheizen. Während ich das aufschreibe, hat sich mein Sohn ans Telefon gehängt und allen Bescheid gesagt, dass wir heute nachmittag keine Zeit haben. Wir hätten zu tun: mit der Säge, mit dem Hammer, mit den Schalthebeln und der Motorsense, mit der Weiche und dem Radlader, mit der schwarzen Dampflock und mit den Pferden, dem Hund und der Katze. Der Papi macht schon wieder Computer. Danke, schönes Wochenende. 

Danach macht er sich an die Adventsdeko. Der Tannenbaum wird auch schon mal aufgebaut. So habe ich mir das immer vorgestellt: Wozu hat man schließlich Kinder? Klar hat man, solange sie klein sind, alle Hände voll zu tun, aber dann ist Zahltag und man hat fleißige Helfer, die dem elterlichen Vorbild folgend, unermüdlich zum Wohle der kleinen Gemeinschaft wirken. Um der Leserin und dem Leser ein möglichst zutreffendes Bild derselben zu vermitteln, muss ich ehrlicherweise erwähnen, dass bislang noch die Frau, die mich liebt, als einzige in unserem Projekt ergebnisorientiert arbeitet. Bei ihr kommt immer irgend etwas Brauchbares heraus, während es bei uns Männern eher um den Prozess geht. 

Inzwischen ist es wieder vergleichsweise kalt. Wir sitzen schon mal alle zusammen unter dem Tannenbaum und freuen uns auf unseren Sommerurlaub in zwei Wochen. Es geht auf die Sonneninsel in der Ostsee. Unser Sohn kennt unser Meer noch nicht und er kennt auch noch keine Quallen. Wir sind gespannt, wie beides bei ihm ankommt. Bisher hat er sich noch nicht als Badefreund zu erkennen gegeben, aber das kann sich ganz schnell wieder ändern. Denn nichts bleibt, wie es war. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 07.08.2022 10:59 Uhr.

Kinder, Garten, Gurken

Eine Hängetomate schlägt aus der Art und ein real existierendes Kind schläft nicht, ruht aber. 


Wir bewirtschaften ein kleines Gewächshaus in unserem Garten. Meine wunderbare Frau hat auf der einen Seite zwei Gurkenpflanzen in die von mir gesiebte Komposterde gebracht, die uns viel Freude machen. Auf der anderen Seite stehen die Tomaten. Hier ist nun leider ein Missgeschick passiert, das uns hoffentlich nicht noch Kopf und Kragen kosten wird. Eine der Tomaten nämlich, eine sogenannte Hängetomate, ist ganz offensichtlich aus der Art geschlagen und geradezu wild geworden. Sie trägt so gut wie keine Früchte, wuchert aber weit über den ihr zugewiesenen Platz hinaus und droht, die ordentlichen Tomaten mit ihren Würgeschlingen zu ersticken. Meine wunderbare Frau findet noch nichts weiter dabei, aber ich mache mir Sorgen. Ja, ich fürchte, dass ich über kurz oder lang beim Betreten des Glashauses von der Goldapfelfrucht angefallen werde und handlungs- und bewegungsunfähig zwischen ihren Tentakeln hängen bleibe. Folglich wässere ich die Tomaten nur noch durch die Dachluken des Gewächshauses, aber ich befürchte, dass die Mutante durch eben diese Luken hinauslangen und das ganze Gebäude zwischen ihren fleischigen Fangarmen erquetschen wird. Dann ist es auch mit den Gurken Essig. 

Aber so ist das nun mal. Alles Geschaffene strebt von Anbeginn dem Verfall und dem Gewesensein zu, ein Zustand freilich, der sich vom Nichtsein signifikant abhebt, weil ihm nun mal die Existenz vorausgegangen ist, sei sie nun köstlich gewesen oder nicht. Die Existenz unterscheidet sich wiederum von den anderen beiden Zuständen darin, dass sie sich in der Zeit ausbreitet, was ihr so ein „Geschmäckle“ verleiht, wie sie in Stuttgart sagen würden. Welche der drei, Nichtsein, Existenz oder Gewesensein nun vorzuziehen sei, bleibt dem kritischen Leser und der kritischen Leserin überlassen, wobei man fairerweise gleich sagen sollte, dass ein gerechtes Urteil nur von einer Metaebene aus zu fällen wäre, die einzunehmen aus einem der drei Zustände heraus nicht möglich ist. 

So kann auch unser real existierendes Kind dieser Frage nicht erschöpfend auf den Grund gehen, so sehr er darüber auch nachsinnen mag. Dass er sich damit beschäftigt, liegt nahe, denn aus dem Kindergarten wird berichtet, er würde mittags nicht schlafen, sondern nur ruhen. Sein Geist ruht mit Sicherheit nicht, sondern versucht zweifellos, diese letzten Fragen zu ergründen, was ihm freilich nicht gelingen kann, da der Geist selbst der Grund ist und dem Erkennen des Selbst nun mal unverrückbare Grenzen gesetzt sind. Aber das muss er schon irgendwann alleine herausfinden. Bis es soweit ist, freuen wir uns, dass mich die Tomate noch nicht erwischt hat und essen unsere Gurken.

Veröffentlicht in Kinder, Garten am 27.07.2022 18:39 Uhr.

Unvorstellbar

Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart! 


Ich sollte ein Brot kaufen. Nichts leichter als das! Auf dem Nachhauseweg suchte ich ein einschlägiges Geschäft auf und studierte das Regal mit den Backwaren. Mischbrot -, so habe ich von meiner lieben Frau gelernt, Mischbrot also, wird immer so schnell trocken. Meine Mutter muss das auch gewusst haben, denn sie hatte eine Dauerbestellung über zwei Roggenbrote beim Angermüller - Bäcker in Hennigsdorf. Jede Woche hatte ich dort das Brot abzuholen und zu bezahlen. „Zwei Roggenbrote für Schwester Eva“ musste ich sagen und es war mir immer unangenehm, weil ich meinte, alle die es hörten würden denken, meine Mutter wäre eine Nonne. Und es hörten viele, denn es standen immer viele Menschen dort an, bis weit auf die Straße hinaus. Die Warterei war aber noch viel schlimmer, als den Schwester - Eva - Spruch aufzusagen, denn es gab noch keine Handys. Man stand einfach nur da und guckte seinem Vordermann / seiner Vorderfrau auf den Rücken und musste sich die Gespräche anhören. Oder eben, für wen die Kinder hier Bestellungen abholten. Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr ich mit zwei Stoffbeuteln am Lenker wieder nach Hause. 

Jetzt war ich allein im Laden und mein Blick fiel auf ein kleines Brot, vielleicht 500 Gramm, das wirklich unverschämt gut aussah. Ich zeigte darauf und begehrte, es käuflich zu erwerben. Es handele sich um ein Dinkel-Roggenbrot, informierte mich die Verkäuferin. Ich strahlte sie an und nickte. Sie packte es in eine Plastiktüte und verlangte:
VIEREUROZEHN.
Ja, Herrschaftszeiten, wo leben wir denn? VIEREUROZEHN für ein kleines Brot! Dafür kann man zwei Liter Benzin kaufen oder drei Flaschen Bier. Legt man noch fünf Euro dazu, kann man einen Monat lang kreuz und quer mit den Öffis durch das ganze Land fahren. VIEREUROZEHN, das sind ja 8,20 DM! Auf dem Schwarzmarkt wären das Zweiundachtzig Ostmark gewesen. Aber was soll’s? Ich habe natürlich nichts gesagt und bezahlt. Das Brot war auch wirklich lecker. Unser Kind verdrückte zum Abendbrot drei Scheiben. 

1920 kostete ein Pfund Brot 1,20Mark. 1922 schon 3,50 Mark. Ein Jahr später, im September 1923 bezahlte man für das gleiche Brot 2 Millionen Mark. Man musste mit der Schubkarre zum Brot holen fahren und die Schubkarre war anschließend leer. Unvorstellbar. 

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 16.07.2022 12:35 Uhr.

Heiraten, Torte essen, Bier trinken

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen und nur weil einer recht hat, wird er dadurch nicht sympathischer. 


Es ist ein schöner Brauch, die Einschulungsfeierlichkeiten des Nachwuchses langfristig zu planen und geladene Gäste zu bitten, sich diesen Termin möglichst freizuhalten. Wir möchten uns dem anschließen und werden demnächst Einladungen zur Einschulungszeremonie unseres Sohnes im Jahr 2026 versenden. Da wir noch nicht wissen, in welchem Bundesland unser Kind eingeschult werden wird, bitten wir darum, dass alle Samstage vom 1.8.-15.9.2026 freigehalten werden. Wir werden den Termin zu gegebener Zeit konkretisieren. Ähnlich sind wir ja mit der Einladung zur Feier unserer kirchlichen Trauung vorgegangen. Immer wieder kommen Anfragen herein, ob man noch frei disponieren könne oder ob der Termin nun feststehe. Aber auch hier ist der Veranstaltungsort noch nicht endgültig bestimmt, das Wetter muss mitspielen und eine geeignete Amtsperson muss auch noch gefunden werden. Wenn wir uns alle weiterhin ein bisschen in Geduld üben, kann man die Feier vielleicht mit der Konfirmation unseres Sohnes, seiner Hochzeit oder unserer Silberhochzeit verbinden. 

Der Christian und die Franca haben ja nun auch geheiratet. Also der Lindner und die Lehfeldt. Auf Sylt. Es gab viel Kritik. In Dippoldiswalde wird das warme Wasser rationiert und der Bundesfinanzminister feiert Traumhochzeit! „Die trauen sich was“ titelte die Süddeutsche.  Aber natürlich machen die beiden alles richtig. Wenn morgen die Welt unterginge - heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Nicht, dass mir der Marco Buschmann etwa sympathisch wäre, aber in dem Punkt gebe ich ihm doch recht: Geheiratet werden muss immer und es muss mit dem größten möglichen Luxus gefeiert werden. Geht nicht gibts nicht. 

All das schreibe ich bei ruhigem Herbstwetter von meinem Alterssitz im Erzgebirge aus. Am nächsten Wochenende wollen wir schon mal die Adventsdeko aufbauen. Vielleicht bekommen wir ja auch schon etwas Schnee. Das war nach den Hitzewellen der vergangenen Wochen nicht anders zu erwarten. Die gesamte Hitze des Jahres ist damit so gut wie aufgebraucht. Möglicherweise gibt es noch ein paar warme Tage, aber mehr ist einfach nicht drin. Das Pulver für diesen Sommer ist verschossen. Dass es im nächsten Jahr besser wird, muss nach allem was wir wissen bezweifelt werden. Darum soll man jetzt: Heiraten; Torte essen; Bier trinken. Und morgen sehen wir ja, was dann noch geht. 

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 30.06.2022 10:00 Uhr.

Noch lange nicht fertig

Es gibt ein einfaches Mittel gegen zu viele Aufgaben: Noch mehr Aufgaben.


Früher war mein Leben einfach. Ich musste an fünf Tagen in der Woche zur Arbeit (Teilzeit!) und irgendwie einen kleinen Haushalt bewältigen: einkaufen, Müll wegtragen, abwaschen, zweimal im Jahr staubsaugen. Keine große Sache. Trotzdem wäre ich manchmal fast zusammengebrochen und hatte schon erwogen, mich beim Schwarzfahren erwischen zu lassen, um wenigstens ein paar Monate in einer Haftanstalt ausspannen zu können. Zu meinem großen Glück traf ich eine Gefährtin und Wegbegleiterin, die mich heiratete, bevor ich mich vollends ins Unglück stürzen konnte. Wir bekamen ein Kind. Das will nun betreut und gepflegt werden, es ist mehr Müll wegzutragen, es muss für drei eingekauft werden, ein Geschirrspüler muss ein- und ausgeräumt und eine viel größere Wohnung gestaubsaugt werden. Wer allerdings meine Frau kennt, kann sich denken, dass für mich nicht mehr viel Aufgaben übrig bleiben, wenn sie in der Nähe ist. Wenn ich losgehe, den Müll runterzutragen, kommt sie schon wieder zurück, bevor ich am ersten Eimer angekommen bin. Während ich überlege, in welchem Zimmer ich zuerst sauge, ist sie schon im letzten angekommen und macht damit nebenher noch unser Kind glücklich. Sie ist einfach zu schnell. 

Aber was soll’s? Es geht im Leben nicht um Geschwindigkeit. Unser Planet fliegt mit mehr als 100 000 km/h um die Sonne und dreht sich dabei mit mehr als 1000 km/h um sich selbst. Das reicht doch. Eigentlich könnte man den ganzen Tag einfach nur still sitzen bleiben und wäre immer noch schnell genug unterwegs. Die traurige Wahrheit ist: Das Leben wird dadurch nicht leichter. Es bliebe nur ärmer. Mit jeder neuen Aufgabe, vorausgesetzt, es ist die richtige, wird es reicher.

Also gehe ich wieder an fünf Tagen in der Woche arbeiten (Teilzeit!) und kümmere mich dort um neue Aufgaben. Außerdem haben wir jetzt noch einen Garten und meine Frau hat Tomaten, Gurken und Sonnenblumen gepflanzt. Wir müssen gießen, Rasen mähen, umgraben, Gartenabfälle einsammeln und entsorgen und eigentlich auch noch einen Bungalow renovieren. Wir sind dran, einer langsam, die andere schnell. Was wir in diesem Jahr nicht schaffen, machen wir im vielleicht nächsten Jahr. Und wenn uns alles doch ein bisschen über den Kopf wächst - dann suchen wir uns einfach noch mehr Aufgaben. Wir sind noch nicht fertig. Noch lange nicht!

Veröffentlicht in Arbeit am 26.06.2022 12:00 Uhr.

Viertel vor sieben

"Und es soll Sonnabend sein und es soll Topfkuchen geben und er soll schon auf dem Küchentisch steh'n. Eine Kanne Kakao und meine Tasse daneben und ich darf die braune Backform umdreh'n. Schokoladenflocken, mit der Raspel gerieben, in der Schaumkrone meines Kakaos. Manchmal wünscht' ich, es wär noch mal viertel vor sieben und ich wünschte ich käme nach Haus." Reinhard Mey, Viertel vor sieben


Diesmal war ich nicht nur eine Weile weg. Ich war lange weg. Und ich war ganz weg. „Was kommt nach Lauter?“ fragt mein kleiner Sohn sehr gerne. „Nun“, pflegen wir dann zu antworten, „nach Lauter kommt Schwarzenberg“, denn Lauter heißt der Ort im Erzgebirge, den wir passieren müssen, wollen wir von Aue kommend nach Hause fahren. „Nein“, sagt er dann, „nach lauter kommt leiser!“ Das ist natürlich nicht verkehrt. Aber dann will er wissen, was nach leiser kommt. Es hat eine Weile gedauert und es ist vielleicht auch nicht sehr originell, aber inzwischen hat sich folgender Ablauf entwickelt: nach leiser kommt schneller und nach schneller kommt fest. Nach fest kommt lose und nach lose kommt ab. Nach ab kommt weg und nach weg kommt schließlich - ganz weg. 

Das war ich nun also, ganz weg. Aber doch nicht so ganz, denn dieses Wochenende war ich wieder da: In Sankt Marien in Bernau. Nach drei Jahren Corona-Pause durfte wieder musiziert und gesungen werden und das wollten die Lobetaler, die drei Jahre lang auf alle Feste verzichten mussten, mit einem schönen Konzert feiern. Und ich war dazu eingeladen worden. Es war ein kurzer Heimaturlaub während einer langen Wanderschaft. Zu kurz um mehr zu sein, als nur ein Winken. Winken aus dem langsam fahrenden Zug. Aber wir haben einander gesehen und gehört und dies allein schon tat so gut. Mein Nachtquartier bezog ich bei Axel, dem alten Freund, bei dem ich länger als ein Jahr wohnte, gerade als meine Geschichte mit Lobetal vor mehr als zwanzig Jahren begann. Ich schlief in meinem alten Zimmer, im Bad hing immer noch dasselbe Bild an der Wand und auf dem Küchentisch stand eine Kanne Kakao und daneben: meine Tasse. Es war Sonnabend, und es war viertel vor sieben.

Natürlich stimmt das so nicht. Es war dreiviertel acht und es war nicht der Küchentisch, sondern der Kühlschrank. Darin stand auch keine Kanne Kakao sondern zwei Flaschen Hefeweizen. Aber ich dachte: Was können wir unserem Söhnchen in diesen Zeiten besseres schenken, als dieses Gefühl der Geborgenheit eines Zuhauses. Ein Ort, an dem ein bisschen die Zeit stehen bleibt und den er, auch wenn es diesen Ort schon lange nicht mehr gibt, tief in seinem Herzen trägt. Dorthin soll er dann immer zurückkehren und seine Zuflucht finden können, wenn die dunklen Regenwolken aufziehen und die Dämmerung mit ihren Schatten ihn ängstigen will. Davon durfte ich ein Lied singen, in Sankt Marien in Bernau. Und es war Sonnabend. 

Veröffentlicht in Lobetal, Musik am 20.06.2022 4:00 Uhr.

Klein und lästig

Wie die Sprache immer wieder verrät, was wir wirklich denken. 


In der Arbeit mit behinderten Menschen gab es zuletzt viele sogenannte Paradigmenwechsel. Man besann sich zum Beispiel irgendwann darauf, dass man es nicht mit Kindern zu tun hatte, die unserer Fürsorge anvertraut waren, sondern mit Partnern, die zur Teilhabe berechtigt, ja berufen waren. Als ich meine berufliche Laufbahn in der Behindertenhilfe begann, gab es in der dortigen Praxis durchaus noch die Vorstellung, dass die dort lebenden Menschen in erster Linie zu erziehen seien. Die dabei angewandte Methodik war in Teilen auch damals schon fragwürdig. Dass das aber auf einmal alles falsch sein sollte, haben nicht alle der schon länger Mitarbeitenden sofort und unmittelbar verstanden und verinnerlicht. Man war entsetzt. Ungefähr das gleiche Entsetzen spiegelt sich jetzt auch in den Äußerungen der Fachleute und Experten in den Jobcentern. Die Arbeitslosen werden ihnen „auf dem Kopf herumtanzen“, wenn es zu der geplanten Lockerung der Sanktionen komme. Man hätte nichts mehr in der Hand. Genau das haben die langgedienten Wohnheim-Mitarbeiter auch gesagt, als man ihnen erklärte, der Entzug von Mahlzeiten oder das Wegschließen des Fernsehers sei mit dem Leitbild der Einrichtung nicht länger vereinbar. 

„Auf dem Kopf herumtanzen!“ Was ist denn das überhaupt für ein albernes Sprichwort? Ich kenne nur die Wendung „auf der Nase herumtanzen“. Dabei stellt man sich vor, dass man irgendetwas sehr Kleines aber durchaus Lästiges direkt vor Augen hat, aber seiner nicht Herr wird. Wenn einem etwas oder jemand auf dem Kopf herumtanzte, würde man es ja nicht sehen und es würde einen folglich auch nicht stören. Unser liebes Kind tanzt uns, seinen braven Eltern,  zum Beispiel gerade täglich auf der Nase herum. Dabei ist unser Kind natürlich noch sehr klein aber er ist uns selbstredend keinesfalls lästig. Nur sein Verhalten ist es zuweilen. Wahrscheinlich haben alle Kinder ein sicheres Gespür dafür, mit welchem Betragen sie ein eben noch in sich ruhendes Elternteil auf die Palme bringen können. Mit diebischer Freude kosten sie dann ihre neu gewonnene Macht aus. 

Bei aller Verzweiflung weiß man als Mutter oder Vater aber doch, dass man mit dem noch so unerwünschten Verhalten nicht als Person herausgefordert oder in Frage gestellt wird. Oder man sollte es zumindest wissen. So eine Einstellung könnte man dann schon professionell nennen. Noch mehr als von Eltern kann man Professionalität doch eigentlich von den Mitarbeiterinnen im Jobcenter erwarten. Eigentlich. Aber auch und gerade „eigentlich“ soll man ja eigentlich nicht sagen. 

Veröffentlicht in Arbeit, Elternzeit am 26.05.2022 8:30 Uhr.

Im Tierpark

Wenn man will, dass etwas ordentlich gemacht wird, macht man es am besten selbst. 

Kinder lieben Tiere. Das glauben zumindest die Erwachsenen. Wir dachten das auch und fuhren mit unserem Kind in den Tierpark. Es gibt dort einen Ticketautomaten und eine entsprechende Vorrichtung zur Zugangskontrolle. Man steckt sein Ticket in einen weiteren Automaten und kann dann ein Drehgitter passieren. Soweit, so einfach. Normalerweise stellt man sich vor das absperrende Gitter, drückt es vorwärts und geht dabei hindurch. Ich bin schon hundertmal durch solche Gitter gekommen, ohne darin stecken zu bleiben, aber diesmal hatte offenbar irgend etwas in mir Bedenken. Frau und Kind hatten die Sperre schon passiert, nur ich stand noch draußen. Ich ließ mein Ticket verschwinden und wieder herauskommen, es klickte und ich griff  beherzt neben mich, um das Gitter vor mir an mir vorbei zu drehen. Hinein kam ich so freilich nicht. Ich stand nach der Drehung des Gitters noch am selben Fleck wie vorher und die Sperre rastete wieder ein. Ich steckte mein Ticket noch einmal ein und im Display erschien die Information, ich sei bereits eingetreten. Das Kind schien auch dieser Meinung zu sein und rannte los. Meine liebe Frau musste hinterher und ich stand mutterseelenallein, wie früher nach dem Abschied am Bahnhof Friedrichstraße. 

Es war sogar noch schlimmer, denn damals hatte ich wenigstens noch meine Eltern bei mir, die auch nicht rüber durften. Diesmal gab es niemanden mehr, der mich getröstet hätte. Meine Frau drehte sich noch einmal um und riet mir von ferne, ein neues Ticket zu lösen. Nichts lag mir ferner, aber es schien für den Moment die einzige Möglichkeit zur glücklichen Zusammenführung unserer so jäh getrennten Familie zu sein. Ich kaufte also noch eine Eintrittskarte, wenigstes ermäßigt.

Unser Kind hielt sich unterdessen nicht lange mit den Tieren auf. Er erinnerte sich, dass es hier einen Bagger geben musste und da mussten wir hin. Da konnte der Pfau noch so traurig rufen, es musste gebaggert werden. Zicklein, Esel, Uhu und Sattelschwein mochten um die Aufmerksamkeit unseres Söhnchens buhlen, es kümmerte ihn nicht weiter. Die Tiere waren hier gut versorgt, aber wer kümmerte sich um den Bagger? Hin und wieder kam mal ein anderes Kind vorüber, dann machte er bereitwillig Platz. Aber die anderen konnten es einfach nicht, hatten nicht die nötige Geduld oder sie hatten Wichtigeres zu tun: Sie mussten essen, sie mussten trinken, sie mussten dies, sie mussten das. Was bieb ihm anderes übrig, als es allein zu machen? Danach muss man als Müllmann den Müll wegfahren. Und dann muss man auch schon wieder in den Kindergarten. 


:end

Veröffentlicht in Elternzeit, Arbeit, Kindergarten am 16.05.2022 14:09 Uhr.

Zurück im Büro

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man zwei Löcher ins Papier bekommt. Wenn man aber im Büro überleben will, gibt es nur eine. 


Das locherlose Büro ist, genau wie die Abwendung vom Leitz-Ordner, eines jener Hirngespinste aus meiner Zeit als Student und Berufsanfänger. Ich dachte damals, man müsse „Büro“ einfach neu denken und wollte mich von den überkommenen verkrusteten Traditionen und Strukturen befreien. Ich belächelte die Kommilitoninnen, die mit diesen - wie ich meinte - Relikten bourgeoisen Intellektuellentums die Seminartische belegten. Ich beschrieb A5 Blätter, die ich einmal faltete, am Falz beschriftete und in Karteikästen einsortierte. Heute weiß ich es besser: Am Leitz kommt nun mal keiner vorbei und zum Leitz gehört der Locher,  ob man nun will oder nicht. Als sich nun die ersten Papiere auf meinem Schreibtisch zu sammeln begannen, fand ich beim Büromaterial zwar jede Menge Ordner, aber ich hatte keinen Locher. Das wunderte mich nicht weiter, denn in meinem Büro stand auch kein Bürostuhl. Meine Vorgängerin hätte ihren eigenen dabeigehabt, hieß es. Warum sollte sie nicht auch ihren eigenen Locher dabeigehabt haben? 

Auf der Suche nach einem geeigneten Stanzgerät landete ich folgerichtig bei dem Kollegen, der das Büromaterial bestellt. Diese Position macht einen beliebt, gern gesehen und sie verleiht Macht. Bevor man hier auch nur einen Bleistift bekommt, muss man sich erstmal einen Status erarbeiten, der einen für den alleinigen Gebrauch eines Bleistifts qualifiziert. Bis man gar einen eigenen Locher bekommt, ist es ein langer und steiniger Weg. Ich bin ihn gegangen. Und ich bekam meinen Locher. 

Und was für ein Locher! Es ist der Porsche unter den Lochern. Two hole punch. Schwarz. Ich war begeistert. Und gerührt. Ich hatte es geschafft. Allein die Tatsache meiner Rückkehr an diesen Arbeitsplatz hatte mir diesen Status verschafft und ich musste nun nicht wegen jeden einzelnen Loches zum Bittsteller in einem der Nachbarbüros werden. Mein Blick wanderte über die Weiten meines Schreibtisches und suchte nach einem würdigen Platz für dieses Symbol meines märchenhaften Aufstiegs. Und ja, da war ein Platz zwischen Monitor und Büroklammerspender, doch dort stand schon etwas. Auf der Oberfläche dieses Gegenstandes haftete ein Klebezettel, darum hatte ich ihn nicht als das wahrgenommen, was es nun mal war: Ein Locher. Two hole punch. 

Veröffentlicht in Büro, Arbeit am 12.05.2022 18:50 Uhr.

Hemmschuh und Bremsklotz

Das Wort "Schienenersatzverkehr" triggert nicht nur die Rechtschreibprüfung. Es ist die Antwort der Bahn auf unser Bedürfnis nach einem reibungslosen Alltag. 


Wenn man schon zwei Stunden jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit unterwegs ist, könnte man doch schön in der Bahn so dies und das erledigen. Aber die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn Sie bei der Störung und Behinderung des Alltagslebens halbe Sachen machen würde. „Hemmschuh“ und „Bremsklotz“ sind schließlich Begriffe, die aus dem Bahnbetrieb stammen. Nein, das Umsteigen in den Schienenersatzverkehr und wieder zurück ermöglicht keine andere Beschäftigung, als tatenlos aus dem Fenster zu gucken. Trotzdem lassen sich doch einige interessante Beobachtungen machen. Es gibt nämlich nur auf einer Seite der Bahnanlage eine Wendestelle für den Bus. Manchmal steht der Zug aber aus Gründen, die sich dem Außenstehenden nicht erschließen, auf dem gegenüberliegenden Gleis. Man müsste jetzt den Weg, den man gerade mit dem Bus gekommen ist, ein ganzes Stück zurücklaufen, eine Brücke überqueren und käme dann erst am anderen Gleis an. Der Mensch scheint nun aber so beschaffen zu sein, dass er sich immer den kürzesten Weg sucht. Außerdem entsteht so etwas wie Schwarmverhalten, bei dem Überzeugungen und Einstellungen des Individuums einfach überschrieben werden können. 

So wälzt sich dann also ein beachtlicher Schwarm von Businsassen zu dem nächstliegenden Gleis, an dem aber gar kein Zug steht. Hier kommt der Fluss der Bewegung kurz ins Stocken, bis der erste - hopp - hinunter in die Gleise springt, diese überquert und drüben wieder herausklettert. Das machen dann alle so, ob alt der jung, ob mit Gepäck oder ohne. Spontan entsteht Solidarität und sogar Kinderwagen werden gemeinsam übers Gleis getragen. Hält der Zug auf dem Rückweg auf dem falschen Gleis, steht meistens noch kein Bus da, so dass der Schwarm sein Ziel nicht direkt vor Augen hat. Wenn dann eine kurze Ansage erfolgt, der Weg zum Bus führe über die Brücke, latschen alle los und gehen klaglos und zielstrebig den langen Weg, auch die, die am Morgen über die Gleise gekommen sind. Wollte man also verhindern, dass sich jemand im Gleis die Haxen bricht, müsste wahrscheinlich nur der Busfahrer eine Ansage machen, dass der Weg über die Brücke führe. Wenn dann die ersten in Richtung Brücke losmarschieren, wäre der Drops gelutscht. 

Über solche Zusammenhänge denken Busfahrer aber nicht nach und Gleise gehen sie sowieso nichts an. Ich denke als Schwarmmitglied natürlich auch nicht und wenn ich nach zwei Stunden endlich zu Hause ankomme, spute ich mich, mein Söhnchen endlich aus dem Kindergarten auszulösen. Dem scheint es jetzt dort richtig gut zu gefallen. Er denkt gar nicht ans nach Hause fahren, sondern will mir alle Spielgeräte im Außengelände zeigen und auch mit mir dort spielen. Nach dem ich ihn zwei Monate gegen heftigen Widerstand dort zurückließ, trage ich ihn nun gegen seinen lautstark ausgedrückten Willen von dort ab. Meine Oma hat immer gesagt: „Die Erde dreht sich!“ Und mir ist längst klar: „Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.“

Veröffentlicht in Elternzeit, ÖPNV am 07.05.2022 9:48 Uhr.

Gute Nacht

Nach dem Wochenende ist vor dem Wochenende und die Vorfreude ist das beste daran!


Man kann nicht sagen, dass einem bei der Erzgebirgsbahn  für sein Geld nichts geboten werde. Spannung, Nervenkitzel aber durchaus auch Humor gehören zu den Zutaten, mit denen die wackeren Erzgebirger ihre Eisenbahn attraktiv machen, wenn sie schon kein W-Lan im Zug haben. Heute stand zusätzlich noch Verwirrung auf dem Programm. Ganz individuell kommt bei mir hinzu, dass ich erst ganz langsam wieder die Algorithmen aktivieren muss, die zwar noch alle gespeichert aber doch auch ein wenig eingeschlafen sind. Außerdem muss verschüttetes Wissen wieder aufgefrischt werden. Zum Beispiel wollte mir die Adresse meines Arbeitsplatzes nicht mehr einfallen. Zu den morgendlichen Ritualen, die ja Sicherheit vermitteln sollen, gehörte nun auch das Lauschen auf die an unserem Haus vorbeifahrende Bahn. Ein Geräusch, das sich zur festgesetzten Zeit ereignen muss, damit der Start in den Tag gelingt. Heute früh blieb es aus. Die Bahn fuhr nicht vorbei. Wenn sie nicht vorbeifährt, kann sie nach den Gesetzen der Logik auch nicht wieder zurück kommen. Und wenn sie nicht zurück kommt, kann ich nicht einsteigen. 

Wäre jetzt Winter, wäre ich gleich zu Hause geblieben. Da wir aber Frühling haben, ging ich los, hinaus ins Ungewisse. An der Treppe zum Gleis hörte ich einen Zug einfahren. Ich stürzte hinauf und kam rechtzeitig zur Bahn, die vorbeifahren muss und in die ich folgerichtig nicht einsteige. Ich ließ sie fahren und mein Blick fiel auf den Fahrtrichtungsanzeiger. Dort stand: „Gute Nacht“. Immerhin kam die Bahn dann mit Verspätung zurück, immer noch als „Gute Nacht“ und jetzt konnte ich einsteigen. Den erzgebirgischen Busfahrern muss man zugute halten, dass sie bis zu fünfzehnminütige Verspätungen locker wieder herausfahren. Ich sitze dabei im Fond des Wagens und versuche diese Zeilen zu schreiben, wobei mir immer wieder die Schreibmaschine von den Knien rutscht. Es könnte gut sein, dass der Schienenersatzverkehr nur eingerichtet wurde, weil die Bahnen immer soviel Verspätung hatten. 

Unser Kind hat seinen ersten langen Kindergartentag mit Bravour hinter sich gebracht. Er stand gut gelaunt auf dem Hof, als ich ihn mit dem Fahrrad abholen kam und hatte es gar nicht eilig, von dort wieder weg zu kommen. Schließlich ließ er sich doch überreden, mitzukommen. Als er dann festgeschnallt in seinem Kindersitz saß, seufzte er herzhaft, lachte mich an und sagte: „Und jetzt ist Wochenende!“. Und ich sagte: „Gute Nacht!“ 

Veröffentlicht in Elternzeit am 03.05.2022 12:19 Uhr.

Unterwegs

Nach 14-monatiger Klausur wagt sich der Autor wieder unter die Menschen.


Sechs Uhr siebenundvierzig. Vor nicht ganz zehn Minuten habe ich unsere gemütliche Wohnung samt Frau und Kind verlassen. Nach vierzehn Monaten, in denen mir unser kleiner Junge nicht nur ans Herz sondern beinahe auch an den Oberkörper gewachsen ist. Letzteres wäre auch garantiert passiert, hätte ich mich nicht dazu durchgerungen, ihn in den letzten zwei Monaten stundenweise professioneller Betreuung anzuvertrauen. Dadurch entsteht ein wenig Abstand, der einen erkennen lässt, dass aus dem kleinen längst ein großer Junge geworden ist. Einer, der auch schon eine zeitlang ohne Vater oder Mutter überleben kann und der auch durchaus wissen will, was es da draußen noch alles zu entdecken gibt. 

In der Eisenbahn ist es, als wäre ich nie weg gewesen. Die Zugbegleiterin will meine Fahrkarte gar nicht sehen („Weiß ich doch!“) und informiert mich umfassend über die Modalitäten des Schienenersatzverkehrs. Dabei hat mich die Beschaffung einer entsprechenden Zeitfahrkarte nicht nur meine verbliebenen Ersparnisse, sondern auch einige Nerven gekostet. Nachdem ich am Freitag das Büro der  Verkehrsbetriebe ausfindig gemacht hatte, musste ich nämlich zur Kenntnis nehmen, dass dort nicht nur keine Zeitfahrkarten, sondern ganz einfach gar keine Fahrkarten verkauft wurden. Mir wurde geraten, es doch mal im Bus zu versuchen, wenn sich denn mal einer am Busbahnhof einfände. Ich dachte, im Bus kann man bestimmt nicht mit Karte bezahlen und fuhr zur Bank, um den benötigten Barbetrag dann in zwei Fahrradgepäcktaschen zum Bus zu schaffen. In der Bank war dann der Geldautomat außer Betrieb. Irgendwie habe ich es aber doch noch geschafft, die fragliche Summe in Bar aufzutreiben. Im Bus erklärte mir der Fahrer, er akzeptiere eigentlich nur Karten, da er so viel Bargeld nicht den ganzen Tag spazieren fahren wolle. Aber er würde eine Ausnahme machen, weil er gleich Feierabend hätte.

Nun will das teure Ding heute keiner sehen und ab nächsten Monat kann ich wahrscheinlich für neun Euro fahren. Den ersten Arbeitstag bringe ich damit rum, mich bei den neuen Kolleginnen vorzustellen, die seit meinem Weggang angefangen haben, wofür die Zeit gerade so ausreicht. Man will nicht am schon am ersten Tag Überstunden machen. Dann gehe ich durch die Stadt zum Bahnhof. Die Menschen sitzen wieder vor den Cafés draußen in der Sonne. Ich verspüre große Lust, jetzt einen Biergarten aufzusuchen und eine ausführliche Mittagspause abzuhalten. Aber ich muss mich mit Bahn und Bus auf den langen Heimweg machen, denn mein Kind wartet auf mich. Er wartet schon lange genug. Ich komme. Ich bin unterwegs. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 02.05.2022 12:26 Uhr.

Alles neu macht der Mai

„Wenn mein altes Fahrrad ein nagelneues Motorrad wär' / und ich wär ein Geheimagent und käm' damit daher...“


Ich habe mein altes Fahrrad gegen ein nagelneues Motorrad eingetauscht. Genau genommen gegen ein nagelneues Motorfahrrad. Ein Elektromotor zieht uns den Berg hinauf, auf dem das Haus steht, in dem die anderen Kinder warten. Sie warten auf unseren Sohn, der jetzt ein richtiges Kindergartenkind ist und einen halben Tag dort verbringt. Unsere Trennung ist jedes Mal eine Tragödie, aber seine Betreuerinnen sagen, das sei schnell wieder vergessen. Umso größer ist die Freude, wenn ich ihn nach dem Mittagsschlaf abhole und wir den Berg hinab wieder nach Hause fahren. Was mag in dem Kinde vorgehen, nachdem es so verzweifelt am Fenster stand und mich wegfahren sah? Ich hatte als Kind lange Zeit immer wieder einen Albtraum: Ich ging allein auf dem Weg zum Bahnhof. Dann sah ich meine Eltern, wie sie mir entgegenkamen. Ich lief los, ich rannte und ich sprang meinem Vater in die Arme. Aber es war gar nicht mein Vater. Es war auch nicht meine Mutter. Es waren überhaupt nicht meine Eltern, sondern wildfremde Leute, die mich nun mit zu sich nach Hause nahmen. Dann wachte ich meistens auf. Kam das vom Kindergarten?

Ab nächsten Montag gehe ich wieder arbeiten. Es ist wieder nicht gelungen, ernsthafte Alternativen zur Erwerbsarbeit zu entwickeln. Also muss ich eben in den sauren Apfel beißen. Damit es nicht zu einfach wird, macht die Erzgebirgsbahn erst mal neue Baustellen auf und fährt im Pendel- und Schienenersatzverkehr. Im Fahrplan schreiben sie, man soll einen Takt früher nutzen, um pünktlich irgendwo anzukommen. Die Züge fahren einmal in der Stunde. Wer reist, hat Zeit! Unser Kind wird also bald viel Zeit im Kindergarten verbringen. Es sei denn, er wird krank. Das ist bis jetzt in jedem der zwei Kindergartenmonate einmal vorgekommen. Selbstverständlich würde ich dann mit ihm zu Hause bleiben und ihn wieder gesund pflegen, wenn ich nicht selbst außer Gefecht gesetzt werde. 

Die Kindergarten-Krankheiten können ganz schöne Keulen sein, die einen Erwachsenen umhauen, während das Kind einfach weitermacht, als wäre nichts. Beim letzten Mal bekamen wir beide während des Abendessens ohne Vorwarnung Durchfall. Unser Sohn drückte in seine Windel ab, während ich versuchte, noch rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Dabei verließen mich schlagartig alle Kräfte, ich musste mich gleich hinlegen - und blieb zwei Tage liegen. Danach schlief ich eine Nacht durch und war wieder gesund. Das Kind war gleich am nächsten Morgen wieder einsatzbereit. Schauen wir doch mal, wer von uns am Jahresende die meisten Fehltage hat. Kommt heraus, lasst das Haus, windet einen Strauß. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 26.04.2022 8:14 Uhr.

Versuch macht klug

Postersteiner Akademie-Musiken am Sonntag, 24.04., 16:00, Akademie für angewandte Musiktherapie, Dorfstraße 28, 04626 Posterstein


Wenn man sich für einen Programm-Titel entscheiden muss, bevor das Programm fertig ist, ist es unwahrscheinlich, dass am Ende das Eine etwas mit dem Anderen zu tun hat. Das fertige Programm müsste daher nun eher „Schlechter Poet“ heißen, nicht weil die Lieder und Texte schlecht wären, sondern weil sie schön sind und folglich nicht vom Glück in die Feder diktiert wurden. Denn „nur das Leid kann so schöne Lieder machen und das Glück ist ein schlechter Poet.“

 

Ulf Renner hieß früher Ulf Gladis, war ledig, kinderlos, lebte allein in einem Dorf im Brandenburgischen und sang hauptberuflich Volkslieder. Als er mit dem Schreiben kurzer Texte begann, fing das mit den Veränderungen an. Heute ist er verheiratet, heißt Ulf Renner, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Schwarzenberg im Erzgebirge und singt ganztags Kinderlieder. 


https://christoph-schwabe.de/postersteiner-akademie-musiken/

Veröffentlicht in Elternzeit, Musik am 21.04.2022 7:35 Uhr.

Über das Weiße in den Worten

Alles hat seine Zeit, auch das Weißbier. Die ist nun zwar vorbei, geht einem aber nicht aus dem Sinn. 


Wer wie ich in seiner Jugend das Vergnügen hatte, ein bisschen alte Kirchengeschichte zu hören, wird die Geschichte mit dem Jota nicht vergessen haben, das die strittigen Begriffe homoousios (wesensgleich) und homoiousios (wesensähnlich) voneinander unterscheidet. Es ging dabei um das Verhältnis von Vater und Sohn, die einen sagten so und die anderen so und am Ende hatte man das schönste Kuddelmuddel, das uns heutigen unter anderem die Dreifaltigkeit beschert hat. Keinesfalls wollen wir hier alten Streit wieder aufwärmen. Die Geschichte soll nur als Beispiel dafür dienen, wie entscheidend winzigste Wortbestandteile für dessen Bedeutung und weiter für den Frieden in einem Gemeinwesen sein können. Der hier zitierte Streit hat die gerade im Entstehen begriffene Reichskirche ins Wanken gebracht und immerhin auch dem Reich selbst so zugesetzt, dass sich der Kaiser höchstpersönlich damit befassen musste. 

Mir fiel das ein, nachdem ich das Glück hatte, bei unserm Bäcker kurz vor unserer Quarantäne ein Kastenweißbrot zu ergattern. Daheim war die Freude darüber groß, denn man muss bei unserem Hausbäcker schon dazukommen, um diese kleine Köstlichkeit sozusagen weiß auf schwarz nach Hause tragen zu können. Die nächsten Frühstücke waren gerettet und meine Frau geriet während der Mahlzeit darüber vor Freude ganz aus dem Häuschen. Sie schwärmte vom „Weißkasten“, den wir unbedingt wieder einkaufen sollten, wenn es uns denn mal wieder erlaubt sei. Ich ließ mich von ihrer Begeisterung mitreißen, wobei ich in meiner Verzückung gleich irgend etwas von einem „Kasten Weißbier“ lallte. 

So kann es gehen. Man muss beim Sprechen eben schon seine sieben Sinne ein bisschen zusammennehmen. Schließlich kann ein handfester Streit, der sich eben schnell mal am sprichwörtlichen Jota entzünden kann, in der Quarantäne schlimme Folgen haben. Unsere Dreifaltigkeit könnte ins Wanken geraten und das Verhältnis von Vater und Sohn möglicherweise Schaden leiden. Nicht auszudenken, wenn wir statt der Backware nun nichts als Weißbier zum Frühstück gehabt hätten. Wenigstens Weißwurst müsste schon noch dazu gereicht werden. In dieser wesentlichen Frage sind Vater und Sohn nicht nur wesensähnlich, sondern wesensgleich. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Quarantäne am 30.03.2022 9:36 Uhr.

Meine Liebe

Liebe bedeutet, darauf vertrauen zu können, dass man gehalten wird, so ungeschickt und unzulänglich wie man nun mal ist. 


Meine alte war ja eigentlich noch ganz gut. Aber auf Instagram wurden mir ständig neue angezeigt, eine schöner als die andere. Es ist nichts Rationales. Allein die aufgemotzten Bilder lassen einen ständig denken: wenn ich sie nur endlich hätte! Dann hätte die liebe Seele Ruh. Also nimmt man Kontakt auf und wartet. Man denkt ständig an sie und wartet weiter. Und dann ist sie da. Und man denkt: Wow!! Die alte wird links liegen gelassen und mit der neuen am Arm lässt man sich irgendwie dümmlich grinsend in der Stadt sehen. Aber es dauert gar nicht lange, da merkt man, die alte war nicht nur gar nicht so schlecht, sie war einfach um ein Vielfaches besser. Es wird schnell klar: Die neue kann dies nicht und sie kann das nicht. Sie sieht zwar immer noch ganz gut aus aber auch die alte sieht auf einmal wieder viel besser aus und man weiß gar nicht mehr, warum man unbedingt eine neue Uhr haben wollte. 

Glücklicherweise sind Uhren nun gegen solcherlei Allüren völlig unempfindlich und schmiegen sich auch dem treulosesten Hallodri wieder ums Handgelenk, als sei nichts gewesen. Meiner wunderbaren Frau gestand ich, dass meine alte Liebe wieder neu erwacht sei. Sie errötete kurz, verstand aber schnell, dass ich nur von einer schnöden Uhr sprach und verbarg nur schlecht ihre Enttäuschung. 

Das war nun zweifellos sehr ungeschickt von mir. In Gegenwart meiner Allerschönsten, die mich wirklich liebt, über meine Beziehung zu Uhren zu sprechen und dabei das Wort „Liebe“ zu verwenden, ließ mich in keinem guten Lichte dastehen, weder was meine Beziehungsfähigkeit, noch was meinen Gemütszustand insgesamt betraf. Dabei ist es so, dass meine Liebe zu ihr immer und immer weiter wächst und dabei jeden Morgen neu erwacht, einer Blüte gleich, die sich unter der aufgehenden Sonne jeden Tag weiter öffnet, ihre Strahlen trinkt und dabei selbst immer schöner wird. So etwas braucht man aber nicht zu sagen, nachdem man sich kurz zuvor nicht entblödet hat, ein goldenes Kalb in Gestalt einer Uhr anzubeten. Ich brauche überhaupt nichts zu sagen. Nur meinen Kopf brauche ich in ihren Schoß zu legen. Und dann lasse ich einfach los. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Quarantäne am 29.03.2022 9:18 Uhr.

Der letzte Tag

Ob Fastenzeit oder Quarantäne - man muss schon irgendwie versuchen, sich das Dasein erträglich zu gestalten. 


Die Frage, wozu das gut sein soll, war schnell geklärt: Durch die Quarantäne entgehen wir dem Jetlag durch die Zeitumstellung. Das muss ja nun wirklich nicht auch noch sein. Schließlich hätte das Kind nicht früher geschlafen, hätte aber eine Stunde früher aufstehen müssen. So können wir alle gemeinsam ganz gemächlich in die neue Zeit hinübergleiten. Es ist wie ein Urlaub in Übersee. Und was für ein Urlaub! Wir dürfen ja nicht hinaus: Keine Einkäufe, keine Besuche, gar nichts dürfen wir draußen machen. Zu unserem großen Glück verfügt das Anwesen, auf dem wir uns eingemietet haben über Vermieter, die Einkäufe mitzubringen würden, über genügend Spielgerät und Auslauf für das Kind und über einen lauschigen privaten Biergarten. 

Da meine liebe Frau bei diesen Temperaturen nicht so schnell trinken kann, dass das Bier nicht warm wird, übernimmt sie die Kinderbetreuung. Das macht ihr auch viel Freude. Ich trinke inzwischen das Hefeweizen. Man sollte es vielleicht nicht für möglich halten, aber die hier ansässige Brauerei Fiedler braut doch ein annehmbares  Weißbier. Es ist nur offenbar schaumgebremst. Man darf es also nicht ins schräg gehaltene Glas einlaufen lassen, sondern gießt es ohne Scheu von oben herunter. Dann schnell geschluckt, ehe die Blume versackt. Diese Übung ein- bis dreimal wiederholen und dann ist es auch schon wieder Zeit fürs Abendbrot. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass die Klöster sich angesichts der bis zu 130 Fasttage im Jahr Fischteiche angelegt haben. Fasten bedeutete: Fisch speisen. Das Bier war als Grundnahrungsmittel sowieso immer dabei. 

Leider vermelden zurzeit alle Wetter-Apps für heute den letzten Tag mit diesen optimalen meteorologischen Bedingungen. Ab morgen wird’s im Garten ungemütlich. Dann wäre eigentlich  die Zeit gekommen, endlich mal unsere Netflix-Liste abzuarbeiten, aber das Kind soll noch nicht netflixen. Er weiß noch nichts vom „Fernsehen“ (wenn es das überhaupt noch gibt) und das soll noch eine Weile so bleiben. Wenn er doch mal zufällig bei der Oma vorm eingeschalteten Fernseher steht, sticht er mit dem Finger in den Bildschirm und versucht, das Bild hin und her zu schieben. Den Vormittag, wenn es im Garten noch zu kalt ist, verbringt er aktuell mit staubsaugen. Das kann er ab morgen dann einen ganzen Tag lang machen. Und dann schauen wir mal. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Quarantäne am 28.03.2022 8:35 Uhr.

Wozu das gut war

Trotz Biergarten-Hoch muss das E-Bike noch ein bisschen im Fahrradladen bleiben. 


Beim Kauf von E-Produkten bin ich Profi. Wie bei vielen Dingen im Leben, kommt es auch hier auf den richtigen Zeitpunkt an. Über den entscheide ich intuitiv. Ich weiß einfach, dass es jetzt gemacht werden muss, wenn man es denn überhaupt machen will. Wie zum Beispiel bei unserem E-Piano. Ich wachte früh auf und wusste: Heute kaufen wir das Klavier. Gedacht - gemacht. Ich weckte meine noch friedlich schlummernde Frau, ohne die ich nie mehr irgendetwas kaufen würde und wir fuhren ins Musikhaus. Das Beratungsgespräch war nur eine lästige Formalität und wir hielten es kurz. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, das Trum ins Auto zu kriegen. Aber es passte, weil wir unser kleines Auto gegen das große meiner Schwiegereltern getauscht hatten. Weil wir nämlich in der Woche zuvor über den Haufen gefahren worden sind und die Schwiegereltern sich um die Reparatur kümmern wollten.  

Es ist nicht immer gleich klar, warum solche Dinge passieren, wie zum Beispiel über den Haufen gefahren werden. Manchmal erfährt man auch nie, wozu das gut war. Vielleicht hat ein Ereignis mit der eigenen Geschichte auch gar nichts zu tun und entfaltet seine Wirkung in einer ganz anderen. So ist das auch mit dem positiven PCR-Test-Ergebnis unseres Kindes. Keiner weiß, wozu es gut ist, dass er auch noch in der nächsten Woche nicht gleich in den Kindergarten kann. Aber wir sind froh und dankbar, dass er offenbar außer einem äußerst lästigen Husten keine ernsten Beschwerden hat. Und wir hoffen, dass es schnell besser wird und nicht schlimmer. 

Mit einem Quarantäne-Kind kann man aber leider auch nicht mit dem Fahrrad in die Biergärten fahren. Darum können wir den Kauf des E-Bikes auch noch ein bisschen nach hinten schieben, denn in den Kindergarten können wir schließlich auch noch nicht fahren. Mit Ablauf der Quarantäne ist dann allerdings auch das Biergarten-Hoch erst mal wieder Geschichte. Aber egal. Ausgesucht ist das neue Fahrzeug nämlich schon und steht abholbereit im Fahrradladen. Das Beratungsgespräch war nur eine Formalität und wir hielten es kurz. Und wenn wir mit dem Kind wieder ins Offene dürfen, schlagen wir zu. Falls nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt. Falls doch, sagen wir wie immer: Wer weiß, wozu das wieder gut war. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten, Quarantäne am 25.03.2022 14:30 Uhr.

Kitaschwänzer

Wer genießen will, wie der Schmerz nachlässt, muss leiden: Ohne Trennung kein Wiedersehen.


Als Kindergartenkind hatte ich einen kleinen Trick auf Lager. Wenn ich wirklich mal partout nicht gehen wollte, sagte ich meiner Mutter morgens, es ginge mir gar nicht gut. Dann ging meine Mutter ins Bad und holte aus dem Medizinschrank das Fieberthermometer. Sie kam damit zu mir ans Krankenbett und klemmte mir das Quecksilber unter den Arm. Dann ließ sie mich damit allein. Ich wusste: Nur bei Fieber durfte ich zu Hause bleiben. Kaum war meine Mutter aus dem Zimmer, hielt ich das Messgerät an die Heizung. Dafür braucht man Fingerspitzengefühl. Stieg das Quecksilber nämlich zu hoch, wäre man aufgeflogen. Blieb es zu niedrig, hätte es nicht zum zu Hause bleiben gereicht. Ich kann mich recht lebhaft daran erinnern, dass es wenigstens einmal geklappt hat. Ob ich daraufhin allein zu Hause blieb oder ob meine Mutter auch zu Hause bleiben musste, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls konnte sie ja nicht einfach auf der Arbeit anrufen und sich krankmelden. Vielleicht ging sie auch noch gar nicht wieder arbeiten. 

Wie auch immer, mein Kind hat diese Gabe offensichtlich nicht nur geerbt, sondern gleich perfektioniert. Er muss keine Geräte manipulieren und keine Erkrankung vortäuschen. Er kann sie manifestieren. Er bekam am Sonntag Abend tatsächlich Fieber. Dann gelang es ihm am Montag, einen Corona-Schnelltest zu manipulieren, so dass wir auch noch einen PCR-Test machen lassen mussten. Mit dem Abwarten des Testergebnisses kann er jetzt eine ganze Woche dem Kindergarten fernbleiben. Sein Bedauern darüber bringt er im gleichen Tonfall zum Ausdruck, wie er „Arme Gertrud!“ sagt, nachdem er seine Handpuppe mit dem Bobbycar überfahren hat. 

Ich selber bin jetzt ein bisschen zwiegespalten. Die ersten beiden Tage hat es mir gefallen, nicht in den Kindergarten zu müssen. Das morgendliche Auseinanderreißen macht mir schon auch Schwierigkeiten und um etwas zu erledigen, sind eineinhalb Stunden zu kurz. Aber heute, am dritten Tag, sehe ich schon wieder sehr deutlich: meine Betreuungsversuche im fraglichen Zeitraum machen das Kind nicht glücklicher. Und sowohl Kontakt mit Gleichaltrigen als auch Wiedersehensfreude beim Abholen entfallen ersatzlos. Wir müssen also wieder hin und wie es aussieht, sind wir im ersten Monat nicht sehr weit gekommen. Aber meine Frau will mir ein E-Bike schenken und damit käme ich schon ein bisschen weiter, als nur bis zum Kaufland. Auch der Kinderteller zum Mittag in der Köhlerhütte kommt so wieder in Sichtweite. Ich muss nur irgendwie die inzwischen sehr schwierig gewordene Prozedur des Fahrradkaufs bewältigen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten, Quarantäne am 23.03.2022 13:00 Uhr.

Zeichen der Hoffnung

»Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.


Die Geschichte von Honecker und dem Pastor, die ich gerade in der ZDF-Mediathek gesehen habe, spielte lange bevor meine Geschichte mit Lobetal begann. Immerhin hatte ich im Rahmen der Diakonenausbildung in der Berliner Stephanus-Stiftung schon mal von Lobetal gehört und wir waren auch einmal dort gewesen. Aber ich bin kein Zeitzeuge und kann nicht einschätzen, wie nahe der Film an den Ereignissen dieser Tage ist. Was ich aber für durchaus realistisch halte, sind die wütenden Proteste und der Hass gegen die Honeckers und dass Lobetal eine Zeitlang der einzige Ort war, wo sie unterkommen konnten. Ich weiß nicht mehr, wie ich damals auf diese Geschichte reagiert habe. Heute zeigt sie mir jedenfalls den unseligen Kreislauf von Unrecht, Hass und Gewalt, aber vor allem, wie er überwunden werden kann. Die meisten Menschen, denen Unrecht und Gewalt geschieht, werden offenbar zu Wölfen, die wiederum nicht anders können, als selbst wieder Unrecht und Gewalt zu verüben. Als hätte es irgendeinen Sinn, die tragisch-komischen, ja fast schon lächerlichen Figuren zu hassen, die die Honeckers in diesen Tagen darstellten. Als hätten sie irgendetwas aus- und anrichten können, wenn es nicht die Hundertschaften von Bürgerinnen und Bürgern gegeben hätte, die all das Unrecht geplant, verwaltet, ermöglicht und begangen haben. 

So war es mit Hitler und so ist es jetzt auch mit Putin. Die unausrottbarsten unserer Verschwörungserzählungen handeln von Ungeheuern, die uns Gewalt antun und die uns unterdrücken und die dann ganz allein für all die Greuel verantwortlich sind, die unter ihrer Schreckensherrschaft begangen wurden. Marina Weisband schreibt auf Twitter ganz richtig, dass es nicht Putin ist, der Städte bombardiert und der auf Ukrainer schießt. Er verprügelt keine Demonstranten und er sperrt sie auch nicht weg. Er könnte das gar nicht. Nur wir selbst können uns einander all diese Ungeheuerlichkeiten antun und wenn wir das alle nicht mehr tun wollen, wird es auch nie wieder passieren. 

Pastor Uwe Holmer wäre aus der Reihe der Lobetaler Anstaltsleiter vielleicht nicht hervorgetreten und die Verleihung der Verdienstmedaille der DDR ließ ihn nicht gerade widerständing erscheinen. Aber mit seinem Beispiel der Barmherzigkeit und seinem mutigen Widerstand gegen den Mainstream von Rache und Vergeltung ist er zu einem lebendigen Zeichen der Hoffnung geworden: Hoffnung, dass Menschen doch an ihrer Seele heil bleiben können, auch wenn sie unter Gewalt und Unterdrückung leiden müssen. Hoffnung, dass die Logik der Vergeltung, das Auge um Auge und Zahn um Zahn doch überwunden werden kann. 

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 18.03.2022 13:00 Uhr.

Ärger im Kindergarten

Engpässe, Mangel und Versorgungsschwierigkeiten sind auch ein Stück Erinnerung an die Kindheit und daran, dass ständige Verfügbarkeit von allen Dingen keine Selbstverständlichkeit ist. Und auch nicht notwendig. 


Mein täglicher Weg in den Kindergarten führt uns am Schwarzenberger Finanzamt vorbei, das sich anmutig zwischen eine kurvige Hauptstraße und das mäandernde Schwarzwasser schmiegt. Dieser Tage drängen sich dort am frühen Vormittag ungewöhnlich viele Mitarbeiter um einen Schreibtisch und betrachten kopfschüttelnd Dokumente auf den nebeneinander gruppierten Monitoren. Zweifellos handelt es sich bei den Dokumenten um unsere Steuererklärung, denn wir wollen fast alles zurückgezahlt haben. Wir haben nichts zu verschenken und ich bringe seit einem Jahr kein Geld mehr nach Hause. Meine liebe Frau muss sich täglich verdingen, damit ich mir das Nötigste im Internet bestellen kann. Jetzt wird es noch einmal teurer, denn einerseits muss der Kindergartenplatz bezahlt werden und zum anderen schlagen meine nun täglichen Ausflüge ins Kaufland gehörig ins Kontor. Beides hängt zweifellos zusammen und da die Kita nicht dafür aufkommt, muss eben das Finanzamt ran. Sollen sie ihre Köpfe schütteln, soviel sie wollen, Hauptsache, sie zahlen. 

Im Kaufland gibt es auch kein Sonnenblumenöl mehr. Anfang der Woche hatte Jan Böhmermann getwittert, dass er seine Pfannkuchen in Dieselöl gebacken hätte, weil das Sonnenblumenöl so teuer wäre. Ich habe das gar nicht verstanden, bis ich das Sonnenblumenöl auf dem Einkaufszettel hatte. Da gab es schon keins mehr. Ich dachte erst, die Diesel-Fahrer hätten es sich in den Tank gekippt, zumindest mit Rapsöl funktioniert das. Wie auch immer, es gibt Weniges, auf das ich fröhlicher verzichten kann, als auf Sonnenblumenöl. 

Im Kindergarten verbreiten sie weiter Zuversicht. Ab nächste Woche solle das Kind an einer der Mahlzeiten teilnehmen. Das wird auch Zeit, denn die Tischmanieren lassen im Privaten jetzt doch ein wenig zu wünschen übrig, besonders, wenn er sich satt gegessen hat. Aber sie sollen es auch nicht übertreiben. Ich kann mich erinnern, dass ich im Kindergarten großen Ärger bekommen habe, weil ich mir eine als Sonnenblume abgeschälte Apfelsinenschale auf den Kopf gesetzt habe. Das, so wurde meinen Eltern mitgeteilt, sei unhygienisch, weil ich mich damit verteidigt hatte, dass wir uns zu Hause zu jeder Mahlzeit Apfelsinenschalen-Blumen-Hüte aufsetzten. Diese Erinnerung ist auch deshalb interessant, weil sie darauf schließen lässt, dass es in der DDR gar keine Apfelsinenengpässe gegeben hat. Bananen waren vielleicht knapp. Und Sonnenblumenöl hatten wir, glaube ich, auch immer genug. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten, Weltgeschichte am 17.03.2022 13:00 Uhr.

Spielen und Lachen

Man will sich oft doch lieber der Mehrheit anschließen. Darum kaue ich wieder auf beiden Seiten und das Kind macht sich gut. 


Die Entwicklung Zahnmedizin ist auch hierzulande nicht stehen geblieben. Ich hatte eine neue Füllung bekommen und alles ging eine Weile gut. Aber dann bekam ich Schmerzen, wenn irgend etwas den Zahn berührte. Egal ob Kaltes oder Heißes oder auch Süßes - es tat weh. Ich konnte auf der betroffenen Seite nicht mehr kauen. Das ist nun aber kein Zustand. Ich hatte gelesen, dass das einseitige Kauen die Kniegelenke schädigen kann. Offenbar war das bei mir schon passiert. Eben habe ich aber noch mal nachgelesen. Es sind die Kiefergelenke. Aber auch das ist ja nicht schön. Man kann davon ein schiefes Gesicht kriegen. Also war ich wieder beim Zahnarzt. Der Zahnarzt sagte, das passe nicht zusammen. Entweder sei ein Zahn druck- oder temperaturempfindlich oder er reagiere auf Süßes. Das hätte alles verschiedene Ursachen, die sich ausschließen. Ich müsste mich schon  entscheiden. Dann erläuterte er mir seinen Therapieansatz. Ich verstand, er wolle irgendwas festkleben, was sich möglicherweise gelockert hätte. Die Alternative wäre aufbohren und neu füllen und hieß „Kausaltherapie“. 

Dann sagte er „Alkohol“. Ich wollte gerade sagen, dass ich den ja zum Glück nicht kauen müsste, aber das hatte er zu seiner Assistentin gesagt. Er tupfte mir am kranken Zahn herum und leuchtete dann mit seiner blauen Taschenlampe hinein. Dann atmete er tief aus und sagte: „Geschafft“. Immerhin hatte mir diese Behandlung keine neuen Schmerzen verursacht. Er sagte, in 95% aller Fälle würde diese Therapie gut anschlagen. Sollte ich bedauerlicherweise zu den anderen 5% gehören, müssten wir es eben mit der Kausaltherapie versuchen. Seitdem kaue ich wieder tapfer auf beiden Seiten. 

Auch bei der Eingewöhnung mache ich Fortschritte. Gestern hatte ich vergessen, seine Stoffwindel dazulassen. Stattdessen sind wir dann ohne den Trinkbecher wieder nach Hause gegangen. Heute wurde mir der Trinkbecher sicherheitshalber mitgegeben. Dafür habe ich die Windel vergessen. Das macht aber nichts, dann brauche ich morgen nicht daran denken, sie auszupacken. Die Chefin traf ich heute vorm Kaufland, als ich mich zum Abholen auf den Weg machte. Unser Kind mache sich gut, sagte sie. „Er spielt und lacht.“ Das hört man gern. Tatsächlich traf ich ihn auch so im Kindergarten an. Es sah so aus, als spiele er mit einem Bobbycar „Unfall bauen“. Als er mich erblickte, kam er auf mich zu. Er sah ausgesprochen fröhlich aus. Und er lachte.

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 16.03.2022 13:00 Uhr.

Wieder nach zu Hause gehen

Vielen Menschen kommt im Laufe ihres Lebens die Zukunft abhanden. Kinder haben aber meistens mehr als genug davon. 


Eigentlich haben wir schon wieder Fahrradwetter. Wobei die Verwendung des Wörtchens „eigentlich“ aber schon den Hinweis darauf enthält, dass es mit dem Radfahren eher doch nicht so weit her ist. Im Erzgebirge besteht das Problem darin, dass man entweder bergab fährt, was die Bremsen nicht lange mitmachen, oder bergauf, was einem unabhängig von der Kondition die Knie nicht lange verzeihen, wenn man sie sich beim Berg runterrennen kaputt gemacht hat. Man könnte jetzt mit dem Fahrrad zum Kindergarten fahren, wenn der Berg nicht wäre, auf dessen Gipfel sich die Kita niedergelassen hat. Aber selbst dann bestünde noch die Schwierigkeit, dass ich über die Querstange aufsteigen müsste, wenn der Kindersitz über dem Gepäckträger hängt. Mit bereits aufgesatteltem Kind wird die Schwierigkeit zur Unmöglichkeit. Also gehe ich weiter zu Fuß mit Kinderwagen. 

Im Kindergarten haben sie jetzt offenbar genug von mir. Diese Herumlungerei muss ein Ende haben. Eine Mutter hätte sich schon längst irgendwie nützlich gemacht oder wäre wenigstens schon mal einkaufen gegangen. Ich soll jetzt „einfach mal fortmachen“ und erst zum Abholen wiederkommen. Außerdem herrscht ein bisschen Personalmangel und die Chefin muss Hand anlegen und kann sich nicht auch noch um mich kümmern. Schließlich ist das hier ein Kindergarten und kein Biergarten. Also lasse ich mein unglückliches Kind zurück und trolle mich ins nahe Kaufland, um beim Bäcker einen Kaffee zu trinken. Wie kann man sein weinendes Kind ohne Not fremden Menschen überlassen? Mit hängenden Schultern und gebrochenem Herzen steige ich allein den Berg wieder hinab, den wir eben noch lachend und scherzend zu zweit erklommen haben. Ja, ginge er genauso fröhlich hinein, winkte mir zum Abschied und riefe mir ein zuversichtliches „Glück auf“ hinterher - wie leicht könnte ich fortgehen. Aber so?

Beim Kaufland-Bäcker sitzen eine Frau und ein Mann, die bei einem Becher Kaffee die weltpolitische Lage auswerten. Der Mann sagt, ihm täten die Kinder leid, die heute aufwüchsen. Sie hätten keine Zukunft. Ein kurzer Seitenblick auf den Mann verrät mir, dass er es ist, dem die Zukunft abhanden gekommen ist. Das ist zwar auch traurig, stimmt mich nach dem ersten Schreck aber wieder ein bisschen froher. Ich trinke meinen Kaffee aus und laufe zurück zu meinem Kind, während ich mir dessen Zukunft in den leuchtendsten Farben ausmale. Der staunt nicht schlecht, dass ich heute von draußen komme und nicht wie sonst drinnen sitze. Aber egal. Hauptsache, ich komme. Und Zukunft heißt heute erst mal: Wieder nach zu Hause gehen. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 15.03.2022 13:00 Uhr.

Doktor Neinrich

"Nein" bedeutet bekanntlich "Ja" und "Ja" heißt "Doch". Wer viel fragt, bekommt viele Antworten. Schlauer wird man davon aber nicht. 


Es war einmal ein kleiner Junge, der antwortete auf alles, was man ihn fragte immer nur mit „Nein“. Fragte man ihn, ob er rausgehen wolle, lautete die Antwort „Nein“. Ob er essen, trinken, schlafen wolle? Die Antwort war „Nein“. Ob er vielleicht spazieren oder natürlich auch in den Kindergarten gehen wolle? „Nein, nein, nein!“ Darum nannten ihn alle, die ihn kannten oder kennenlernten nur noch den kleinen Neinrich. Dabei war er nun keinesfalls faul oder gar untätig. Aber alles, was er machte, versah er nun mal mit einem negativen Vorzeichen. So trank er am liebsten keine Milch und aß auch morgens kein Müsli. Er schaute sich mit Begeisterung keine Bücher an und hörte voller Hingabe keine Musik. Und jedesmal, bevor er nicht hinausging, ließ er sich ums Verrecken keine Jacke anziehen und setzte auch keine Mütze auf. Seine Eltern hegten einen furchtbaren Verdacht und der Vater brachte ihn in die Apotheke, um ihn testen zu lassen. Eine Viertelstunde später hatten sie es schwarz auf weiß: Der kleine Neinrich war negativ. 

Das konnte nun aber nicht ganz stimmen, denn es ging eigentlich auch genauso oft anders herum. Dann sagte er aber nicht etwa „Ja“, sondern „Doch“. Sagte man ihm zum Beispiel, er könne einen bestimmten Gegenstand nicht haben, entgegnete er „Doch!“ Erklärte man ihm geduldig, dass Kinder keinen Kaffee oder kein Bier tränken, so antwortete er „Doch!“ Und gestand man den Tränen nahe und am Ende seiner Kräfte, dass man ihn auf keinen Fall noch weiter tragen könne, so lautete der abschließende Bescheid nur kurz und bündig: „Doch“. „Doch, doch, doch!“ Was aber ohne weitere Vorwarnung und übergangslos wieder in „NEIN! DOCH NICHT!“ umschlagen konnte. Und da der kleine Neinrich nun mal den ch-Laut noch nicht aussprechen konnte, musste er eben „DOK“, sagen, was ihm zusätzlich zu seinem Spitznamen auch noch einen Doktortitel eingebracht hat. 

Den richtigen Namen dieses Jungen wissen wir gar nicht. Vielleicht geht er ja sogar in denselben Kindergarten, wie unser Kind. Wenn ich meinen Sohn mal verstohlen durch ein Fenster bei seiner Eingewöhnung beobachten kann, ist er draußen zwar meistens allein unterwegs, aber er weint nicht mehr dabei. Ich halte es nicht mehr für völlig ausgeschlossen, dass er doch einmal Kontakt zu den anderen Kindern bekommt und dann erfahren wir möglicherweise, wie der kleine Doktor Neinrich wirklich heißt. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 14.03.2022 13:00 Uhr.

Heute ein König

Eine Krone macht noch keinen König und ein Schmetterling noch keinen Frühling. 


Wenn die Kinder aus dem Haus sind, fällt man erst mal in ein tiefes Loch. Nachdem man Tag für Tag und Stunde für Stunde nur für das Kind gelebt hat, soll man sich auf einmal wieder mit sich alleine beschäftigen. Das kommt etwas plötzlich und es ist hart. Man wurde ja auch nicht darauf vorbereitet. Ich  könnte was lesen aber am Ende weiß ich nicht, was da gestanden hat, weil ich nach drei Worten mit meinen Gedanken wieder beim Kind bin. Um ihn kümmern sich jetzt fremde Menschen. Wie man hört, haben sie alle Hände voll zu tun. Ich will helfen, aber ich soll warten, bis ich gerufen werde. Außer meinem Kind ruft aber keiner. Das wird dafür immer ausdauernder und wütender je länger es vergeblich ruft. Dass das Personal zu früh die Flinte ins Korn wirft kann man wirklich nicht sagen. Aber man sollte auch wissen, wann man verloren hat. Diese Erkenntnis kommt ein bisschen spät. Die Kapitulation ist dafür umso totaler und bedingungsloser. 

An seinem zweiten Wiegenfeste lernt unser Kind, dass das Leben mit der wachsenden Zahl der Geburtstage nicht unbedingt leichter wird. Seine Bezugserzieherin hat ihm eine Krone gebastelt, die er aber nicht aufsetzen will. Später sagt er mir, man könne nicht einfach eine Krone aufsetzen. Ich frage mich, woher er das weiß. Auch ein Geburtstagskind ist im Kindergarten schließlich kein König, dessen Befehle von allen ausgeführt werden. Und die Verantwortung eines Herrschers über alle anderen Kinder möchte er ganz bestimmt auch nicht tragen. 

An seinem Geburtstag muss man „einen ausgeben“. Eine schlechte Sitte, die leider nicht auszurotten ist. Ich habe Jahr für Jahr 30 Lollis in die Schule getragen. Alle anderen haben das auch so gemacht. Hin und wieder versuchte mal jemand auszubrechen und vielleicht einen Kuchen mitzubringen. Aber das war vorbereitungsintensiv und unpraktisch, weshalb schließlich alle immer wieder zu den Lollis zurückkehrten. Ich fahre nun zwölf Schmetterlinge in den Kindergarten. Meine liebe Frau hat Wäscheklammern bemalt und beklebt und kleine Tütchen mit Obst und Salzgebäck gefüllt. Weil ich kein Kind und kein Erzieher bin, werde ich nicht eingeladen. Ich frage mein Kind, ob es eine schöne Geburtstagsfeier war und er sagt: „Doch“. Immerhin. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 09.03.2022 13:20 Uhr.

Wieder fröhlich

Es gibt einen Grund zum Feiern: Herzliche Glückwünsche und alles Gute zum Frauentag!


Kurz nachdem meine wunderbare Frau aus der Tür ist, sagen sie im Radio an, dass heute Frauentag ist. Das hätten sie auch ein bisschen früher machen können. Ich hätte ihr dazu gratuliert. Ich werde das nachholen, wenn sie wieder nach Hause kommt. Abgesehen davon, dass ich ohne diese ganz besondere Frau jetzt kein Kind hätte, wäre ich auch sonst eher nicht zu beneiden. Ich säße Abend für Abend allein mit einer Plüschmaus und schrieb oder redete mir mein Alleinsein schön. Außer meiner Arbeit würde ich nicht viel erleben und ich wäre so alt, wie ich aussähe. Im Kindergarten arbeiten bis auf den Hausmeister ausschließlich Frauen. Es sind ihrer eine ganze Menge und irgendwann weiß man nicht mehr, wen man schon beglückwünscht hat und wen nicht. Die beiden, mit denen ich direkt zu tun habe, schicken mich heute gleich nach dem Beglückwünschen unter einem Vorwand weg. Das Protestgebrüll meines Kindes endet diesmal schon nach relativ kurzer Zeit. Zwischendurch wird mir mitgeteilt, das Kind spiele friedlich. Dann werde ich gebeten mich zu verstecken, weil man hinaus in den Garten wolle. Auch das scheint heute gut zu funktionieren. 

Ich werde hier offenbar nicht mehr gebraucht. Die Chefin kommt vorbei und sagt, man werde sich melden, wenn mein Eingreifen notwendig werde. Ich weiß schon, was das bedeutet. Es hat Zeiten gegeben, da konnte eine Frau ohne Mann nicht überleben. Entweder sie blieb beim Vater oder sie wurde verheiratet. Der Mann war Ernährer, Versorger und Beschützer. Dass das so war, lag natürlich nicht an der Schwäche der Frau, sondern an den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft. Diese Strukturen lösen sich gerade auf - und ich bekomme das nun zu spüren. Ich sitze allein, nervös und untätig im Kindergarten und warte, dass es endlich wieder etwas für mich zu tun gibt. 

In dieser für mich misslichen Situation ereignet sich nun ein kleines Wunder. Mein verlorener Sohn erinnert sich an seinen alten Vater und macht sich auf die Suche. Zu unserem Glück sind die Frauen eben Frauen und keine Männer. Sie fühlen Mitleid, sie erbarmen sich und zeigen dem Kind den Weg. Der Alte fällt auf die Knie und umarmt das Kind, dem die Freudentränen über die Wangen laufen. Das Erbarmen der fremden Frau aus dem Kindergarten geht nun nicht so weit, dass sie dem Mann wieder auf die Beine hilft. Dass muss er mit knackenden Knien schon alleine schaffen. Ich schaffe das auch und bin wieder fröhlich. Und dankbar. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 08.03.2022 13:20 Uhr.

Notwendig aber sehr schmerzhaft

Über den Alltag von Kleinkindern wissen wir aus ihrer Perspektive fast gar nichts. Weil sie einfach keine Zeit zum Schreiben haben. 


Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass die Schöpfung nicht an einem Montag in Angriff genommen wurde. Montage sind einfach komplett ungeeignet, irgendetwas in Angriff zu nehmen. Das steht auch in dem Merkblatt, das sie uns im Kindergarten mitgegeben haben. Mit ein bisschen Lebenserfahrung weiß man aber, dass auch alle übrigen Tage nicht besser geeignet sind. Wenn überhaupt ein Tag in Frage kommt, dann vielleicht der Dienstag. Man hat schon ein bisschen Routine vom Montag und noch genug Schwung, weil ja einerseits noch nichts geschafft wurde und andererseits noch kein Ende in Sicht ist. Das kommt aber auf die Einteilung an. Ich hatte mal einen Kollegen, der mir am Dienstag immer schon ein schönes Wochenende gewünscht hat, weil ich am Mittwoch nicht vor Ort war und er am Donnerstag schon mittags Feierabend hatte. Na und Freitag ist Freitag. Folgerichtig war am gestrigen Sonntag Abend Zoom-Meeting. Inzwischen funktioniert das sogar, was vor einem Jahr noch anders war. Bei der Arbeit sollten Meetings wegen des Infektionsschutzes online stattfinden. Man sah sich die Standbilder der Kolleginnen und Kollegen an und hoffte, selbst in einem günstigen Moment eingefroren worden zu sein. Dann traf man sich irgendwann wieder im Flur oder in der Teeküche. 

Trotzdem beginnt heute die zweite Kindergartenwoche. Ich kann mich zwar noch bruchstückhaft an meinen Kindergartenalltag erinnern, weiß aber weder etwas über den Weg zum Kindergarten oder zurück, noch wer mich dabei begleitet hat. Dafür weiß ich noch, dass ich mit meiner Mutter verabredet hatte, alleine nach Hause zu kommen und auch einfach losging. Es gab ein Riesentheater am folgenden Tag. 

Mein Kind fällt an diesem vierten Tag hinter Tag eins zurück. Erst draußen im Hof verlässt er mein Schwerefeld, um bei der Fahrzeugausgabe nicht etwa zu kurz zu kommen. Ich werde diesmal nicht hinaus sondern hinein geschickt. Inzwischen sind fast alle Kinder draußen und ich rede mir ein, dass es dabei nun mal sehr laut zugeht. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann meine Gruppe wieder herein, mein Kind verweint und erschöpft. Er scheint sich dessen bewusst zu sein, dass er gerade einen großen Schritt macht, der zwar notwendig, aber sehr schmerzhaft ist. Aber was weiß ich schon. Offenbar sind solche Schritte eben Kinder-Alltag. Und morgen geht’s weiter. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 07.03.2022 13:05 Uhr.

Die drei Sprechzimmer

Männer gehen viel zu selten zum Arzt und dann finden sie sich dort nicht zurecht. Ist das ein Wunder?


Ich hatte gestern Nachmittag noch einen Termin zum Testen. Die Apothekerin entschuldigt sich. Sie muss erst noch ihre Brille putzen. „Ich sehe durch die Brille fast gar nichts mehr“, sagt sie. Ich: „Ist doch auch kein Sehtest.“ Sie: „Naja, ein bisschen was sehen möchte man aber schon, wenn man bei andern Leuten in der Nase stochert.“ Ich: „Sie könnten ja nach Gehör stochern.“ Sie: „Schmerzensschreie?“ (lacht) Ja, den Humor müsse man sich wenigstens bewahren in diesen Zeiten. Ich: „Nicht immer gleich so negativ sein.“ „Aber positiv besser auch nicht!“ Ich: „Um Himmels willen!“  

Im Kindergarten soll ich heute gleich nach unserer Ankunft wieder rausgehen. Nach einer Weile wird mir der Schnulli abgenommen. Dann höre ich mein Kind sehr laut und lang anhaltend weinen, als mal kurz die Tür aufgeht. Die Chefin kommt zu mir und tröstet mich. Dann hört man nichts mehr. Nach einer halben Stunde mache ich mir Sorgen, ob mein Kind übers Wochenende wieder mit mir nach Hause kommt. Die Chefin tröstet mich wieder: Das hätten sie noch nicht geschafft. Endlich geht die Tür wieder auf und die Kinder werden zum Rausgehen angezogen. Mein Sohn kommt zu mir und klettert auf meinen Schoß. Er sieht erschöpft aus, aber auch irgendwie stolz. Beim Singen hätte er sich schließlich beruhigt, sagt mir die Erzieherin. 

Nach dem Testen war ich gestern Nachmittag auch schnell noch bei meiner Ärztin. Ich wollte sie mal wieder sehen. Nach der Anmeldung und einer angemessenen Wartezeit im leeren Wartezimmer wird die Sprechanlage eingeschaltet und die Ärztin sagt etwas, das auf „ei“ endet. Alles andere wird vom Martinshorn einer Feuerwehr übertönt, die offenbar am Mikrofon vorbeifährt. Ich vermute, ich soll in das Sprechzimmer drei kommen. Es gibt aber nur zwei Sprechzimmer. Als ich in Nummer zwei eintrete, ruft die Ärztin gerade zum zweiten Mal. Ich entschuldige mich, ich hätte „Sprechzimmer drei“ verstanden. „Wo ist denn Sprechzimmer drei?“ fragt die Ärztin. Ich entgegne, ich wisse es nicht und die Schwestern hätten es auch nicht gewusst. Da sieht man mal, dass ich viel zu selten zum Arzt gehe, sonst würde ich mich dort besser auskennen. Und als nächstes gehe ich zum Hörtest. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 04.03.2022 13:25 Uhr.

Was man mit dem Lexikon noch alles anfangen kann

Bücher kann man nicht genug haben und sie sind nicht nur zum Lesen da. 


Mein Verhältnis zu Büchern ist über lange Zeit gewachsen. Eines der ersten, an das ich mich erinnere handelte von einem unglaublich dicken Mann, mit dem Namen Krachbumtus. Ich konnte mir nicht erklären, wie man so dick werden konnte. Meine Mutter sagte, der Mann wäre nicht mehr aufs Klo gegangen. Dann hatte ich noch „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“. Das war ungefähr mein Buchbestand, als Simone zum ersten Mal zu mir nach Hause kam. In meinem Zeugnis stand, ich sei sehr belesen. Simone musste sehr lachen. Damit mir so etwas nicht noch mal passiert, kam ich mit Brockhaus ins Geschäft. Während ich jeweils einen Band drei Monate lang abbezahlte, bekam ich ein fünfbändiges Paperbacklexikon von Brockhaus.  Das sah schon eher nach „belesen“ aus.  

Im Kindergarten werde ich heute fröhlich von den anderen Kindern begrüßt, die gleich mit mir spielen wollen. Statt still beobachtend auf meinem Stühlchen zu sitzen, muss ich so tun, als ob ich Essen koste, das mir gebracht wird und Puppen anziehen. Die Kinder lachen über den lustigen Onkel. Dann feiern wir Geburtstag. Ein Kind ist am Dienstag zwei geworden, aber weil Fasching war, wird heute nochmal nachgefeiert. Es gibt Kuchen, Würstchen und Riesenerdbeeren. Anschließend wird zum Tanz aufgespielt. Zuerst kommen viele verschiedene Tiere zur Party. Dann werden dem Papa die Turnschuhe angezogen, sein Sessel und der Fernseher werden versteckt und er soll auf dem Fahrrad festgebunden werden. 

Mein Sohn hält vom Tanzen heute nichts. Er nutzt seine Chance, jedes Spielzeug haben zu können und zieht sich damit an den Rand des Geschehens zurück. Draußen bleibt der Fuhrpark heute geschlossen, weil es schon so spät ist. Die Kinder sollen rutschen. Trotz strengen Verbots rutschen sie auf dem Bauch mit dem Kopf voran. Meiner will die Rutsche runterlaufen. Das kann er ja machen, wenn ich nicht mehr dabei bin. Wieder zu Hause vertreibt sich das Kind die Zeit bis zum Mittagessen mit seinen Büchern. Er kann jetzt schon einige Regalmeter vorweisen, weil er ausgelesene Exemplare von seinen Cousins und Cousinen vermacht bekommt. Meine Geschichte mit Brockhaus ging so weiter, dass ich irgendwann alle 30 Bände bezahlt hatte. Seit es Wikipedia gibt, habe ich keinen Band mehr in die Hand genommen. Mein Sohn zeigt mir mit seiner Lexikonreihe, was man noch alles damit anfangen kann: Zum Beispiel einen Kippelturm bauen. Und noch besser: den Kippelturm zusammenkrachen lassen. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 03.03.2022 12:50 Uhr.

Wenn ich aus dem Kindergarten allein nach Hause geh

Alles braucht seine Zeit: Nach dem ersten Tag wird klar, dass meine Eingewöhnung noch ein bisschen dauern wird. 


Ein Tag wie jeder andere, nur alles 2 Stunden früher. Die Schnürsenkel sind übrigens schon vor zwei Tagen gerissen. Ich bin aufgeregt, als wäre es mein erster Arbeitstag. Meine Frau hat mich vor einer nymphomanischen Kindergärtnerin gewarnt, die in der betreffenden Gruppe ihr Unwesen treiben soll. Die wurde aber offensichtlich für die Zeit meiner Eingewöhnung beurlaubt und ich werde bei zwei ordentlichen Gouvernanten untergebracht. Das Kind studiert nach unserer Ankunft im Kindergarten seine neue Gruppe mit großem Ernst. Dann mischt er sich unter das Volk und begutachtet ausgiebig das vorhandene Spielzeug. In der großen Hofpause wird schließlich jedes Kind mit einem Fahrzeug ausgestattet. Meiner bekommt einen silbernen Porsche zugeteilt, der ihm jedoch gleich wieder von einem offenbar ranghöheren Kind abgenommen wird. Er muss sich mit einem stinknormalen roten Bobbycar begnügen und fährt damit über eine Bordsteinkante und auf einem Rasen davon. 

Die anderen Kinder folgen bis zur Bordsteinkante und bleiben dort neugierig stehen. Eine Aufsichtsperson pfeift ihn zurück. Als er wiederkommt, stecken die anderen Kinder mit ihm die Köpfe zusammen und sprechen in einer Sprache auf ihn ein, die ich nicht verstehe. Dann fahren sie wieder weg. Mein Sohn fährt schnurstracks zum Zaun auf der gegenüberliegenden Seite. Wieder kommen die anderen angefahren und wieder stecken sie die Köpfe zusammen. Daraufhin kommt mein Kind wieder zu mir und verlangt, ich solle das Tor aufmachen. Dann will er zum großen Klettergerüst und lässt sich von mir auf die große Rutsche setzen. Sofort erscheint die Aufsichtsperson wieder und erklärt mir, das Klettergerüst sei erst ab drei Jahren freigegeben. 

Mich würde ja interessieren, was die Kinder untereinander so besprochen haben. Entsprechende Fragen an mein Kind werden von diesem ignoriert. Sollte er für sie ausprobieren, ob die alten Grenzen noch Bestand haben? „Sag deinem Papa mal, er soll das Tor aufmachen!“ „Traust du dich, die große Rutsche zu nehmen?“ Wieder zu Hause werden die Namen der anderen Kinder abgefragt. Ich kann sechs von zwölf aufzählen. Obwohl ein Lied gesungen wurde, in dem alle Namen vorkamen, fallen mir die übrigen nicht ein. Die Eingewöhnung wird also noch eine Weile dauern, denn bevor ich nicht alle Namen kann, werden sie mich nicht alleine nach Hause gehen lassen. Wenn überhaupt. Ich weiß nicht, ob meine Frau das entsprechende Kreuzchen auf dem Einwilligungsbogen gemacht hat. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Kindergarten am 02.03.2022 13:00 Uhr.

Ein schönes Spiel

Die Pulpe ist das Los allen Seins. 

Das Besondere Jahr ist um. Und ja, natürlich habe ich es mir ganz anders vorgestellt. Selten stellt man sich ja etwas so vor, wie es dann schließlich stattfindet. Ich dachte zum Beispiel, wir würden viel mehr unterwegs sein. Mit der Erzgebirgsbahn fahren und mit der Rückentrage wandern. Das ist alles nicht passiert. Stattdessen haben wir uns kennengelernt und es ist eine Nähe entstanden, wie ich sie mir zu einem kleinen Kind nicht habe vorstellen können. Grund zur Dankbarkeit. Während das Kind auf mir herumklettert, frage ich mich ob es möglich ist, einen Tag lang nur nach seinem Willen zu leben. Oder wenigstens einen Vormittag. Will er irgendwann von sich aus den Schlafanzug ausziehen? „Nein“. Ich glaube das auch nicht. Das Frühstück soll jedenfalls schon mal im Wohnzimmer serviert werden. Nun, das ist ein Leichtes. Mit ein bisschen Glück kann ich es auch noch schaffen, die Kartoffeln zu schälen. 

Nach dem Frühstück wird das Kind in seiner Aktivität tatsächlich ein wenig ziellos und beginnt, mir einfach nachzulaufen. Damit kann man arbeiten! Ich schäle Kartoffeln, er wirft sie in den Topf und lässt sich danach tatsächlich widerstandslos anziehen. Anschließend sucht er sich eine CD mit Wiegenliedern aus aller Welt aus. Dann spielen wir Schlafen. Aber nur kurz. Dann spielen wir Turnen. Konfliktfreies Zusammenleben ist also möglich - aber sinnlos. Es wäre ein bisschen wie Dialektik ohne Antithese. Man drehte sich im Kreise und käme nicht voran. Also endet der Frieden bei der Zubereitung des Mittagessens, als ich nicht mehr bereit bin, der Verteilung des Spinats über die Kleidung hinaus auf Fußboden, Wänden und Decke tatenlos zuzusehen. Ohne mein Eingreifen würde auch hier die Entropie dem zweiten Hauptsatz folgend gnadenlos zunehmen: Erst würden Rührei und Spinat zu einem untrennbaren Brei verschmelzen und die Kartoffeln würden diesem Schicksal über kurz oder lang auch nicht entgehen. 

Ein Kind mag keinen Sinn darin erkennen, diesen natürlichen Lauf der Dinge hinauszuzögern und will darum erst mal alles zu Pulpe verrühren. Nur mühsam lernt es, zu ordnen, zu sortieren und die Ordnung unter Aufbringung von Energie aufrecht zu erhalten. Aber letztlich ist die Pulpe das Los allen Seins und all unser Aufbegehren dagegen ist Haschen nach Wind. Aber das ist auch schon wieder ein schönes Spiel. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 01.03.2022 13:15 Uhr.

Weitersagen

Endlich ist das Virus nicht mehr in den Top-Meldungen. Aber schlechte Nachrichten kann man nur durch eines ersetzen: Noch schlechtere Nachrichten. 


Aufgewachsen in einem Land, in dem der Kampf für den Frieden sozusagen Alltag war, beschleichen einen jetzt allmählich die Zweifel, ob man genug gekämpft hat, oder ob man vielleicht zu halbherzig oder gar nicht bei der Sache war oder auch einfach zu früh wieder damit aufgehört hat. Jeden 1. Mai waren wir auf der Straße. Wir haben für die Freiheit von Angela Davis und Luis Corvalán demonstriert. Und natürlich war jeder Tag in der Schule oder am Arbeitsplatz ein Kampftag für den Frieden. Dass der Friede bewaffnet sein musste, lernte jedes Kind am Beispiel des Igels. Aber irgendwann reifte auch die Einsicht in den zerstörerischen Geist der Abschreckung und in die Dummheit der Erstschlagslogik nach dem Motto: wer zuerst schießt stirbt als zweiter. Am Ende stand dann die Überzeugung von der Sinnlosigkeit von Gewalt und militärischer Auseinandersetzung. Alles würde ich seitdem kampflos demjenigen überlassen, der es gewaltsam von mir fordert. Es sei denn, es wäre mehr wert, als das eigene Leben. Lange Zeit hat es so etwas nicht gegeben. Nichts, wofür ich gekämpft hätte. Aber heute? Heute würde ich wohl mit Frau und Kind fliehen. Und müsste mich weiter fragen: Habe ich genug getan? Warum hat es nicht gereicht? Was kann ich jetzt noch tun? 
 
Unter dessen kämpft mein Kind mit aller Kraft, die ihm zu Gebote steht. Er verteidigt seine Autonomie mit Klauen und Zähnen und jede Idee, die nicht seine eigene ist, wird erbittert abgewehrt. Und so weinen wir uns gemeinsam in diesen sonnigen Vormittag. Mein Kind weil es fremdbestimmt gegen seinen Willen angezogen wird und sein Vater, weil er sich auf einmal so alt und kraftlos fühlt. 

Mag sein, dass auch ich auf den Tag gewartet habe, an dem nicht mehr nur die Seuche Schlagzeilen macht. Aber war nicht von vornherein klar, dass diese Schlagzeilen nicht von der Meldung über ein neugeborenes Kind abgelöst würden, das die Welt retten kann? Gute Nachrichten verkaufen sich eben nicht und wer im Nachrichtengeschäft überleben will, braucht immer wieder neue Schlechtigkeiten. Irgendwo sind aber immer auch die guten Neuigkeiten versteckt und wer eine findet, kann sie gerne weitersagen. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 28.02.2022 13:15 Uhr.

Was passiert

Warum der Weltfrieden als größter Traum der Menschheit noch nicht Wirklichkeit ist


Eigentlich hätten die Schnürsenkel der Winterschuhe schon zum Ende des vergangenen Winters reißen müssen. Unerklärlicher Weise halten sie aber immer noch. Das kann nur damit zusammenhängen, dass ich es noch nicht wirklich eilig hatte. Zweifellos gehen sie genau dann kaputt, wenn ich mal wieder zur Bahn muss und ein bisschen spät dran bin. Getreu dem Sprichwort: „Spare in der Not, da hast du Zeit dazu!“, könnte ich sie immer noch rechtzeitig auswechseln. Aber das wäre zu einfach, und Einfachheit passt nun mal nicht in eine Welt, die immer komplizierter wird. Also warte ich eben ab, was passiert und rede in der Zwischenzeit unaufhörlich darüber, dass der Schnürsenkel bald reißen wird. 

Heute ist allerdings keine Eile geboten, weshalb der Schnürsenkel folgerichtig ganz bleibt. Wir müssen nur in die Stadt, um im dritten Anlauf eine Geburtstagskarte zu kaufen. In der Altstadt ist unser Kind bekannt wie ein bunter Hund. Er schlendert durch die Schloßstraße und ich trotte mit dem Kinderwagen hinterher. Eine Frau spricht ihn an, stellt sich als Oma der großen Mädchen vor und die beiden reden eine Weile über dies und das. Das heißt, die Frau redet über dies und das und mein Sohn schweigt. Ich stehe mit meinem Kinderwagen in der Gegend herum, lächele dümmlich und schweige auch. Dann können wir weitergehen und ich kaufe die Karte. Wenn man jemandem etwas sehr Teures schenken will, ist eine Geburtstagskarte heutzutage die richtige Wahl. Aber wer weiß, vielleicht klappt sie ja beim Öffnen in einen Kleinwagen um oder besser noch, sie enthält  einen dienstbaren Geist, der einem drei Wünsche erfüllt. Dann könnte man sich den Kleinwagen wünschen, ein Grundeinkommen und obendrauf noch den Weltfrieden. 

Ach ja, der Weltfrieden. Es ist doch verrückt, womit der schon alles erfunden werden sollte. Erst mit Dynamit. Dann mit der Atombombe und zum Schluss mit der bemannten Raumfahrt. Warum klappt es denn nur nicht? Das Kind besteht jetzt darauf, den Kinderwagen alleine nach Hause zu schieben. Mit einem Freudenschrei lässt er ihn dann den Berg hinab sausen. Ich renne hinterher, kann aber nicht mehr verhindern, dass die Kutsche in der dreißiger Zone geblitzt wird. Aber was soll’s? Shit happens. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 24.02.2022 12:45 Uhr.

Die Wetterprognose für morgen

Ein Kinderspielplatz ohne Kinder ist wie ein Gasherd ohne Gas. 


Der Wind hat den Himmel wieder frei geblasen. Man sieht wieder blau und weiße Wölkchen. Und Sonne natürlich. Aber er hat auch ein paar Bäume umgepustet, die Bienenstöcke im Garten und den großen Engel vor dem Krankenhaus. Der Bergmann steht jetzt allein und mein Vater hat seinen Grill eingebüßt. So muss eben jeder Opfer bringen. Meine Frau opfert ihre schöne Zeit für unser täglich Brot und Obdach. Aber so ist die Welt: Während sich die einen krumm buckeln,  leben die andern sorglos in den Tag. Wir waren inzwischen auf dem Spielplatz, der ja so etwas wie der Arbeitsplatz der kleinen Kinder ist. So betrachtet mache ich mir Sorgen, denn wir waren die einzigen Kinder dort. Sind alle anderen Kinder entlassen worden? Oder wird der Kinderspielplatz mit Gas betrieben und wurde nun vom Netz genommen? Hängt vielleicht beides zusammen? 

Möglicherweise hat ja der blaue Himmel auch etwas mit dieser Kinderarbeit zu tun. Es gibt eine Menge zu drehen auf dem Spielplatz, und irgendeiner muss es offensichtlich machen. Entsprechend ausgezehrt kehrt das Kind nach Hause zurück. Er stürzt sofort an den Herd und rührt Schupfnudeln und Nürnberger Würstchen in einer Pfanne zusammen. Meine Frau hatte uns eigentlich rote Beete zubereitet, die sich der Junge noch beim Kochen und dann als Vorspeise einverleibt. Zusammen mit den Schupfnudeln und den Bratwürstchen ist nun das Mittagessen für die nächsten drei Tage aufgezehrt. 

Ich hätte nicht gedacht, dass kleine Kinder so viel essen. Darum werde ich auch wieder arbeiten gehen müssen. Jetzt verstehe ich den wahren Kern des Märchens von Hänsel und Gretel. Der Holzfäller und seine Frau wussten einfach nicht mehr, wie sie die zwei Kinder satt kriegen sollten. Was ist leichter: das eigene Kind verhungern sehen, oder es im Wald aussetzen? Unser Kind denkt über solche Sachen nicht nach. Er hat einfach keine freien Kapazitäten. Er ist ständig auf der Suche nach irgendwelchen Gegenständen, die er dann irgendwo hin trägt, fallen lässt und von neuem in der ganzen Wohnung sucht. Und der Spielplatz bleibt währenddessen sich selbst überlassen. Die Wetterprognose für morgen: Wolken, später Schneefall. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 23.02.2022 13:00 Uhr.

Herzlich willkommen

Kann man wirklich an der Welt anderer Menschen teilhaben? Gibt es diese anderen Menschen überhaupt? Oder gibt es nur mich und den blauen Elefanten?


Gibt es bei Tchibo eigentlich noch jede Woche eine neue Welt? Das wäre doch nicht schlecht, denn die alte ist doch ganz schön runter gewirtschaftet. Das mag daran liegen, dass es nur diese eine Welt für uns alle gibt. Wäre es nicht besser, wenn jeder seine eigene hätte? Zwar beschreibt man heute eher ein Defizit, wenn man jemandem bescheinigt, er oder sie lebe in seiner oder ihrer eigenen Welt. Aber wäre dass es nicht von Vorteil? Zum Beispiel beim Schlafen: Möchte man seine eigene Welt da mit jemanden teilen? Und hat es nicht seinen Grund, dass man jede Nacht dorthin zurückkehrt? Ich meine, ich bin froh, dass ich nicht mehr allein ins Bett gehen muss und auch beim Aufwachen nicht mehr alleine bin. Aber beim Schlafen bin ich so allein, wie eh und je. So eine eigene Welt scheint für die Erholung und Rückgewinnung der eigenen Kräfte doch immens wichtig zu sein. Wenn man dann wieder in die gemeinsame Welt zurückkommt, sollte man ein bisschen sozialverträglicher sein, als zuvor. Bei manchen Zeitgenossen wünschte man sich allerdings, sie blieben gleich ganz in ihrer eigenen Welt und verschonten uns mit ihrer Gemeinschaft. Schlimm ist es nur, wenn solche Leute dann Macht haben und trotzdem in unserer Welt herumwursteln können. 

Wie dem auch sei, jedenfalls kann man in Welten, die nicht die eigenen sind, schwerlich hinein schauen. Schon für meine Frau, die mir doch von allen Menschen am nächsten steht, muss meine eigene Welt eine fremde Welt sein. Und die Welt unseres Kindes wird für uns beide wohl für immer ein Rätsel bleiben. Je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger wahrscheinlich erscheint mir die eine Welt, die wir alle miteinander teilen. Da ist zum Beispiel die Fußgängerampel auf dem Weg in die Stadt, an der sich heute eine kleine Wartegemeinschaft gebildet hat. Wir stehen dort, bis sich die Baustelle erledigt hat und die Ampelanlage abgebaut wird. Hinterher stellt sich heraus, dass die vorderen Passanten tatsächlich vergessen hatten, den Knopf zu drücken. So etwas passiert immer nur in meiner Welt. Ich kann nicht heraus und niemand kann herein. 

Aber hey! Es gibt doch liedersaenger.de! Die neue Community mit dem Elefanten, der sich keine Gedanken macht. Das ist zwar keine neue Welt und schon gar keine bessere, aber es ist wie eine Tür, durch die man jetzt eintreten kann, statt sich wie bisher nur die Schaufenster anzuschauen. Aus der Bühne wird jetzt ein Laden. Es gibt nichts zu kaufen. Aber man kann etwas dort lassen. Herzlich Willkommen!

Veröffentlicht in Elternzeit am 22.02.2022 13:15 Uhr.

Leitern

Welche Rolle spielen die ganzen Dinge, mit denen wir uns umgeben? Und warum werden wir sie so schwer wieder los?


Es gibt Kindersachen und es gibt Erwachsenensachen. Zu den Letzteren gehören Telefone, Tablet-Computer, Ebook-Reader. Aber auch Mixer, Pürierstab und Küchenwaage. Diesen Dingen ist gemeinsam, dass Kinder sie nicht gefahrlos und zweckgemäß verwenden können. Um so größer ist ihre Anziehungskraft. Sollte es so eine Phase in meiner Kindheit gegeben haben, kann ich mich natürlich nicht mehr daran erinnern. Aber es gab ja auch gar nicht so viel, was einen so starken Haben-Wollen-Effekt erzeugt hätte, wie zum Beispiel ein Mobiltelefon. Genau genommen hatten meine Eltern wahrscheinlich überhaupt nichts, dass ich hätte haben wollen. Wenn es etwas gab, dann hatte ich es im Fernsehen gesehen. 

Zum Beispiel das Mikrofon. Ohne Mikrofon war die Tätigkeit eines Quiz-Show-Moderators nicht denkbar. Mein Vater baute eins aus einer Stabtaschenlampe, einem Tennisball, einem Stück Leinenstoff und einer Schnur. Und es gab natürlich das Auto. Das bestand aus einer Motorrad-Windschutzscheibe, einem Lenkrad und ein paar Brettern. Aber der Knaller - um nicht zu sagen der Renner - war ein Schützenpanzersoldatenhelm mit echten Kopfhörern und Kehlkopfmikrofonen. Ich bekam ihn von meinem Bruder weitergereicht. In meiner Begeisterung bezeichnete ich ihn als Baumteil: „Du bist ein Ast!“ Ich weiß nicht mehr, ob er das so verstand, wie ich es gemeint hatte. Während ich das alles erzähle, warten wir auf den Schornsteinfeger. Er will aufs Dach und der Weg dorthin führt durch unsere Wohnung. Schornsteine und angeschlossene Feuerstellen sind freilich auch Erwachsenensachen. Inzwischen beschäftigen uns aber wieder die Kindersachen. Der Jeep ist nämlich verschwunden. Da er wie „Dieb“ ausgesprochen wird, liegt es nahe, ihn bei der Polizei zu vermuten. 

Es liegt aber auch nahe, dass der verschwundene Jeep nur ein Vorwand ist, um auf die Erwachsenensache Taschenlampe zugreifen zu können. Die weitere Suche (mit Taschenlampe) führt uns ins Esszimmer, wo sich das Klavier befindet. Auch diese Erwachsenensache wird umgehend geentert. So sind also die Kindersachen nichts anderes als Leitern, auf denen man zu den Erwachsenendingen aufsteigen kann. Aber auch sie, die Erwachsenendinge, sind recht verstanden Leitern, auf denen wir höher hinauf steigen könnten. Könnten wir wie die Kinder über diese Dinge und quasi also auch über uns selbst hinaussteigen, dann kämen wir zum Eigentlichen, von den Dingen zu den Ideen. Aber das können wir wohl nicht, weil wir verlernt haben, die Dinge als Leitern zu sehen, wie wir das als Kinder ganz selbstverständlich konnten. 
Und so bleiben wir eben 
an ihnen kleben.

Veröffentlicht in Elternzeit am 21.02.2022 12:40 Uhr.

Orpheus III

Zweimal bereits bin ich der Geschichte von Orpheus begegnet und jedes Mal wurde ihre Bedeutung für mich klarer. Am vergangenen Wochenende begegnete ich ihr ein drittes Mal und wieder scheint sich ein Nebel zu lichten. (Repost vom 18.10.2018)


Kalliope, eine der neun Musen, die Schönstimmige, hatte zwei Söhne. Einer von ihnen war Orpheus. Er wuchs in der Obhut der Musen heran und bekam von Apollon eine Lyra geschenkt. Er verstand es auf das Wunderbarste, die Worte zu setzen oder Melodien zu ersinnen, aber wenn er sang, dann blieb die Welt stehen. Stets war er umgeben von Tieren und Kindern, von Männern und natürlich auch von Frauen, die hingebungsvoll seinem Gesang lauschten. Aber weder Frauen, noch Männer bedeuteten ihm irgendetwas. Er kannte die Sehnsucht nicht, ruhte in sich selbst und lebte nur seiner göttlichen Gabe. Bis zu dem Tag, an dem er Eurydike traf. Eurydike war eine Dryade, eine der Nymphen, die den Wald und die Bäume bewohnen. Sie war von außergewöhnlicher Schönheit und um Orpheus war es geschehen. Er hielt um ihre Hand an und sie zierte sich keinen Augenblick und sagte "ja".

Aber dann starb Eurydike an einem Schlangenbiss. Orpheus war untröstlich und machte sich auf den Weg in die Unterwelt, um Eurydike zurückzuholen. Kein Sterblicher hatte das jemals gewagt. Aber seine Demut und sein überirdischer Klagegesang veränderte die Abläufe in der Unterwelt und selbst Hades und Persephone wurden zu Tränen gerührt. Sie erlaubten Orpheus, Eurydike wieder in die Welt der Lebenden zu führen. Allerdings müsse er vorausgehen und dürfe sich nicht nach ihr umsehen, bis sie das Tageslicht erreicht hätten. Als sie den schwierigen und beschwerlichen Weg zurück schon fast geschafft hatten, drehte sich Orpheus um und sah Eurydike an. Er sah sie zum letzten Mal: Augenblicklich wurde sie in die Unterwelt zurück gerissen und nichts und niemand konnte sie mehr befreien.

Orpheus hatte durch sein Unglück seine Handlungsfähigkeit nach vorne verloren. Er blickte zurück und suchte sein Heil im Vergangenen. Und sah es zunächst tatsächlich danach aus, als könnte er es dort finden, so musste er doch scheitern. Selbst Hades, der Verwalter und Verschließer alles Vergangenen, schien nachzugeben. Aber damit es gelänge, die Vergangenheit ungeschehen zu machen und Eurydike wieder ins Leben zu führen, hätte er die Vergangenheit, der Eurydike ja angehörte, ruhen und hinter sich - und damit Eurydike zurück lassen müssen. Ein teuflischer Widerspruch, der nicht aufzulösen war. 

Glück oder Unglück liegen eben nicht darin, was uns widerfährt, sondern darin, ob wir handlungsfähig bleiben. 

Veröffentlicht am 18.02.2022 14:04 Uhr.

Höchste Zeit

Zu den Grundrechten des Kindes nach Janusz Korczak gehört das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist. Ein Kind eben. 


Die Füße still halten. Nichts ist so wichtig, dass man es nicht verschieben könnte. Eigentlich wollte ich heute Frau und Kind verlassen und auf die Autobahn. Das fällt nun aus. Auf der Autobahn werden sie mich nicht vermissen und mein Vater, den ich besuchen wollte, weiß mich lieber in Sicherheit, als bei Unwetter auf der Straße. Das ist dann der Augenblick, wo man sich ein Bier aufmachen kann. Vorzugsweise ein Schwarzes. Damit jetzt im Leuchtturm sitzen und auf das tosende Meer blicken! Oder hilfsweise in den verregneten Garten. Mein Kind hat inzwischen gekocht. Es gab Streit bei den Schupfnudeln. Er wollte immer rühren und ich nicht. Die Dinger müssen ja auch irgendwie Farbe kriegen. Nun, ich habe mich durchgesetzt und die Schupfnudeln sind jetzt schwarz. Passend zum Bier eben. Und da das Bier zum Wetter passt, passt alles.

Jetzt ruft er zum Essen. Ich will aber nicht. Ich will auf seinen Schoß oder besser noch auf seinen Arm. Aber er hat keine Zeit für mich. Er ist immer so beschäftigt, muss immer irgendwas machen. Jetzt bekommt er auch noch schlechte Laune. Er soll sich doch nur hinsetzen und da sein. Hauptsache er läuft nicht herum. Dann läuft er auch nicht weg. Und wenn er schon herumläuft, dann soll er mich eben tragen. Aber er will nicht. Er will einfach nicht. Warum will er denn bloß nicht?

Das tägliche Diktieren ist nicht folgenlos geblieben. Das Kind spricht schon viel und auch ganz ordentlich, aber er spricht eben die Satzzeichen mit. Punkt. Kriegt man das wieder weg? Fragezeichen? Hoffentlich gibt es Logopäden, die damit schon Erfahrungen haben! Ausrufungszeichen. Es gibt sicher schlimmere Schäden, die man seinem Kind zufügen kann, aber trotzdem, schön ist es nicht. Ein Kind ist ein Kind und es muss ein Kind sein können. Mit seinen Eltern als den einzigen täglichen Kontaktpersonen wird das nichts. Ein Kind gehört zu anderen Kindern, damit es gedeihen kann. Es muss sich vergleichen können und gemeinsam mit anderen wachsen. Es wird höchste Zeit. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 17.02.2022 13:10 Uhr.

Liebliches Geläute

Das Glück ist niemals laut oder offensichtlich. Darum wird es leicht übersehen. Aber es kommt immer wieder. Zum Glück.


Es gibt so Tage, da kommt man irgendwie nicht in die Gänge. Man macht und tut aber es geht einfach nicht vorwärts. Dabei ist es doch immer das Gleiche: Frühstücken, waschen, anziehen, rausgehen, Mittag kochen, Mittag essen, Mittagsschlaf. Aber heute ist auch noch rasieren. Das Kind besteht darauf, seinen Milchbart abzurasieren. Aber als der Massagevibrator in sein Gesicht will, macht er einen Rückzieher. Einmal draußen hält es das Kind dann nicht lange in seinem Kinderwagen aus. Er will selber schieben. Dazu fällt mir ein, wie ich auf der Heringsdorfer Seebrücke meiner heutigen Frau einen Herzenswunsch anvertraute: Dass sie es sei, die mich in fernen Tagen einst im Rollstuhl auf diese Brücke schieben möge. Das wünsche ich mir immer noch. Aber ich sehe auch, dass in noch ferneren Tagen, wenn sie es vielleicht nicht mehr vermag, ein anderer diesen Dienst übernehmen kann. Was für ein Glück.

Apropos Glück: Der verschwundene Text ist wieder aufgetaucht. Ich fand ihn im Papierkorb und er war nicht annähernd so inhaltsreich, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Genau genommen war er so wie er war ganz und gar unbrauchbar. Ich hätte ihn komplett neu schreiben müssen, was ich ja dann auch gemacht habe. Weil er weg war. Was er ja nicht war, was aber niemandem etwas genützt hätte, weil er eben unbrauchbar war. Aber ich wiederhole mich. In der Wiederholung liegt ein mächtiger Zauber. Sie ist Segen und Fluch zugleich. Dem Kind hilft sie beim Wachsen, dem Ausgewachsenen tötet sie den Nerv. Noch einmal das Lied und noch einmal und noch einmal. Und wieder und wieder. Noch einmal, dann ist Schluss. Nein, noch einmal. Und noch einmal. 

Wir sind wieder drinnen. Das Kind hat jetzt einen Spinatbart und der Postbote hat die Batterien gebracht, die das Bachbuch wieder zum Klingen bringen. Die endlosen Wiederholungen hatten es verstummen lassen. Jetzt kann der Junge auf der Wiese kann wieder Oboe spielen, wie die Mama. Der Wind frischt auf und der Wetterdienst warnt vor Orkanböen. Das ist der alte Winter. In seiner Schwäche kann er noch mal gefährlich werden. Aber während wir die letzten Kastanien über den Hof rollen lassen, hören wir von irgendwoher liebliches Geläute. Es sind die Schneeglöckchen. Sie sind wieder da. Was für ein Glück. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 16.02.2022 12:40 Uhr.

Über das Verschwinden von wichtigen Gegenständen

Unser Kind hat bereits erstaunliche Fähigkeiten. Er kann zum Beispiel Dinge verschwinden lassen. Trotzdem gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung. 


Alles ist weg. Ich hatte so ein schönes Diktat diktiert und jetzt ist es einfach nicht mehr da. Ich kann jetzt versuchen, den verschwundenen Text mühsam zu rekonstruieren oder gleich ganz neu anfangen. Beides ist schlecht. Es ging jedenfalls um die Zähne. Dass wir ein ganzes Leben lang damit zu tun haben, von der Wiege bis zur Bahre. Dann habe ich seitenlang über die Weddellrobbe geschrieben. Weil sie keine Hände hat, muss sie ihr Luftloch mit den Zähnen eisfrei halten. Wenn die Zähne dann abgenutzt sind, muss die arme Robbe Hungers sterben. Das habe ich natürlich alles viel dramatischer und einfühlsamer geschildert und nun ist eben alles weg. Ich kann mir nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. Vielleicht hängt es mit der Tablette zusammen. Gestern Abend hatte ich Zahnschmerzen und habe eine Schmerztablette eingenommen. Nach anderthalb Stunden waren die Schmerzen weg. Vielleicht wirkt die Tablette noch und deswegen ist auch der Text weg. Er kommt wieder, wenn die Schmerzen wiederkommen. Dann könnte ich wieder eine Tablette einnehmen aber dann wäre auch der Text wieder weg. 

Es sieht so aus, als wollte mir der Text mit seinem Verschwinden irgendetwas sagen. Er ist ja gewissermaßen eine Sonde, mit der ich mein Innerstes erkunden kann. Vielleicht will er sagen: „Geh doch zum Zahnarzt, wenn du Schmerzen hast.“ Na toll. Das weiß ich selber. Ich war ja gerade beim Zahnarzt und danach bekam ich Schmerzen. Es muss zwischen diesen beiden Ereignissen keinen kausalen Zusammenhang geben. Es wäre aber möglich. Einmal war ich sieben Jahre lang nicht beim Zahnarzt und alles war gut. 

Möglicherweise ist aber auch mein Sohn für das Verschwinden des Textes verantwortlich. Er kann so gut wie alles verschwinden lassen. Vielleicht hat er mal wieder das W-LAN abgeschaltet. Das kriegt er schon hin und ich merke es nicht immer gleich. Er kann auch das Telefon klingeln lassen. Das macht er manchmal, wenn ich außerhalb seiner Sichtweite in der Wohnung beschäftigt bin. Statt zu rufen oder mich langwierig zu suchen, lässt er es eben klingeln und freut sich, wenn ich zuverlässig wieder zum Vorschein komme. Aber bevor ich hier noch weiter andere beschuldige, wollen wir lieber annehmen, ich hätte den Text selbst verloren. Er könnte mir aus der Uhr gefallen sein, als wir heute in der Stadt unterwegs waren und bei meinem Zahnarzt vorbeigekommen sind. Möge der ehrliche Finder seine Freude dran haben.

Veröffentlicht in Elternzeit am 15.02.2022 12:55 Uhr.

Da sieht man mal, wie weit wir sind

Hammer und Sichel sind unter anderem Symbole der untergegangenen Sowjetunion. Sie liegen fein säuberlich in einer Kiste und werden jeden Sonntag poliert.


Ich hatte früher eine Schulhose, eine Haushose und eine Draußenhose. Wobei ich mir bei der Draußenhose nicht ganz sicher bin. Es könnte auch sein, dass es eine Spielhose war. Mit diesen drei Hosen bin ich heute immer noch unterwegs. Seit dem Wochenende ist noch eine neue Hose dazu gekommen: es ist die Relaxhose. Sie ist ein Geschenk meiner Frau und als solches mit einer Bedeutung aufgeladen, die weit über ihre eigentliche Zweckbestimmung hinausgeht. Darum achte ich darauf, dass ich sie wenigstens 12 Stunden am Tag trage. Zu Weihnachten bekam ich lange Unterhosen, die ich während der anderen 12 Stunden des Tages an habe. Womit die Frage der Investitur zwischen uns beiden hinreichend geklärt wäre. Während ich laut über diese Dinge nachdenke, guckt mir das Kind von unten in die Nasenlöcher und ruft: da ist ein Popel! Es ist immer wieder diese entwaffnende Ehrlichkeit, die wir an unseren Kindern so schätzen. Allerdings kann sich so ein Kind auch schnell mal irren. Das müssen wir Ihnen dann nachsehen. 

Man muss Kindern überhaupt alles nachsehen, sagt meine Frau lächelnd, als das Kind endlich friedlich im Schlafe liegt. Zuvor hatte er mein Gesicht in einen Berg umgewidmet, den es zu besteigen galt und auf meinen Rippen ließ sich trefflich Trampolinspringen trainieren. Dahinter steckt keine Bosheit. Und trotzdem gibt man einem Kind keinen Hammer oder gar einen geladenen Revolver in die Hand. Bei Putin wäre ich mir mit den bösen Absichten nicht so sicher. Und er hat nicht nur einen Hammer, sondern auch eine Sichel. Beides bewahrt er in einer Kiste auf, die er in einer Nacht- und Nebelaktion aus Breschnews Grab an der Kremlmauer geklaut hat. Das ist alles mehr als besorgniserregend. Das ist beängstigend. 

Ob Putin auch eine Relaxhose hat? Gut möglich. Hatte er nicht so eine getragen, nachdem er mit Gerhard Schröder aus der Sauna gekommen ist? Breschnew hatte definitiv keine Relaxhose. Er war ja Ukrainer und zu seiner Zeit gab es so etwas in der Gegend um Dnipropetrowsk noch gar nicht. Auch das Relaxen als solches ist erst viel später aufgekommen. Allenfalls war das Relaxieren bekannt, aber dafür gab es noch keine speziellen Hosen. Da sieht man mal, wie weit wir sind. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 14.02.2022 13:40 Uhr.

Was sich die Apfelbäume einer anderen Welt am Lagerfeuer erzählen

Beim Schneemann bauen wird dem Autor bewusst, dass er kein Che Guevara mehr wird. 


Manchmal liege ich doch nachts wach und denke: Mann, Mann, Mann. Was soll das noch alles werden? Normal ist das bei mir aber nicht. Normalerweise ist es eben, wie es ist, und dann muss man mal sehen. Aber manchmal kommt auch eins zum anderen und dann wird es schnell mal zu viel. Dabei war die Welt noch nie ein Ort, wo man gerne Urlaub machen würde. Die Welt war vielmehr schon immer das, was wir daraus machen. Und das ist meistens Murks. Zumindest, wenn ich daran beteiligt bin. Mir war völlig klar, dass der Toaster es nicht lange mitmacht, wenn ich in ihm mit der Kuchenzange nach dem Toast stochere.  Alles nur eine Frage der Zeit, bis es mal funkt. Dahinter steht keine böse Absicht. Weder bei mir, noch beim Toaster. Ich will mir halt die Finger nicht verbrennen und so ein Toaster kann eben auch nicht aus seiner Haut. 

Die friedliche Koexistenz ist nun mal eine Illusion. Ob zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Maschine oder zwischen Staaten, irgendwann knallt es. Dann muss man klug damit umgehen. Es wäre verkehrt, jetzt noch mit der Gabel dazwischen zu gehen. Aber was weiß ich schon! Ich muss auf mein Kind achten und sonst gar nichts. Der tummelt sich im frischen Schnee, der sich über Nacht wieder auf die Straße gelegt hat und baut sich einen gleichnamigen Mann. 

Den würde er gern seiner Mutter zeigen, die am frühen Nachmittag von der Arbeit kommt, aber der Schneemann wird die Mittagsstunde wahrscheinlich nicht überleben. Also baut er ihn mitten auf die Straße, wo er vielleicht ein heldenhafteres Ende findet, als in der Sonne dahin zu schmelzen. Die Frage ist eben: will man kurz und intensiv leben, heldenhaft sterben und zur Legende werden oder will man ein langes Leben und letztlich still und leise in Bedeutungslosigkeit und Vergessen verschwinden. Eine Frage, die der Schneemann beantworten müsste. Ob die Welt noch jung genug ist, um zur Legende zu werden, lässt sich von meinem Standpunkt aus schlecht einschätzen. Vielleicht würden die Apfelbäume einer anderen Welt ihre Geschichte am Lagerfeuer erzählen, ginge sie morgen unter. Bei mir selbst würde ich jedenfalls sagen: der Zug ist abgefahren. Gott sei Dank!

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 11.02.2022 12:45 Uhr.

Väter auf dem Spielplatz

Oder: Der lange Weg in den Kindergarten. 


Ich kann mich über das Schlafbedürfnis unseres Kindes nicht beklagen. 
Er schläft ganz gern und auch recht lange, vorausgesetzt ich liege neben ihm. Zur Untätigkeit gezwungen, verbringe ich so wieder Stunde um Stunde auf meiner alten Couch. Nur darauf können wir zusammen liegen. Ins Kinderbett passe ich ja nicht hinein. Das kann man nun beklagen oder darüber verzweifeln. Oder man kann es genießen. Ich entscheide mich für das Letztere. 
Lass den Satan wittern,
lass den Feind erbittern – ich habe Besseres zu tun. 
Tobe Welt und springe
Ich liege hier und singe
In gar sicherer Ruh .
Falls mich mal irgendwann wieder rastlose Geschäftigkeit ergreifen sollte, will ich mich daran erinnern, dass es einmal nichts Wichtigeres gab als mein Kind in den Schlaf zu liegen. Und dabei nichts zu tun, denn nur dann schläft er wirklich ein. Das kann ich auch am besten. An alles andere aus diesem Vaterjahr möge sich das Kind bitte nicht erinnern. 

Heute ist der Testtag für den Weg zum Kindergarten. 
Wir verlassen die Wohnung um 9:00 Uhr. 
Schuhe anziehen, in den Kinderwagen setzen: 9:15 Uhr. 
9:22 Uhr: unterwegs, erste Anzeichen von Ungeduld beim Kind. 
9:30 Uhr: Schnauf, Papa, Schnauf. Es geht den Berg hinauf. 
9:35 Uhr: Ankunft. 
Der Kindergarten sieht verlassen aus, aber es gibt zum Glück einen öffentlichen Kinderspielplatz nebenan mit Wippe und Rutsche, um den Bewegungsdrang des einzig anwesenden Kindes zu befriedigen. Vor dem Kindergarten erscheinen jetzt doch sechs kleine Kinder. Sie führen drei Erwachsene an der Hand, gehen aber am Kinderspielplatz vorbei und schauen nicht rein. Es soll ja Städte geben, da begegnet man auf Spielplätzen anderen Vätern mit ihren Kindern. Während die Kleinen schön zusammen spielen, tauschen sich die Väter aus und geben sich nützliche Tipps zur Erziehung von Katzen. („Es ist ganz einfach. Nach drei Tagen machst du, was sie wollen.“) Im Erzgebirge ist das natürlich anders. Wir bleiben schön für uns allein und ich kann mir die Silhouette des Schwarzenberger Schlosses anschauen. Der Turm bringt mich auf eine Idee. 

Auf dem Rückweg passieren wir noch mal die Kulisse für die Filmaufnahmen. Die Schneekanone war noch nicht im Einsatz. Dafür haben sie schönstes Frühlingswetter mit Sonnenschein gemietet. Diese Filmleute! Erst bauen Sie den Weihnachtsmarkt auf und dann lassen Sie es Frühling werden. Vielleicht muss man das Motiv für den Mord am Türmer doch noch mal überarbeiten: er hatte etwas in seinem Turm gebunkert, wollte es aber nicht herausrücken. Es war Hefeweizen, die letzten Kisten aus dem Herbst. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 10.02.2022 12:45 Uhr.

Der freundliche Opa

Soll man immer das sagen, was die anderen von einem hören wollen oder gerade nicht? Was ich meinem Kind geraten habe und Olaf Scholz raten würde. 


Schulz war bei Biden. Gelesen ist das ein Satz wie jeder andere. Aber wenn man ihn hört, vermittelt er doch einen starken Eindruck von Vollständigkeit. Leider trügt der Eindruck, denn Scholz war nur bei einem und er hat die Worte nicht gesagt, auf die alle gewartet haben. Er hätte nur „Nord Stream zwei“ sagen müssen. Hat er aber nicht und jetzt sind die Amerikaner verwirrt. Was ist bloß los mit diesem Scholz? Das fragen sich die Amerikaner nun zu Recht. Man muss aber auch Scholz verstehen. Der sagt sich: warum soll ich etwas sagen, das sowieso alle wissen? Es gibt Wichtigeres! Aber das will natürlich wieder keiner hören. Nur Nord Stream zwei, Nord Stream zwei, Nord Stream zwei. So. Wir kennen das von unserem Kind. Er erzählt und erzählt den ganzen Tag, aber wenn man ihn was fragt, wird er stumm wie ein Fisch und grinst nur irgendwie schlumpfig herum. Meine Frau fragt ihn zum Beispiel jeden Tag, was es zum Mittag gab. Sie bekommt nie eine Antwort. Wahrscheinlich denkt er, sie weiß es doch ganz genau. Schließlich hat sie es ja gekocht!

Er wird er vermutlich auch nicht erzählen, dass wir heute Vormittag in der Apotheke waren, obwohl sie das nun wirklich nicht wissen kann. Wir wollen nämlich alle drei in den Kindergarten und obwohl gewissermaßen dreimal geduscht müssen wir Erwachsenen doch nochmal kurz vorher Hände waschen. Sei's drum! Ist ja auch irgendwie richtig. Auch nach dreimal duschen kann man sich schließlich die Hände wieder schmutzig machen. Als wir dann wieder nach Hause kamen, mussten wir einem Auto ausweichen. Leider blieb es mitten im Weg stehen und kurbelte schön langsam seine Scheibe herunter. Ein freundlicher Opa schaute heraus und begann eine Konversation. Er sollte sagen, wer er sei. Der Junge biß seine Lippen zusammen und schwieg.  

Darf ein fremder Opa, freundlich oder nicht, solche Auskünfte überhaupt einholen? Diese Frage dürfte unserem Sohn durch den Kopf gegangen sein. Ich riet ihm zunächst, er solle doch einfach zurückfragen. Andererseits denke ich jetzt, wenn er sich mal verirrt und schon mal auf freundliche Menschen trifft, ist es vielleicht ganz nützlich wenn er sagen kann, wer er ist und wo er herkommt. Also rate ich jetzt Olaf Scholz, sich nicht länger so anzustellen und einfach mal zu sagen, was man von ihm hören will. Wird schon nicht wehtun. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 09.02.2022 13:10 Uhr.

Erzgebirgskrimi

Selten klappt irgendetwas so, wie es sein sollte oder wie man sich das vorgestellt hat. Und dann? Lasst euch was einfallen!


In den Garten, den wir von unserem Küchenfenster aus übersehen können, kommen manchmal Rehe. Sie suchen sich dort ihr Frühstück zusammen, wenn im Wald zu viel Schnee liegt. Ich brauche mein Frühstück zum Glück nicht erst lange suchen und erinnere mich noch daran, dass es lange Zeit aus Haferflockensuppe bestand. Erst als ich anfing Kaffee zu trinken, wurde es mir mit der Suppe zu viel. Wie es dann weiter ging, kann ich gar nicht mehr sagen. Einen Toaster haben meine Eltern erst später angeschafft. Irgendwann, schon längst in der eigenen Wohnung, hatte ich jedenfalls mal Tiefkühlbrötchen, von denen ich mir jeden Morgen zwei im Backofen aufbuk; erst bei -18 Grad tiefkühlen, dann zehn Minuten auf 180 Grad vorheizen, zehn Minuten bei 180 Grad backen. Es war mit Sicherheit mein teuerstes Frühstück, wofür ich allerdings erst im Jahr darauf mit der Stromrechnung die Quittung bekam. Wie man sieht, hatte ich es nicht leicht. Die Rehe haben es jedoch schwerer, wenn sie doch im Wald nichts finden und in den Gärten nicht gern gesehen sind. 

Sie werden sich was einfallen lassen müssen, so wie die Schwarzenberger, die jetzt einfach in dieser Woche ihren Weihnachtsmarkt aufbauen. Ich dachte wirklich erst, er soll nachträglich und möglichst noch vor der Passionszeit stattfinden, weil die neue Corona-Verordnung das jetzt wieder zulässt. Es ist aber nur eine Filmkulisse, denn der nächste Erzgebirgskrimi wird wieder in Schwarzenberg gedreht. In dieser Hinsicht habe ich mich auf jeden Fall verbessert. An keinem der Orte, an denen ich früher gelebt habe, wurde jemals ein Krimi gedreht. Ich bin gespannt, ob noch eine Schneekanone zum Einsatz kommt, ob es wirklich schneit oder ob sie einfach so drehen. 

Ich glaube, es wird doch eine Schneekanone. Damit wird dann nämlich der Türmer von Schwarzenberg erschossen. Erst sah es  so aus, als wäre er bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Aber der Fundort der Leiche unter einem tauendem Schneematschhaufen in der Vorstadt, wo eigentlich keine Lawinengefahr besteht, bringt die Ermittler dann auf die richtige Spur. Das Motiv: Er war ein erklärter Gegner von Schneekanonen und wollte den Schwarzenbergern ihren weißen Weihnachtsmarkt nicht gönnen. Mehr verrate ich jetzt aber nicht. Die Rehe haben unterdessen die Kastanien gefressen, die meine Frau zu Belustigung unseres Kindes aufgehoben und auf die Gartenmauer gelegt hatte. Man muss sich eben etwas einfallen lassen. Und das gilt für uns alle!

Veröffentlicht in Elternzeit am 08.02.2022 12:45 Uhr.

Nie wieder

Es beginnt mit dem Kindergeburtstag. Über den Valentinstag kommen wir zu den Geschenken und am Ende ist es doch noch eine schöne Sonntagspredigt geworden. 


Wir brauchen ein Geburtstagsgeschenk für das Kind. Ja, was können wir ihm schenken? Nun, wir schenken ihm den Kindergarten. Täglichen Kontakt zu Gleichaltrigen wird er schon zu schätzen wissen. Aber das ist kein Geschenk, über das man sich gleich freuen kann, weil es erst mit der Zeit schön wird. Also schenke ich ihm auch noch ein bisschen Zeit. Ich konnte die Elternzeit verlängern, und muss erst im Mai wieder arbeiten. Aber auch das ist natürlich kein richtiges Geschenk. Ein Geschenk muss man auspacken können, damit man sich dann wenigstens einen Tag lang darüber freuen kann. Das weiß ich, weil meine Frau, die beste aller Ehefrauen und Mütter, keine Gelegenheit auslässt, mir schön verpackte Geschenke zu überreichen. Womit wir es in wenigen Sätzen vom Kindergeburtstag zum Valentinstag geschafft hätten. Ich will um Himmelswillen keinen Stress machen, aber es sind nur noch sieben Tage! Für Versandbestellungen wird es jetzt höchste Zeit. Es muss ja kein großes Geschenk sein. Im Gegenteil, je kleiner, desto besser und der Preis sollte auch keine Rolle spielen. 

Der Umgang mit Geschenken ist ein wichtiges Lebensthema, dem man sich nicht früh genug zuwenden kann. Ein Geschenk ist kein Verdienst. Man hat darauf keinen Anspruch und kann es nur dankbar annehmen. Aber man muss es auch wieder loslassen können, denn es ist gewissermaßen freiwillig zu einem gekommen. Und so kann es uns auch wieder verlassen. Kinder verstehen das intuitiv. Sie wissen ja erst mal noch nichts von Verdienst und Leistung.  Aber dann verlernen sie diesen Umgang mit Geschenken wieder. Das nennen wir dann erwachsen werden. 

Erwachsene wollen keine Geschenke mehr haben. Wir kaufen uns alles von unserem sauer verdienten Geld und dann gehört es uns und wir müssen es mit Klauen und Zähnen festhalten und verteidigen, koste es, was es wolle und sei es das Leben. Dabei ist das größte Geschenk im Leben doch das Leben selbst. Leider ist es mit unserer Dankbarkeit dafür nicht weit her und loslassen will man es gleich gar nicht mehr. Die Unwahrscheinlichkeit und Unverfügbarkeit des Lebens kann man sich nicht oft genug klarmachen und in Erinnerung rufen. Am besten täglich. Die Mahlzeiten wären eine gute Gelegenheit dafür. Und so sitze ich  - reich beschenkt und dankbar -  an unserem Esstisch: dankbar dafür, dass ich am Leben bin, dankbar dafür, dass ich satt zu essen und zu trinken habe. Und dankbar dafür, dass ich nicht alleine bin. Nicht mehr. Und nie wieder. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 07.02.2022 12:30 Uhr.

Segenswünsche

Es sind meistens kleine Ereignisse, die große Veränderungen bewirken. Sie fordern uns heraus, aber wir müssen uns nicht vor ihnen fürchten. 


Wahrscheinlich kommt es gar nicht so selten vor, dass Briefträger von Krokodilen gefressen werden. Von Problemen mit Hunden hat man ja schon öfter gehört. Jedenfalls kann man sich jetzt in der offiziellen App der Deutschen Post anzeigen lassen, wenn ein Brief zu einem unterwegs ist. Dann kann man sich den Brief nämlich selbst von der Post abholen, wenn der Briefträger, warum auch immer, nicht mehr kommen kann. Vielleicht gilt  die Briefzustellung auch bald als Komfortleistung, die man als Empfänger dazu buchen muss. Standard ist dann die Selbstabholung. Auch die Post muss eben kreativ sein und sich Gedanken machen. Immer nur das Porto erhöhen stößt irgendwann an seine Grenzen. Ja, doch, diesmal bin ich es wirklich selbst. Ich diktiere nur mit verstellter Stimme. Das wurde notwendig, um alle Spuren zu verwischen, die ich diese Woche im Netz hinterlassen habe. Denn wenn Putin und Xi die Welt unter sich aufgeteilt haben, ist es erst einmal wieder besser, den Kopf einzuziehen. Dass das passiert, ist nicht so unwahrscheinlich, wie von Krokodilen gefressene Briefträger. Schließlich hat Amerika mit sich selbst zu tun und dem Rest des Westens geht es auch nicht besser. 

Meine Urgroßmutter Auguste erlebte im Deutschen Kaiserreich Kindheit und Jugend und heiratete in der Weimarer Republik. Ihre Kinder wuchsen unter der Hitler-Diktatur heran und die älteste Tochter brachte in dieser Zeit  ihre beiden Kinder zur Welt. Deren jüngstes wurde mein Vater. Rentnerin wurde Auguste in der Deutschen Demokratischen Republik. Als sie 1990 als Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland starb, gab es die DDR nicht mehr. Wer in jenem Jahr geboren wurde, dem mag es heute als jungem Erwachsenen so vorkommen, als sei die Welt, in der wir leben mehr oder weniger stabil. Auguste erlebte mit 36 Jahren schon den zweiten Wechsel des politischen Systems und mit Mitte vierzig schon den zweiten Krieg. 

Ich werde wohl erleben, in welche Welt unser Sohn hineinwächst und welchen Platz er darin einnimmt. Heute ist er zum zweiten Mal alleine nach dem Mittagsschlaf aufgestanden und zu mir ins Wohnzimmer gekommen. Er ist jetzt also schon ein großer Junge. Möge er weiterhin so mutig seine Welt erkunden und sich irgendwann so gut darin auskennen, wie in unserer Wohnung. Mögen seine Unternehmungen weiterhin erfolgreich sein und sein Wirken reiche Früchte tragen. Ich wünsche es ihm sehr. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 04.02.2022 13:15 Uhr.

Der kleine Diktator

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. 


Während im ganzen Land die Advents- und Weihnachtsdekoration schon längst in Kellern und auf Dachböden verstaut ist, beginnt man im Erzgebirge erst dieser Tage mit dem Verräumen der entsprechenden Requisiten. Man hat sich dann aber auch wirklich satt gesehen an Schwibbögen, Fenstersternen, Pyramiden und sonstigen Leuchtutensilien. Und draußen wird es ja auch wieder heller. Aber leider nur optisch. Wenn sich demnächst die Hälfte des medizinischen Personals krank oder arbeitslos meldet, wird es im Erzgebirge wohl noch eine Weile finster bleiben. Man kann nur hoffen, in der nächsten Zeit nicht ins Krankenhaus zu müssen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie man mit seiner ganzen Macht das Gegenteil von dem erreichen kann, was eigentlich beabsichtigt war. Passiert mir jeden Tag. Meistens bleibt dann nichts anderes übrig, als möglichst geräuschlos zurück zu rudern. 

Wenn das Kind kein Müsli essen will und ich es nicht zwingen will oder kann, esse ich es am Ende selbst, und das Kind isst Marmeladen-Toast, so, wie es das auf Nachfrage gleich gesagt hat. Aber auch ungefragt erzählt das Kind inzwischen ohne Pause und unterbricht seine Monologe höchstens für ein kurzes Schläfchen. Dadurch kriege ich Schwierigkeiten beim Diktieren. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich der alleinige Autor dieser Zeilen bin. Wenn in einem Text die Worte Notarzt, Briefträger oder Krokodil auftauchen, hat mit einiger Sicherheit mein Sohn das Diktat übernommen. 

Der Briefträger war mitten im Schneesturm unterwegs. Er hatte heute nur einen einzigen Brief auszutragen. Es war ein Einschreiben für den Notarzt. Als er endlich am Haus des Doktors angekommen war, klingelte er Sturm. Er klingelte und klingelte, aber niemand öffnete. Offenbar war der Notarzt gerade mit einem Notfall beschäftigt. Der Briefträger konnte den Brief nicht in den Briefkasten werfen, denn er brauchte dafür eine Unterschrift vom Notarzt, weil es ein Einschreiben war. Er warf eine Benachrichtungskarte ein und machte sich auf den Rückweg. Da trat ihm das Krokodil in den Weg. „Gib mir den Brief“ bat es, zunächst noch recht freundlich. „Ich habe solchen Hunger.“ „Aber Krokodil“ sagte der Briefträger, „ich muss den Brief doch dem Notarzt aushändigen und außerdem wirst du von einem Brief nicht satt.“ „Ach so“ sagte das Krokodil, „na dann…“ Und nach diesen Worten riss es sein Maul weit auf und das letzte, was der Briefträger sah, waren zwei Reihen messerscharfer Zähne und der rote Rachen des Krokodils von innen. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 03.02.2022 12:50 Uhr.

Männer allein zu Haus

Gestern war Ändere-Dein-Passwort-Tag, der daran erinnern soll, regelmäßig seine Passwörter zu ändern. Dazu müsste man sie aber erst einmal kennen!


Die Welt wird untergehen. Das steht schon mal fest. Die Frage ist nur, wie und wann. Vielleicht wird es ja auch gar nicht so schlimm. Die Sonne geht schließlich jeden Abend unter und Sonnenuntergänge locken immer wieder Schaulustige an. Welche Szenarien wären denn denkbar? Eine der ältesten Vorstellungen sagt voraus, dass uns der Himmel auf den Kopf fallen wird. Das könnte er in Gestalt eines Meteoriten tun. Moderner und naheliegender ist der Nuklearkrieg. Vielleicht kommt auch beides zusammen. Mein persönlicher Weltuntergang ist der Tag, an dem ich meinen Sohn zu 8:00 Uhr in den Kindergarten bringen muss. Ich erinnere mich noch daran, als wir einmal um 10:00 Uhr einen Arzttermin hatten. Den wollte ich absagen, weil sich das Kind nicht anziehen ließ. Zur Zeit ist es bei uns auch wieder, wie bei Hermann aus Linie 1: „Millimeter um Millimeter und Stück für Stück, jeder Strumpf ein Triumph jeder Ärmel ein Sieg.“ 

Wo seid ihr, stille Morgenstunden? Als ich noch neben der süßen Nährerin saß, von ihren Küssen trinkend, bis sie scheiden musste, nicht ohne lächelnd uns zu heißen, ja auch ins Offene zu gehen. Dem Rat der Holden folgen, ist meines Lebens Zweck. Aber wie, wenn wir uns einen ganzen Vormittag lang anziehen und in dieser Zeit auch noch frühstücken und Mittag essen wollen? Eine Frau macht sich eben keine Vorstellung, was es für zwei Männer bedeutet, allein zu Haus zu bleiben. 

Gestern war übrigens der Ändere-dein-Passwort-Tag. Müsste man sich die Passwörter selber ausdenken, wäre das nicht machbar. Zum Glück macht das der Computer inzwischen alleine. Wobei es am Anfang schon etwas gewöhnungsbedürftig war, ein Passwort zu vergeben dass man selbst nicht kannte. Und niemals kennen würde. Mein Computer kann sich Passwörter ausdenken, die so kompliziert sind, dass er sie sich selbst nicht merken kann. Das maximiert die Sicherheit meiner Daten, weil nicht mal ich selbst mehr an sie herankomme. Das kann doch alles nicht mehr lange gut gehen. Vielleicht geht die Welt auch so unter, dass ihr eines Morgens beim Hochfahren ihr eigenes Passwort nicht mehr einfällt. Nach zehn Falscheingaben löscht sie sich selbst und verschwindet, als wäre sie nie da gewesen. Und wir müssen doch nicht in den Kindergarten.

Veröffentlicht in Elternzeit am 02.02.2022 12:40 Uhr.

Podcast, Lifehack, Pfannenwender

Es gibt Worte, die schaffen es in kürzester Zeit in aller Munde, obwohl keiner so richtig weiß, was sie bedeuten sollen. „Schrägaufzug“ gehört nicht dazu.


Wir müssten eigentlich mal Haare schneiden. Also beim Kind. Das steht diesem Ansinnen durchaus ablehnend gegenüber. Ich kann das ganz gut nachvollziehen, weil ich selbst kein besonders guter Haare-Schneiden-Lasser war. Ich glaube, ich habe erst vor kurzem eine Möglichkeit gefunden, die ein einigermaßen kontinuierliches Erscheinungsbild gewährleistet: Alle 14 Tage ein Termin mit der Haarschneidemaschine. Es gibt nicht viel zu schneiden, weil noch nicht viel gewachsen ist. Darum dauert es nicht lange und macht nicht soviel Dreck. Alles kein Hexenwerk, aber man muss eben dranbleiben. Genau genommen ist das jetzt aber auch schon alles, was aus meiner Sicht zum Thema Haare zu sagen wäre. Reden wir stattdessen über den Schwarzenberger Schrägaufzug. 

Wie der Name schon sagt, hängt er schräg an dem Berg, auf dem sich die Altstadt von Schwarzenberg niedergelassen hat. Für fünfzig Cent bringt er einen hoch, von wo aus man bequem wieder herunter laufen kann. Nun ist mein Sohn leider kein Freund der Bequemlichkeit, zumindest dann nicht, wenn es sich um die Bequemlichkeit seines Vaters handelt. Wahrscheinlich befürchtet er, dass sich zur Bequemlichkeit neigende Väter irgendwann irgendwie nachteilig auswirken könnten. Er will wieder runterfahren, vermutlich, damit ich die Kutsche dann doch zu Fuß hoch schieben muss. Da für eine Talfahrt wiederum fünfzig Cent fällig werden, muss ich diesen Vorschlag leider ablehnen. Wie soll ich seiner Mutter erklären, dass wir ihre sauer verdienten Fünfzig-Cent-Münzen mit Schrägaufzug fahren durchbringen? Aber auch diese eigentlich lobenswerte Standfestigkeit muss bezahlt werden. Es kostet mich heute 5 Minuten kuscheln, die ich natürlich gern investiere. 

Wir sind noch mal mit dem Kinderwagen in die Stadt gefahren, weil wir mit dem Schlitten nicht vom Fleck gekommen sind. Ich sollte gleichzeitig den Schlitten ziehen und hinten drauf sitzen, was ich nicht hinbekommen habe. Eine Lösung für diese Art Alltagsprobleme nennt man übrigens seit ein paar Jahren „Lifehack“. Hier ein Beispiel für einen Lifehack aus dem gestrigen Nachrichten-Podcast von Zeit online (Podcast stammt aus derselben Wortgeneration wie Lifehack!): Wohin mit Rührlöffel oder Pfannenwender beim Arbeiten mit der Bratpfanne? Nun, im Griff befindet sich ein Schlitz, in den man das jeweilige Werkzeug hinein stecken kann. Hatte ich nicht gewusst! 

Veröffentlicht in Elternzeit am 01.02.2022 13:05 Uhr.

Winterdienst

In China ist heute der letzte Tag des Jahres. Während hier schon wieder aufgeschoben wird, wird dort noch abgearbeitet. Daher der Vorsprung.


Der Januar ist immer geradezu unanständig lang. So, als sollte man in ihm alles erledigen, was im alten Jahr liegen geblieben ist. Daraus wird natürlich nichts, weil man alles in den Februar verschiebt. Das Jahr ist ja noch lang. Der Februar ist dann aber zu kurz. In China fangen sie darum auch gleich erst morgen mit dem neuen Jahr an. Das Jahr des Büffels endet heute und das Jahr des Tigers beginnt morgen. Ich finde das schlauer, denn mit Deadline arbeitet es sich effizienter als im Voraus. Wie auch immer, ich hatte versucht, in den letzten vier Tagen mein Laufpensum des vergangenen Jahres nachzuholen. Drei Tage lang fühlte ich mich großartig. Aber gestern ist irgendetwas kaputt gegangen. Sprunggelenke, Knie, Oberschenkel und Hüfte tun weh. Solange ich nachts liege, ist alles gut. Aber wenn ich aufspringen muss, um zum rufenden Kinde zu eilen, fürchte ich, dass ich zu Boden gehe und dort zuckend liegen bleibe. Ich werde also in den nächsten Tagen notgedrungen kürzertreten müssen. 

Während mir das alles durch den Kopf geht, türmen sich schon wieder neue Aufgaben in Form von Schneebergen vor mir auf. Mein Sohn hat allerdings gleich nach dem Frühstück wieder mit dem Selbststudium begonnen und ist für Unterbrechungen dieser Tätigkeit im Augenblick nicht empfänglich. In sechs Wochen soll er um diese Uhrzeit schon lange im Kindergarten sein. Lassen wir ihn also noch ein bisschen Schlafanzugzeit genießen. Der Ernst des Lebens beginnt früh genug. 

Papperlapapp! Schließlich haben wir Winterdienst. Man kann nun mal nicht immer, wie man will. Wir fegen und schaufeln den Hof. Es schneit und schneit. Als wir hinten fertig sind, sieht es vorne wieder genauso aus, wie am Anfang. Eine Sisyphusarbeit. Sinnlos! Das Kind hatte recht. Wir gehen wieder ins Haus und machen Eierkuchen. Dafür werden alle verfügbaren Rhythmuseier in die Rührschüssel geschlagen. Die Prinzessin muss mit dem Schneebesen rühren. Allerdings nur die Handpuppe. Die richtige Prinzessin ist wieder bei ihrer Arbeit und hat uns schon gestern eine schmackhafte Suppe eingebrockt. Wir löffeln sie mit Behagen aus und sehen dabei dem Schnee beim Fallen zu. Wenn er damit fertig ist, können wir es ja noch mal mit dem Winterdienst versuchen. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 31.01.2022 13:00 Uhr.

Und das stimmt wirklich

Soll man dem Kind angesichts der täglichen Nachrichten die Wahrheit über die Welt sagen, in der wir leben? Besser nicht. Noch nicht. 


Mama arbeitet im Krankenhaus. Diese Erkenntnis kam dem Kinde beim Pauken der Griechisch-Vokabeln. Er verlangte nach einem Stift, um die entsprechende Passage im Griechisch-Wörterbuch auffällig zu markieren. Damit kein Malheur passiert, muss man an dieser Stelle das kindliche Interesse angemessen umleiten. Erster Versuch: Zähneputzen. Volltreffer! Ich kann mich dabei anziehen und danach können wir direkt zum Frühstück übergehen. Im Nachrichten-Podcast hören wir dann die Meldung vom Förderstop für energieeffizientes Bauen. Dem Jungen fällt glatt der Schnuller aus dem Mund. Schließlich stand heute noch Turm bauen auf dem Zettel. Daraus wird nun nichts mehr. Da kann man auch gleich wieder ins Bett gehen. 

Ich versuche ja, die täglichen Nachrichten weitesgehend von unserem Kind fern zu halten. Idealerweise lese ich Zeitung. Aber viel lesen lässt mich das wache Kind freilich nicht. Also muss man auch schon mal ab und zu Nachrichten hören. Ich möchte auch nicht wissen, was es für das kindliche Gemüt bedeutet hätte, würde es Kenntnis von den Vorgängen um den britischen Premierminister nehmen müssen. Boris Johnson wird ja vorgeworfen, er hätte mitten im Lockdown eine Party gefeiert. Sein Anwalt hat nun aber klargestellt, dass dem keineswegs so war. Vielmehr wäre der Regierungschef an seinem Geburtstag von einem Kuchen überfallen worden. Wenn man nicht mal mehr an seinem Geburtstag einem Kuchen trauen kann - ich weiß nicht, wie ich das meinem Sohn erklären soll. Und der zweite Geburtstag steht vor der Tür!

Aber zurück zu unserer Turm-Baustelle. Hier kann nun also nicht weitergebaut werden, weil uns die Bank den Geldhahn zugedreht hat. Das Kind hat sich verzweifelt ins Bett zurückgezogen und will von der Welt nichts mehr wissen. Soll er jetzt schon erfahren, dass alles noch viel, viel schlimmer ist? Dass seine heile Welt ein Kasperle-Theater ist und dass in Wirklichkeit Kasper, Großmutter und Wachtmeister immer gegen das Krokodil verlieren? Nein, das braucht er jetzt noch nicht zu wissen. Fürs Erste soll er glauben, dass sein Papa alles wieder reparieren kann und dass seine Mama eine von den Guten ist, die jeden Tag gegen das Böse kämpft und als strahlende Siegerin zurück nach Hause kommt. Und das stimmt ja auch. Denn die Mama arbeitet im Krankenhaus. Aber morgen nicht. Denn dann - und das stimmt wirklich - dann ist Wochenende. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 28.01.2022 13:00 Uhr.

Ein letztes Mittel gegen das Unglück

Eltern sind eben Eltern und keine Gleichaltrigen. Das ist notwendig und oft traurig. Aber dafür verfügen sie -zumindest eine Zeitlang- über ein mächtiges Wundermittel. 


Seit Anfang des Jahres habe ich unser gemütliches im Baumhaus nicht mehr verlassen. Jedenfalls fühlt es sich so an. Wenn die Eisbärenmutter ihre Jungen zur Welt bringt, gräbt sie sich ein und lässt sich zuschneien. Sind die Jungen geboren, verlässt die Familie ihre Eishöhle für mindestens drei Monate nicht. Meine drei Monate sind ja noch gar nicht um. Und was gäbe es denn da draußen jetzt schon für uns? Viren, Mutanten, Inzidenzen. Das muss man nicht haben. Und was ist mit Bewegung an frischer Luft? Die wird vielleicht überbewertet, aber sie fehlt, zweifellos. Vielleicht würde aber auch erst mal eine Schultergymnastik reichen? 
 
Man ist ja überhaupt ständig in der Gefahr, Dinge überzubewerten. Zum Beispiel die Zahlen auf meiner Waage. Sie verhalten sich ähnlich wie die Inzidenzen und erreichen täglich neue Höchstwerte. Nur dass die Werte irgendwann auch wieder runtergehen, ist bei meiner Waage noch nie vorgekommen. Sei es wie es sei, wir müssen raus, erkläre ich dem verwunderten Kind. Das bescheidet meine Entscheidung negativ, die keineswegs als Antrag gemeint war und lässt dabei sehr viel Emotion durchblicken, was gar nicht notgetan hätte. Also mache ich von meiner Richtlinienkompetenz Gebrauch. Einmal draußen kommt es aber, wie es kommen muss und wir können nicht wieder hinein. Man habe sich jetzt so aufs Rausgehen versteift, dass man mal sehen solle, was man davon habe. So redet mein Sohn zwar nicht mit mir, aber er denkt es. Er kennt sich auf unseren Wegen inzwischen so gut aus, dass er jegliches Einschwenken auf den Nachhauseweg sofort erkennt und erfolgreich abwehrt. Zur Stadt wollen wir gehen! 

In der Hoffnung, dass das Kind die Orientierung verliert, schlage ich ein paar Haken. Zwecklos! Wie durch ein störrisches Navi werde ich immer wieder auf die Route zurück geführt. BITTE WENDEN! Aber irgendwann müssen wir, Kindeswille hin oder her,  ja doch zurück. Der Moment der Offenbarung des elternlichen Dickschädels kommt so oder so und wenn man am Tage noch etwas vorhat, besser früher, als später. Zum Glück wirkt immer noch ein letztes Mittel gegen das Unglück des Universums, das über das Kind im Angesicht seiner Ohnmacht hereinbricht: Kuscheln. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 27.01.2022 14:00 Uhr.

Mittagsruhe

Aller Anfang ist schwer, aber aufhören ist noch schwerer. Woran man erkennen kann, dass Gott ein Künstler ist. 


Heute malen wir. Dabei gilt es zu beachten, dass nicht am Ende der ganze Tisch mit den Wachsmalstiften bekritzelt ist. Da ich aber für den Moment in meine Uhr spreche, ist das Unglück passiert, ehe ich fertig gesprochen habe. Wer schon mal einem richtigen Maler bei der Arbeit zugeschaut hat, weiß, dass nicht stundenlang und hintereinander weg am Bild herum gepinselt wird. Man macht ein paar Striche und wendet sich dann wieder anderen Aufgaben zu. Die eigentliche Kunst besteht darin, zu entscheiden, wann das Bild fertig ist. Das kann man ja nun ohne weiteres auf viele Alltagsprobleme übertragen. Aufs Einkaufen zum Beispiel: Hört man zu früh damit auf, fehlt die Hälfte, macht man zu lange weiter, schmeißt man die Hälfte weg. Selten oder nie erwischt man den richtigen Zeitpunkt. 

Das Kind sieht diese Sachen noch mit einer natürlichen Gelassenheit. Die Arbeit am Gemälde wurde bisher noch nicht wieder aufgenommen. Stattdessen wurden in Windeseile überall in der Wohnung neue Baustellen eröffnet. Dass auch irgendwann einmal etwas fertig werden muss, ist im Konzept nicht vorgesehen. Es ist ein bisschen, wie in der Schöpfungsgeschichte: Fünf Tage lang geht alles gut. Hätte man hier aufgehört, das Meisterwerk wäre perfekt gewesen. Aber aufhören ist eben schwerer, als anfangen. Und so kam alles, wie es nun mal gekommen ist. Das Kind muss es nun ausbaden. 

Inzwischen kochen die Nudeln. Das Schwierige am Nudeln kochen ist, dass man immer daneben stehen muss, damit sie nicht überkochen. Ist der Deckel ab, kochen sie nicht mehr. Ist der Deckel drauf, kochen Sie über. Schwierig, denn das Kind hat sich inzwischen auf seinen unzähligen Baustellen völlig verausgabt und muss mit vollem Körpereinsatz getröstet werden. Dabei noch zu diktieren, ist eine Herausforderung. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, rechtzeitig aufzuhören. Das ist kein Problem, denn schließlich muss ich ja noch die Puppen wieder einsortieren, die Autos zusammen suchen, die Puzzleteile aufräumen, die Musikkiste einräumen, die Küche in Ordnung bringen und zum Schluss noch den bemalten Tisch abschleifen. Und dann machen wir Mittagsruhe.

Veröffentlicht in Elternzeit am 26.01.2022 13:00 Uhr.

Der Papa muss ins Bett

Das Tagesgeschäft heißt so, weil man dafür einen Großteil der Zeit eines Tages aufwenden muss. Ganz klar!


Das Kind hat einen für sein Alter doch schon recht ansehnlichen Wortschatz. Neben einer erklecklichen Anzahl Wörter, die wir selbst noch nicht kennen, enthält er auch das Wörtchen „Nein“. Es wird klar und deutlich ausgesprochen und ist eigentlich die Antwort auf jegliche von uns gestellte Frage. Das Partikelchen „Ja“  ist hingegen nicht Bestandteil des Vokabulars. Das mag seiner Partikelhaftigkeit geschuldet sein oder andere Gründe haben, jedenfalls wird das Wörtlein nicht benutzt. Stattdessen wird bei Zustimmung der Fragesatz wiederholt. Man könnte meinen, der Befragte halte sich auf diese Weise alle Optionen offen, denn er hätte ja weder ja noch nein gesagt. Damit befände man sich aber auf dem Holzweg und täte dem Kinde unrecht, handelt es sich doch um ein Verfahren, das im fernmündlichen Zugmeldedienst Anwendung fand und findet und als solches strengen Sicherheitsstandards unterliegt. Darf die Zugfahrt stattfinden, wird die Meldung wiederholt, um sicherzustellen, dass alle notwendigen Informationen angekommen sind und man nicht stille Post spielt. Andernfalls genügt ein schlichtes „Nein, warten“.

Nachdem nun also festgestellt wäre, dass das Kind die Grundlagen der Funk – und Fernmeldedidisziplin aus dem Effeff beherrscht, können wir uns wieder dem Tagesgeschäft widmen. Dessen wünschenswerter Vollzugsort sind wahlweise die Klosettschüssel oder das Töpfchen. Da mein Kind inzwischen herausgefunden hat, dass sich alle Beschäftigungen von Buch angucken über Puppenkiste auspacken bis hin zu Autos fahren lassen auch bequem im Sitzen vom Töpfchen aus durchführen lassen, verbringen wir heute dort einen Großteil der Zeit zwischen Frühstück und Mittagessen. 

Die Frage, ob man nun mit dem Anziehen fortfahren könne, wird nicht wiederholt, sondern verneint, wobei diesmal sogar noch eine Begründung angeführt wird, was eigentlich gar nicht notwendig wäre: Man wolle in Ruhe kacken. Diesem Vorgang wurde zuletzt so viel wohlwollendes elterliches Interesse zuteil, dass man dessen in die Länge ziehen nun geradezu als Verbesserung der Compliance und Geste der Zuwendung deuten muss und ihn nicht etwa unterbrechen oder zurückweisen darf. In diesem Sinne verbringen wir heute also den gesamten Tag vor dem kindlichen Thron. Und hinterher: Hände waschen nicht vergessen. Und schon ist wieder Schlafenszeit und der Papa muss ins Bett. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 25.01.2022 13:30 Uhr.

Seifenoper

Glücklich sein ist eine Entscheidung. Oft wollen wir uns aber lieber fürchten. 


Wir machen es uns gemütlich, mein kleiner Junge und ich. Das machen wir jeden Tag, oder besser: Wir versuchen es. Oder noch besser: Ich gebe mir Mühe. Wir machen es immer genau so lange, bis es ungemütlich wird. Ungemütlich ist es zur Zeit jedenfalls draußen. Draußen hat es sich noch nicht entschieden, ob es nun Winter oder Herbst sein will. Es steht Unentschieden zwischen den beiden. Wenn sie nicht aufpassen, wird der Frühling das Rennen machen. Drinnen wird es ungemütlich, wenn ich dem Kind nicht mehr zu Willen bin. Das halte ich inzwischen schon ganz schön lange durch und darum haben wir es auch recht lange gemütlich. Aber irgendwann kommt immer der Zeitpunkt, da will die Säge sägen. In der Auseinandersetzung unserer autonomen Systeme kann es kein Unentschieden geben. Ich muss gewinnen. Wo kämen wir sonst hin? 

Nun, wir behielten den ganzen Tag die Schlafanzüge an, es gäbe weder Frühstück noch Mittag und gegen den kleinen Hunger zwischendurch würden wir Nüsse knabbern. Die Entropie in unserem geschlossenen System wurde stetig und rasant zunehmen, bis alle Materie gleichmäßig in der Wohnung verteilt wäre. Das wäre dann der Wärmetod unseres Universums. Obwohl es natürlich interessant wäre, ob und wenn ja wann das Kind gedächte, von sich aus den Schlafanzug auszuziehen. Oder gar die Toilette aufzusuchen. In zwei Jahren soll er das ja alles können. Ich möchte gern miterleben, wenn sich dieser abrupte Sinneswandel seiner bemächtigt. Aber wahrscheinlich wird er stattdessen irgendwann mit einem selbst gemalten Schild „Betreten verboten“ aus dem Kindergarten zurückkehren und die Tür zuknallend in seinem Zimmer verschwinden, aus dem er dann bis zum Ende der Pubertät nicht mehr herauskommt. Überhaupt: Wie lange dauert eine Seifenoper wirklich, wenn ich sie nicht nach der dritten bis fünften Einseifung unterbreche? Würde das Anhören des Nikolausliedes irgendwann sein natürliches Ende finden, wenn es nicht durch mich beendet wird? 

Den Begriff Seifenoper habe ich auch erst durch unser Kind richtig verstanden. Er bezeichnet die unendlich kreisförmige Prozedur des Händewaschens mit einem Kleinkind: Hande nass machen, Hande einseifen, Hände abspülen, Hände einseifen… Ich fürchte immer, dass es niemals aufhört und sehe mich jedesmal noch am Sankt Nimmerleinstag mit dem Kind die Hände waschen, wenn ich die Prozedur nicht unterbreche. Aber warum? Es ist ein Augenblick mit meinem Kind, der niemals wiederkommt. Könnte ich mein Glück sehen, statt mich zu fürchten, ich wäre zu beneiden, bliebe die Zeit jetzt stehen.

Veröffentlicht in Elternzeit  am 24.01.2022 14:00 Uhr.

Was keiner sagt

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstver- schuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst- verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Immanuel Kant



Repost vom 21.12.2019

Angeblich darf man in diesem Lande ja nicht mehr sagen, was man denkt. Alles, was auch in diesem Zusammenhang über das Denken zu sagen wäre, habe ich bereits in einer vorangegangenen Denkschrift dargelegt. Daraus ergäbe sich dann einwandfrei, dass das Denken hierzulande gänzlich abgeschafft wäre. Der von Edward Morgan Forster stammende Satz "Wie kann ich wissen, was ich denke, ehe ich höre, was ich sage?", lässt in dieser Hinsicht keine Frage unbeantwortet. Wer nicht mehr sagen kann, was er denkt, kann auch nicht wissen, was er denkt, weil er eben einfach nicht hören kann, was er sagt. Nun wären wir alle besser dran, wenn nicht so viel gesagt würde, was alle sagen. Genau das wird aber andauernd gesagt, und zwar meistens mit dem Zusatz, das man das ja  - eigentlich - nicht sagen dürfe. 

Das mit dem „Dürfen“ ist nun auch so eine Sache. Dass wir in einem Land leben, lässt sich ja schwerlich bestreiten. Und wenn schon etwas für dieses Land charakteristisch sein soll, dann ist es das mit dem „Dürfen“. In der Deutschen Demokratischen Republik gab es das sogenannte Erlaubniswesen. Das war eine Abteilung, ich glaube, bei der Volkspolizei angesiedelt, deren Aufgabe darin bestand, Erlaubnisse zu erteilen. Das war notwendig, weil alles, was nicht ausdrücklich erlaubt war, vor allem eines war: Nämlich verboten. Grundsätzlich war einfach alles verboten. Wenn man irgend etwas machen wollte, musste es erst erlaubt werden. Diese „Erlaubniskultur“ war zwar in der DDR sehr ausgeprägt, sie kann dort aber nicht erfunden worden sein. Unser schönes Wort „Urlaub“, das es ja auch im Westen gab und auch heute noch - und so nur im Deutschen - gibt, leitet sich zum Beispiel von der Erlaubnis ab. Es bedeutet, dass man mit Erlaubnis seines Dienstherrn dem Dienst fernbleibt, was man grundsätzlich nicht darf. Ich wage es, die These aufzustellen, dass wir ein Land sind, in dem das grundsätzliche Nicht-Dürfen historisch bedingt mit der Muttermilch verabreicht wird. 

Diese offenkundige Unmündigkeit gerät nun mit dem Selbstverständnis der Aufgeklärtheit und mit jeglicher freiheitlich orientierten Grundordnung in einen gewissen Widerspruch. Ein freier, aufgeklärter Geist braucht für ihr Handeln keine Erlaubnis und fragt nicht danach. Sie tut einfach, was sie für richtig hält. Manchem Zeit- und Landesgenossen ist das aber nicht ganz geheuer. Er zieht den Kopf ein und ist sich dessen bewusst, dass er - eigentlich - nichts sagen dürfte, weil es ihm ja niemand erlaubt hat. Wenn er  es aber trotzdem tut und dann auch noch Widerspruch erfährt, fühlt er unmissverständlich, dass er etwas falsch gemacht hat. Gleichzeitig fühlt er die Ungerechtigkeit, sich des eigenen Verstandes ohne Führung und Leitung eines anderen nicht bedienen zu können. Das macht ihn dann wütend. Zu Unrecht allerdings. Denn seine Unmündigkeit ist selbstverschuldet, solange sie ihre Ursache nicht im Mangel des Verstandes hat, sondern im fehlenden Mut.

Veröffentlicht in Aufklärung am 23.01.2022 15:00 Uhr.

Nicht unbedingt

Es hilft ja nichts, nach den Weihnachtsfeiertagen einfach auf Waage und Spiegel zu verzichten. Neue Laufschuhe könnten dagegen schon helfen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen. 


Das Reisefieber kommt wieder. Ich habe mir den neuen „Zeit-Reisen“-Katalog schicken lassen. Als ich schon nicht mehr damit gerechnet hatte, lag er prompt im Briefkasten. Ich hatte ihn bestellt, weil bei Buchung bis zum 31. Januar ein Gutschein von 100 EUR winkte. Sage und schreibe. Da Auslandsreisen in Pandemiezeiten ja doch noch ein bisschen exotisch anmuten, fiel mein Blick auf das Angebot Schorfheide und Darß. Für schlappe 1395 EUR wäre man 6 Tage lang dabei. Ich erinnere mich noch gut an unseren letzten Urlaub auf dem Darß im Jahr 2019, aber soviel Geld haben wir zu zweit nicht für zwei Wochen ausgegeben. Auch mit einem Abstecher über die Schorfheide hätten wir das nicht geschafft. Gut, wir hatten Haralds alten Bus, in dem wir ein paar Nächte gut und für lau geschlafen haben. Aber eine Woche Ferienwohnung war auch dabei. Aber was soll’s? „Zeit-Reisen“ sind eben nicht unsere Preisklasse. 

Eigentlich wollten wir ja mit dem Geld, das uns die Hochzeit eingebracht hat, ein Wohnmobil mieten. Die Sache ist noch nicht vom Tisch und das Geld ist auch noch da. Wir könnten umherreisen und das Kind müsste sich, einmal eingewöhnt, nicht ständig umstellen. Damit er drinnen schön schlafen kann, während wir noch draußen sitzen, müsste es schön warm sein und es sollte abends nicht regnen. Ich würde mir neue Laufschuhe kaufen und damit, sobald wir endlich wieder im Flachland angekommen sind, jeden Tag rennen gehen. Ich würde zum Bäcker rennen oder zum Strand und wieder zurück. Das geht natürlich nur, wenn wir einen Stellplatz mit entsprechenden Sanitäreinrichtungen haben. Oder ein Wohnmobil mit Dusche. 

Allerdings kann ich mir nicht richtig vorstellen, in einer Wohnmobil-Dusche zu duschen. Vermutlich ist es da drin so eng, dass ich einen klaustrophobischen Anfall kriege und alles kurz und klein schlage. Man muss auch Glück haben und ein halbwegs praxistaugliches Modell erwischen. Es gibt zum Beispiel Kloduschen, bei denen man daran denken muss, vor dem Duschen das Klopapier rauszulegen, wenn es trocken bleiben soll. Aus anderen ragt der Kopf normal gebauter Männer oben heraus, so dass man sich nur von der Schulter abwärts mit Wasser benetzen könnte, ohne das ganze Fahrzeug zu fluten. Aber vielleicht brauchen wir auch gar keine Dusche, weil wir an einem verträumten Waldsee stehen, in den sich aus Salzgrotten ein kleiner Katarakt ergießt. Oder ich lasse die neuen Laufschuhe weg und kaufe von dem Geld endlich wieder Hefeweizen. Danach muss man nämlich nicht unbedingt duschen. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 21.01.2022 21:00 Uhr.

Immer mehr

Meine Frau hatte sich für eine halbe Stunde zurückgezogen, um sich ihrem Musikinstrument zu widmen. Eine Zeit, die ich, da das Kind endlich glücklich im Schlafe lag, für eine kleine Schreiberei nutzen wollte weiterlesen mit blogger.com

Veröffentlicht in Elternzeit am 18.01.2022 21:00 Uhr.

Der Papi, der Notarzt und der Vogel eines kleinen Jungen

Notärzte raten: Paprika für Omi ist besser, als Omikron für Papi. 

Seit einiger Zeit muss ich öfter mal den Notarzt holen. Oder die Polizei. Mein Sohn bekam anlässlich eines Besuches bei der Familie meines Bruders in Mainz eine Kiste voll kleiner Autos geschenkt, die dank eines Federmechanismus recht anmutig durch die Wohnung fahren. Sehr gerne fahren sie unter Schränke und Sofas, von wo ich sie dann unter Zuhilfenahme meiner Taschenlampe und des Stubenbesens hervorholen muss. Unter anderm fahren ein Notarztwagen und ein Polizeifahrzeug in unwegsames Gelände und dann ruft das Kind: „Papa soll den Notarzt holen!“ weiterlesen mit blogger.com

Veröffentlicht in Elternzeit am 15.01.2022 6:00 Uhr.

Ein schwieriges Alter

Wer immer nur „Nein!“ sagt, provoziert eine Reaktion. Wie wärs‘s mit „Doch!“?


Unser Kind ist gerade in einer schwierigen Entwicklungsphase. Früh hat er - natürlich durch uns, seine Eltern - die Bedeutung und die Machtpotenz des Wörtchens „Nein“ erfasst. Seit geraumer Zeit benutzt er dieses Wort virtuos und lustvoll. Keine Frage, die er nicht mit „Nein“ beantworten kann: „Wollen wir rausgehen?“ „Nein!“ Das Schlimme ist ja, er sagt nicht nur „Nein!“, er meint es auch so und er sagt auch ungefragt „Nein!“ Ein schwieriges Alter. Dabei ist die Fähigkeit nein zu sagen natürlich unentbehrlich und essentiell für ein selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft mit freiheitlich demokratischer Grundordnung. In Königs Wusterhausen gehen seit einem Jahr jede Woche hunderte Menschen auf die Straße um „Nein!“ zu sagen. Südlich von Königs Wusterhausen, so sagt man von Berlin aus,  beginnt Sachsen, wo es einige Menschen zu geben scheint, die sich mit dem Nein-Sagen nicht länger begnügen wollen. Was ist da los? Ein zweifelhafter Bonner Kinderpsychiater hätte sicher schnell eine Diagnose und die passenden Medikamente zur Hand. Aber was ist es wirklich?

Ich weiß es natürlich nicht. Mir fiel dazu aber ein, dass ich mit 20 Jahren als Bausoldat zur Nationalen Volksarmee der DDR einberufen wurde. Das war ein bisschen Widerstand ohne allzu großes Risiko und fühlte sich nicht sonderlich heldenhaft an. Bausoldaten mussten keinen Eid leisten, sondern ein Gelöbnis ablegen. Ich sprach nicht mit. Das war schon ein bisschen mehr Widerstand, denn es fiel auf und forderte eine Reaktion heraus. Ein Risiko gab es aber immer noch nicht, denn entscheidend war die Teilnahme und nicht das Mitsprechen. Ein paar Monate vor meiner Entlassung im Jahr 1989 verweigerte ich dann jeglichen Dienst, weil ich nicht mehr einsehen konnte, warum wir als Bausoldaten nicht z.B. im Altersheim eingesetzt wurden und stattdessen fegen, Laub harken und Konferenzsäle bohnern mussten, damit die „Säcke“, also die Offiziere, alles schön sauber hatten. Ich bekam Arrest in der Arrestanstalt. Auch dort weigerte ich mich, zu arbeiten. Das nächste Kapitel in dieser Geschichte schien festzustehen: Schwedt, Militärgefängnis.  Ich dachte: „Das ist mein Weg. Ich muss ihn gehen.“  Und es fühlte sich gut und richtig an. Zum Glück hatte ich Freunde unter den anderen Bausoldaten, die den Neubrandenburger Pfarrer Paul-Friedrich Martins um Hilfe baten. Martins kam und wartete zwei Stunden am Kontrolldurchlass und durfte dann tatsächlich unter der Aufsicht eines Stabsoffiziers mit mir sprechen. Seitdem weiß ich, wie es sich anfühlt, Widerstand zu leisten. Ich wusste, dass ich recht hatte und alle anderen waren im Unrecht. Aber warum, das war die zentrale Frage von Pfarrer Martins, warum musst du dich dafür ins Unglück stürzen? Um eine reine Weste zu haben? Um nicht zu denen zu gehören? Ist es das wert? Und was würde es bewirken? Nichts und wieder nichts. Mein Widerstand war sinnlos und mein Opfer wäre umsonst gewesen. 

Der Knoten platzte und ich wurde ein paar Monate später mit allen anderen entlassen. Ich setzte meine Ausbildung fort und arbeitete auch ein Wochenende im Monat im Altersheim. Das war besser als das Militärgefängnis, wo sie es nicht schätzten, wenn das Bäumchen grad zu stehen und Baum zu werden begann. Ich kann nachvollziehen, wie es sich anfühlt, nein zu sagen. Nur wozu? Zu den Schutzmaßnahmen vor Ansteckung, weil sie unbequem und lästig sind? Zum Virus, weil es nicht existiert, wenn man nicht dran glaubt? Zu den Echsenmenschen, weil sie uns unterdrücken und knechten  wollen? Oder doch nur, weil sich Macht einfach besser anfühlt, als Ohnmacht? Ein schwieriges Alter!

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 12.12.2021 12:08 Uhr.

Schlechter Poet

https://soundcloud.com/liedersaenger/schlechter-poet


Schlechter Poet

copyright  liedersaenger 6.5.2020

 

C-Dur (klingend D)

Capo II

 

       C                                      F                 G

Die Traurigkeit macht das Herz so schwer

                  C                       G7       C

Und die Sehnsucht die Seele wund

        Dm                 G7              C         Am7

Die Augen sind müde, der Kopf ist leer

D7                                      G           G7

Sprachlos der trockene Mund

                      F                        G                    Am7                   G

Kommt das Glück dann zurück, Tag für Tag, Stück für Stück

                F                                          G           G7

Seh‘ ich klar, wenn die Sonne aufgeht:

                  C                                   F            G

Nur das Leid kann so schöne Lieder machen

                   C                         G              C

Und das Glück ist ein schlechter Poet

 

 

        C                              F        G

Der zweite Satz einer Sinfonie

    C                 G7          C

Weiche Akkorde in Moll

 Dm                 G7      C         Am7

Die wunderschöne Melodie

D7                                      G           G7

Jazz, Blues und Rock’n Roll

F              G                    Am7          G

Jedes Pastell wäre einfach nur grell

                F                                     G           G7

Und ich hör‘, wie das Mühlrad geht

                  C                                   F            G

Nur das Leid kann so schöne Lieder machen

                   C                          G             C

Und das Glück ist ein schlechter Poet

 

 

C                              F        G

Dich zu lieben, dich zu berühr’n

    C                       G7                         C

Dein Gesicht, deine Augen, dein Mund

            Dm             G7                       C         Am7

Jeden Tag dich zu seh’n, deine Liebe zu spür’n

D7                                    G           G7

Macht meine Seele gesund

F                                G                    Am7                    G

Doch ohne all die Tränen, jeden Abschied, das Sehnen

                    F                                G           G7

Wär‘ doch alles vom Winde verweht

                  C                                   F            G

Nur das Leid kann so schöne Lieder machen

                   C                         G             C

Und das Glück ist ein schlechter Poet

 

 

C                                  F                       G

So scheint Licht nur hell vor der Dunkelheit

         C                     G7          C

Und Tag wird es nur über Nacht

              Dm             G7          C         Am7

Auf der anderen Seite der Fröhlichkeit

D7                                                         G           G7

Wohnt die Trauer, die Nächte durchwacht

          F              G                    Am7          G

Zwei Seiten ergeben erst das ganze Leben

                F                                                 G           G7

Man begreift wohl erst, wenn man versteht:

                  C                                   F            G

Nur das Leid kann so schöne Lieder machen

                   C                           G            C

Und das Glück ist ein schlechter Poet

Veröffentlicht am 11.12.2021 9:23 Uhr.

Wirklich nicht 

Im Advent erzählt man sich gerne Geschichten davon, dass alles irgendwann wieder gut wird. Aber das wird es nicht. Es geht nur weiter.


Es gibt Menschen, denen sieht man ihre Begabungen und Fähigkeiten nicht gleich auf den ersten Blick an. Wer mich ein bisschen kennt, würde zum Beispiel nicht gleich darauf kommen, dass ich auch handwerklich über bemerkenswertes Fingerspitzengefühl verfüge. Als Kind konnte ich mich stundenlang mit meinen Stabilbaukästen beschäftigen und ich musste sämtliche Immobilien für meine drei Playmobil-Figuren aus Pappe selbst herstellen. So ging ich selbstverständlich und ohne Zögern meiner lieben Frau zur Hand, als die Beleuchtung des filigranen und schon etwas laveden Fenstersterns ausgetauscht werden musste. Die Zacken des Sterns waren irgendwie nur so eingesteckt und fielen auch gerne mal heraus. Ich fertigte eine fachgerechte Verdickung mit Tesakrepp und wollte den Zacken wieder rein drücken. Das hielt das, wie schon gesagt, hochgradig lavede Teil aber nicht aus und - Zack - zerfiel es in seine Einzelteile. Das war ein Unglück und ich war nicht wenig zerknirscht, meiner armen Frau nun Kummer bereitet, statt ihr geholfen zu haben. Auch mein Kind hatte viel Freude an dem Stern gehabt, den er nun vermissen würde. Was sollte das für eine Adventszeit werden, ohne den Stern? Was war also zu tun? Ich steckte mein Kind am nächsten Morgen in den Rucksack und wir machten uns auf den Weg, um in den kleinen Läden der Altstadt nach einem neuen Stern zu suchen. 

Aber wer hätte gedacht, dass so ein kleiner Einkaufsbummel doch so unterhaltsam werden könnte? Ich betrat ein Geschäft und die Verkaufskraft zückte ihr Handy, kam auf mich zu und fragte nach meinem Zertifikat. Dass sich noch mal jemand für mein Zertifikat interessiert, bevor es abgelaufen ist! Stolz zeigte ich mein Telefon vor. Nun war es ein bisschen, wie in jenen längst vergangenen Tagen in der Bahn, als ich als einer der ersten mit Handy-Ticket vom Fensterplatz über den Nachbarn hinweg meinen Fahrschein zeigte. Minutenlang versuchte die Zugbegleiterin meinen Code zu scannen, bis es endlich funktionierte. „Gültig“ rief die betagte Verkaufskraft in meinem kleinen Laden nach einer kleinen Ewigkeit. „Gott sei Dank“, sagte ich und wollte mich grade verabschieden, als mir zum Glück noch einfiel, dass ich ja wegen des Sterns gekommen war. 

Nun haben wir einen neuen Stern. Aber wie der alte ist er natürlich nicht. Man kann alles ersetzen und vieles kann man neu kaufen. Aber was kaputt gegangen ist, wird davon nicht wieder heil. Beim Windeln wechseln habe ich die Waschschüssel umgeworfen und das Waschwasser verschüttet. Man kriegt es wirklich nicht mehr in die Schüssel zurück. Ein volles Jahr geht wieder zu Ende und ich werde immer älter. Würde ich doch auch klüger! Wenigstens ein bisschen.

Veröffentlicht in Elternzeit, Advent  am 04.12.2021 15:45 Uhr.

Glück auf

„Glück auf, das heißt: Komm heil zurück. Und: Gott behüte dich.“ (G. Schöne)


Wie kommt es im Erzgebirge eigentlich zu diesen hohen Inzidenzen? Es ist ja nun nicht so, dass in der ehemaligen Freien Republik die Corona-Regeln nicht gelten. Zumindest beim Einkaufen setzen alle schön ihre Masken auf, in den Bussen sieht man es von draußen auch und illegale Glühweinstände sind mir hier bislang noch nicht begegnet. Gibt es geheime Umschlagplätze, wo das Virus unter der Hand weitergegeben wird? Und wie muss man sich das dann vorstellen? Wird dort bei Unterschreitung des Mindestabstandes gehustet,  geniest und geprustet? Umarmt und geküsst? Aus einem einzigen Eimer Glühwein getrunken? Das Ganze findet natürlich in den alten Uranstollen statt. Rätselhaft, das alles. Vielleicht ist es auch einfach nur so, wie mit dem Schnee. Davon gibt es im Erzgebirge ja auch mehr als anderswo, ausgenommen Bayern und Österreich. Er fällt früher vom Himmel und bleibt viel länger liegen. In der vergangenen Woche haben die Erzgebirger angefangen, ihre Fenster advent- und weihnachtlich zu illuminieren und wer jetzt noch nicht fertig ist, ist spät dran. Daher trifft es diese armen Menschen hier besonders hart, dass die Weihnachtsmärkte zum zweiten Mal in Folge ausfallen müssen. Ja, vielleicht sind Untertage schon seit vergangenem Jahr Permanentweihnachtsmärkte aufgebaut und dorthinein zwängen und drängen sie sich und stecken sich eben alle gegenseitig an. 

Mit solcherlei Gedanken verbringe ich die langen Winterabende am Bett meines Erstgeborenen, während seine Mutter draußen in der Küche Töpfe und Pfannen mit Gesottenem und Gebratenem befüllt, damit wir am Tage nicht etwa Hunger leiden müssen. Natürlich stimmt auch das wieder nicht, denn ich sitze schon lange nicht mehr am Bett, sondern liege drin, da mein Kind nicht mehr ohne engen Körperkontakt einschlafen mag. Spät am Abend kann ich mich dann fortschleichen, werde aber meistens aus dem elterlichen Lager abberufen, sobald der erste Schlummer auf uns niedergesunken ist. Ich frage mich inzwischen, ob ich vielleicht mehr Schlaf abbekomme, wenn ich nächtens in zwei Betten unterwegs bin. 

Es kann nun durchaus sein, dass das alles nun immer so weitergeht: Sowohl das Steigen der Inzidenzen als auch die Anhänglichkeit meines Sohnes. Man soll damit eben gar nicht erst anfangen. In beiden Fällen gibt es aber glücklicherweise eine Obergrenze. Das Kind wird spätestens mit der Pubertät aufhören, mit seinem Vater zu kuscheln und die Inzidenz kann aus mathematischen Gründen die Zahl 100.000 nicht übersteigen. Bis dahin behüte uns Gott. Glück auf!

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte  am 27.11.2021 5:00 Uhr.

Keine schlechte Idee 

Man kann Menschen mit verschiedenen Mitteln dazu bewegen, zu tun, was getan werden muss. Manche eignen sich mehr, manche weniger. Wie zum Beispiel Appelle an die Solidarität. 


Die Hoffnung, dass Menschen sich gegen Corona impfen lassen, weil sie zu solidarischem Verhalten fähig wären, muss zumindest als kühn bezeichnet werden. Ich sehe es beim Kinde, das aus Solidarität mit dem Vater morgens einfach mal lange schlafen oder zumindest Ruhe halten könnte. Stattdessen quittiert es jede Entfernung von seiner Körperoberfläche mit schrillem Ton. Ich sehe es auch bei mir selbst, der ich aufs Auto fahren ja nicht verzichte, um etwa die Anwohner der Straßen, durch die ich fahre, vor Abgas und Feinstaub zu bewahren oder gar die Umwelt für mein Kind zu erhalten. Wenn ich nicht fahre, dann aus Bequemlichkeit, weil ich lieber zu Hause bleibe. Meine Impfmotivation ist jedenfalls nicht Solidarität, sondern mein Wissen um die eigene Verletzlichkeit. Ich will einfach nicht krank werden. Die Wenigsten aber halten sich selbst für verletzlich, sonst würden sich viel weniger Menschen zum Beispiel freiwillig in ein Auto setzen und mit halsbrecherischen Geschwindigkeiten wenige Zentimeter über dem Asphalt aufeinander zu und aneinander vorbeisausen.

Dieser Tage erzählt man sich freilich eine andere Geschichte, nämlich die vom heiligen Martin, der sich mit einem frierenden Bettler solidarisch erklärt, indem er seinen Mantel mit ihm teilt. Das wäre heute so nicht mehr möglich, denn weder lässt sich aktuelle Oberbekleidung auf eine Art und Weise teilen, dass sie zwei Menschen wärmen könnte, noch hätte man heutzutage ein Schwert dabei. Außerdem sind wir keine Heiligen. Dafür haben wir es geschafft, Not und Elend so fern von uns zu halten, dass wir sie nicht mehr durch eigenen Augenschein zur Kenntnis nehmen müssen. Darum wird es wohl mit der Solidarität nichts werden. Mit der Bratwurst war man da schon eher auf dem richtigen Weg. So hat Helmut Kohl ja seinerzeit die Sachsen rumgekriegt: Oskar Lafontaine hat den Menschen damals die Wahrheit gesagt, nämlich dass die deutsche Einheit einen Preis hat, den alle bezahlen müssen. Helmut Kohl hat Freibier und Würstchen verteilt und blühende Landschaften geweissagt. Der Rest ist Geschichte. Hätten sie also auf die Wurst noch ein Bier draufgelegt - die Sache wäre gelaufen, wie ein Länderspiel. 

Daran ist überhaupt nichts Verwerfliches. Seit unser Sohn dahinter gekommen ist, dass er alles, was seine Eltern von ihm wollen, mit einem einfachen „Nein“ weit von sich weisen kann, kommen wir nur noch mit solchen Bestechungsmethoden aus dem Haus. Um des lieben Friedens willen, bleiben wir natürlich auch einfach daheim. Aber wenn es um die Gesundheit geht, müssen wir uns eben etwas einfallen lassen. Bratwurst ist da schon mal keine schlechte Idee.

Veröffentlicht in Elternzeit am 20.11.2021 5:00 Uhr.

Alte Bekannte 

Sie sind lästig, unbequem, schwer loszuwerden und tauchen immer dann auf, wenn man sie gerade gar nicht gebrauchen kann.

Ich schreibe diese Zeilen in den einzig mir verbleibenden zwei Stunden nach Mitternacht, während das Kind eine tiefe Schlafphase hat. Zu allen anderen Zeiten muss ich ihn an meinem Oberkörper tragen und wäre nur in der Lage, beidhändig zu agieren, könnte ich ihn an meine Backe kleben, wie Armin Laschet sein Telefon. Um meinen Rücken zu entlasten, erlaubt er es zu bestimmten Zeiten, dass wir nebeneinander auf dem Bett liegen. Dann steckt er mir Finger in alle Körperöffnungen am Kopf und versucht, mir Zähne aus dem paradontitisch blutenden Zahnfleisch zu brechen, was ihm zweifellos bald gelingen wird. Jedes Spiel muss bis zur Erschöpfung zelebriert werden. Unterbrechungen werden nicht akzeptiert. Verantwortlich für sein leibliches Wohl kann ich nurmehr Mahlzeiten zubereiten, die sich mit einer Hand anfertigen lassen: Haferflocken, Hirse, Couscous, Reis. Ich fürchte um seine Unversehrtheit, denn leicht könnte er mich im Spiel tödlich verletzen und wäre dann allein und unbeaufsichtigt, bis seine arme Mutter endlich heimkehrt. Welch schreckliches Bild böte sich ihr: Ich, verblichen, begraben unter den Trümmern unserer Heimstatt; das verzweifelte Kind, das versucht, mich am Arm unter dem umgestürzten Buffet hervor zu ziehen: Papa! Mitkomm!!

Die Frau, die ich liebe, sagt: „Das sind die Zähne.“ Zweifellos! Bei mir sind es auch die Zähne. Und außerdem noch Rücken, Knie, Darm, Galle und Blutdruck. Ach, meine liebe Frau. Sie muss allein im großen Bett liegen, weil ich noch vor Morgengrauen zum Greinenden eilen muss, um seinen Hunger nach Nähe, Wärme und Geborgenheit mit meiner ganzkörperlichen Zuwendung zu stillen. Warum schaffen wir es nicht, ihn am Tage damit zu sättigen? Am Abend sitzt sie wieder lange allein, während ich lange beim Kinde sitze, das lange nicht einschlafen kann. „Er ist nicht müde genug“, sagt meine schöne Gefährtin. Wohl! Dafür bin ich müde genug für uns drei zusammen. 

Aber wenn die Großeltern, Freunde oder Bekannte kommen oder wenn wir mit ihm Besuche machen, dann brilliert er. Er führt Kunststückchen vor, dass alle applaudieren, er rezitiert Gedichte und spricht die schwierigsten Wörter nach. Er ist fröhlich und nimmt kaum noch Notiz von mir. Ich kann den Raum, die Wohnung, das Haus verlassen, er könnte mich im Regen ohne Jacke mit hängenden Schultern fortgehen sehen; es kümmerte ihn nicht. Sobald er jedoch mit mir allein ist, erzwingt er Nähe und Körperkontakt mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen. „Er ist müde“, sagt meine Frau. Und da wären sie also wieder, die drei Geißeln der Menschheit: Die Schlaflosigkeit, die Müdigkeit und die Zähne. Alte Bekannte. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 06.11.2021 5:00 Uhr.

Verrückte Zeit

Woher kommt eigentlich die andauernde schlechte Laune? Und kann man etwas dagegen tun? Und ob!


Überall schreiben sie jetzt, dass Mark Zuckerberg ein (schlecht gemachter) Androide wäre. Das ist natürlich Quatsch, weil er ja schon ein Echsenmensch ist. Das ist doch allgemein bekannt. Mit seiner als social network getarnten Gehirnwaschmaschine kommt er seinem Ziel, der Übernahme der Weltherrschaft, immer näher. Natürlich ist dieses Ziel verwerflich, weil es die Unterdrückung und Ausbeutung aller friedliebenden Menschen beinhaltet, aber wenn sich die Menschen ihm frei- und bereitwillig zum Fraß vorwerfen, kann man einem Echsenmenschen keinen Vorwurf daraus machen, wenn er hinlangt. Sich angesichts solcher Hingabe angewidert abzuwenden, wäre wider seine Natur. Ich selbst versuche seit vielen Jahren, dieses sogenannte Netzwerk an seiner Schwachstelle zu packen und die ganze Sache durch kluge und scharfsinnige Posts auffliegen zu lassen. Aber natürlich werde ich ausgebremst. Darum habe ich so wenige Follower. Ich soll praktisch ausgehungert werden. Das Wasser wird mir buchstäblich abgegraben. In der Firmenzentrale hoffen sie, dass ich dadurch nach und nach das Interesse verliere und schließlich aufgebe. 

Und ja, was soll ich sagen? Inzwischen ist es mir wirklich egal, wer nun die Weltherrschaft übernimmt. Erst hieß es ja, Angela Merkel (auch Echsenmensch) plane das, aber da bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht hat sie es ja auch nicht hingekriegt und hat jetzt einfach keine Lust mehr. Soll es doch der Mark machen. Auf seine Weise. Mark Zuckerberg ist jetzt übrigens ungefähr genauso alt, wie Merkel damals, als sie in die große Politik einstieg. Sollen sie machen. Gegen die Weltherrschaft kann man sich nicht wehren, es sei denn, man will sie selbst übernehmen. Das will ich aber keinesfalls. Vom Herrschen kriegt man erstens immer schlechte Laune und zweitens lässt es sich nicht anständig gendern.  

Wir leben zweifellos in einer verrückten Zeit. Aber welche Zeit war denn bitteschön nicht verrückt? Es war jene Zeit, als wir kleine Kinder waren. Da waren die Dinge einfach so, wie sie waren und wir staunten und nahmen alles hin, ohne zu fragen. Hätte meine Mutter beim Einkaufen oder Busfahren eine Maske aufgesetzt - ich hätte irgendwann auch eine gewollt, sowie ich „Kein Rundgang ohne Korb“ verinnerlicht hatte, lange bevor ich lesen konnte. Aber kleine Kinder bleiben wir nicht und dann fängt es eben an, verrückt zu werden. Gegen die Weltherrschaft kann man sich nicht wehren, aber man kann sich entscheiden, zu lieben. Denn wer liebt, der kann auch noch in einer verrückten Welt leben, ohne andauernd schlechte Laune zu haben. Und die Liebe, so heißt es, hört niemals auf. ❤️❤️❤️

Veröffentlicht in Elternzeit, Weltgeschichte am 30.10.2021 4:00 Uhr.

Reisewarnung

Es gibt natürlich auch noch den Städteurlaub. Doch auch hier lauern Haken und Ösen und tückische Fallen. 

Passau schmückt sich ja unter anderem mit dem Titel „Dreiflüssestadt“, weil Donau, Ilz und Inn in ihr zusammenfließen. Man hat die Wahl, ob man die Altstadt mit der Donau, die Innstadt oder die Ilzstadt besuchen will, um an den jeweiligen Gestaden zu flanieren. Ich saß mit unserem Junior im Fond unseres Wagens und navigierte meine schöne und tüchtige Geliebte in ein Parkhaus in der Innenstadt, in der wir uns ausflugs- und besichtigungshalber ergehen wollten. Meine liebe Frau war dann doch etwas irritiert, als wir, meiner mobilfunkgestützten Navigation folgend, die Innenstadt nach ihrer Durchquerung wieder verließen. Ich hieß sie, Ruhe zu bewahren. Innenstadtparkhäuser müssten ja nicht zwangsläufig in der Innenstadt liegen. Es werde schon seine Richtigkeit haben. Die hatte es auch, handelte es sich bei meinem angepeilten Ziel doch um das Innstadtparkhaus. Wir könnten doch von Glück sagen, so erklärte ich meiner verdutzten Gefährtin, dass ich uns nicht ins Ilzstadtparkhaus navigiert hätte. Auch das wäre immerhin möglich gewesen. 

Inn und Ilz sind nun zwei Flüsse, die völlig zu Recht in der Donau verschwinden und über die man jenseits von Passau auch kein Wort mehr verliert. Man fragt sich, ob dieses Schicksal auch die zwei kleineren Parteien einer möglichen Ampelkoalition ereilen kann und kommt zu dem Schluss: eher nicht. Denn anders als ein Fließgewässer kann eine Koalition einfach wieder in ihre Einzelteile zerfallen, was um so wahrscheinlicher wird, je komplexer die Verbindung aufgebaut ist. Eine Koalition kann man also eher mit Atomkernen vergleichen: Wasserstoff (Kernladungszahl 1) ist sehr stabil, jenseits von Blei (Kernladungszahl 82) wird’s wackelig. Welche Kernladungszahl eine Koalition hat, muss man jeweils sehr genau ausrechnen.  

Uns hat Passau jedenfalls gut gefallen. Auf unserem Weg lag dann auch noch Regensburg, was auch eine schöne Stadt sein soll. Dort gibt es ein Parkhaus, in dem man zwar nicht parken, dafür jedoch grandios im Stau stehen kann. Parkhaus-Staus werden in Navigations-Apps nicht angezeigt. Nur durch großes Glück und durch die Standhaftigkeit der Großen Mutter meines kleinen Kindes sind wir überhaupt wieder herausgekommen. Vor dem Arcaden-Parkhaus in Regensburg sei hiermit also ausdrücklich gewarnt. 

Veröffentlicht in Urlaub am 23.10.2021 4:00 Uhr.

Der nächste Urlaub

Gäbe es nach dem Superlativ keine Steigerungen mehr, wäre kein Mensch je zum Mond geflogen. Schlimmer geht aber immer. 

Einer weitverbreiteten Irrmeinung nach interessieren sich Jungen quasi schon vor ihrer Geburt für Bagger, Traktoren und Lokomotiven. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass zunächst nur die Erwachsenen aus dem Häuschen geraten, wenn sie, zum Beispiel während einer längeren Autofahrt, einen Bagger sehen. Der Verkehr staut sich vor einer Baustelle. Das Kind ist wach, in seinem Sitz festgeschnallt und muss irgendwie bei Laune gehalten werden. Das mitgebrachte Spielzeug ist ausgespielt, die Lieblings-CD bleibt nach dem dritten Durchlauf wirkungslos, man wird langsam apathisch, die Bereitschaft, eigentlich streng verbotene Ruhigsteller wie Würstchen oder Handy einzusetzen, steigt. Dann erreicht man endlich die Baustelle: SIEH NUR, EIN BAGGER!! UND DA: EINE ASPHALTIERMASCHINE! PLANIERRAUPE!!! MISCHER! EIN KIPPER! Und tatsächlich, das Kind wird abgelenkt und vergisst für einige Augenblicke seine mißliche Situation. Es ist eben ein Junge. 


Ich erinnere mich nicht daran, Baggern und Traktoren als Kind nennenswerte Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Vielleicht habe ich es nur vergessen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Autofahren nicht zu meinen frühkindlichen Erfahrungen gehörte. Wenn wir fuhren, dann mit der Bahn oder mit dem Bus. Als meine Eltern das erste Auto kauften, war ich schon in der Schule. Möglicherweise war ich aber auch nicht richtig gegendert: ich spielte mit einer Puppe, Spielzeugherd und Spielzeugwaschmaschine. Es gibt ein Bild, das mich vor einer Werkbank zeigt, die ich offenbar zu Weihnachten bekam. Ich kann mich nicht erinnern, je damit gespielt zu haben. Später spielte ich Theater und trainierte in der Voltigiergruppe - ein Mädchensport. 

Unser Urlaub auf dem Bauernhof ist leider wieder vorbei und man fragt sich natürlich, ob das Kind in seinem ersten richtigen Urlaub auch auf seine Kosten gekommen ist. Ganz beiläufig stellt sich dabei die Erkenntnis ein, dass der Begriff „Urlaub“ für unsereinen einen Paradigmenwechsel durchgemacht hat. Tagelang lesen, Ausschlafen, Stadtbummel und ausgiebige Restaurantbesuche - waren ja sowieso nie so meins. Jetzt gilt es, ein Kind glücklich zu machen. Das klappt nicht immer, aber es klappt schon immer besser. Und nach dem Urlaub auf dem Bauernhof kommt: Der Urlaub auf der Baustelle. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Urlaub  am 16.10.2021 13:25 Uhr.

Hacker Pschorr

Urlaub ist der Ausnahmefall. Urlaub mit Kind erst recht. Die Steigerung von Urlaub mit Kind ist Urlaub auf dem Bauernhof. Superlativ: Urlaub auf dem Bauernhof im Bayerischen Wald. 


Urlaub auf dem Bauernhof ist heutzutage in erster Linie: Laut. Das war ja klar, denn abgesehen von den Geräuschen, die die Tiere machen, kommen auf dem modernen Bauernhof Geräte und Maschinen zum Einsatz, die nun mal allesamt Krach machen. Natürlich auch nachts. Nachts wiederum ist Dunkelheit zwar weit verbreitet, im Bayerischen Wald ist es aber finster. Da das Adjektiv „finster“ allerdings schon für das Erzgebirge gebräuchlich ist, muss man für den Bayerischen Wald „stockfinster“ verwenden. Besonders bei Neumond. Der Weg vom Elternbett zum weinenden Kind im Kinderbett im wildfremden Schlafzimmer wird zur abenteuerlichen Nachtwanderung und wenn man angekommen ist, sieht man das Kind vor Augen nicht und weiß nicht, wo man den Schnuller hinstecken muss. 

Dafür haben sie aber Bier in Bayern. Sogar auf dem Bauernhof. Es gibt einen Getränkeautomaten, der gekühltes Helles und Weißbier in Flaschen auswirft. Eigentlich gab es nun keinen Grund mehr, den Hof zu verlassen. Wir mussten aber sowieso noch Weißwurst fürs Kind einkaufen und ich dachte, ein bisschen mehr Abwechslung beim Bier kann ja nicht schaden. Im Getränkemarkt wurde mir dann zwischen dem ganzen Hellen, Dunklen,  Weißbier und Zwickel ganz schwummrig. Ich umkreiste ziellos die Kistenstapel, griff mir einen Kasten heraus, bezahlte und schleppte ihn ins Freie. Auf den Flaschen stand Hacker Pschorr. Ich hatte so etwas noch nie gehört und meine Frau bekam einen Lachanfall. Hacker Pschorr! Na und?! Leider konnte ich jetzt den Automaten auf dem Hof nicht mehr benutzen, weil ich die Kiste ja irgendwie leer trinken musste. Mit nach Hause nehmen kann man eine Kiste Hacker Pschorr nicht. Erstens aus Platzgründen. Zweitens kriegt man im Erzgebirge den Kasten nicht los. Und drittens ist außerhalb Bayerns gar nicht zu erklären, wie man in den Besitz so einer Kiste gekommen ist. Hacker Pschorr! 

In Bayern ganz allgemein und im Bayerischen Wald im besonderen lässt es sich auch mit Kleinkind ganz wunderbar wandern. Unser Kind läuft für sein Alter schon beachtliche Strecken und den Rest kann man es gut in einer Rückentrage transportieren. Unsere Wasserflasche ließ ich im Auto, denn es handelte sich jeweils um Streckenlängen zwischen sechs und zehn Kilometern. Meine Frau verstand zunächst nicht, dass ich dessen ungeachtet ohne Weiteres bereit war, ein oder zwei Flaschen Hacker Pschorr in der Rückentrage mitzuführen. Ich erklärte ihr, es handele sich dabei um Ballast. Wenn während der Wanderung die Last zu schwer würde, müsste ich nur die Flaschen leeren. Je mehr, desto besser. Außerdem gibt es ja ein Lied über Hacker Pschorr, das fängt ungefähr so an:
Eines Morgens
in aller Frühe
Hacker Pschorr, Hacker Pschorr, Hacker Pschorr, Pschorr, Pschorr

Veröffentlicht in Elternzeit, Urlaub  am 09.10.2021 4:00 Uhr.

Der Sachse

In Sachsen wird nicht immer alles gleich gemacht, nur weil es geschrieben steht. Und im Erzgebirge schon mal gar nicht.

Meine Frau, die ich sehr liebe, hat Zwiebelkuchen gebacken. Unser Kind verkostete die Speise, sagte „Nein“ und aß nur den Boden. Am Abend verspeiste es dann ein ganzes Stück oder mehr mit samt der Schmand-Ei-Zwiebel-Decke. Meine Frau zwinkerte mir zu und formulierte einen Merksatz, der ungefähr beinhaltete, „Nein“ heiße zwar „Nein“, aber das müsse noch gar nichts heißen. Ich nickte und erzählte zur Illustration die Geschichte, wie ich in Bamberg einmal zum Rauchbier einkehrte. Die ersten drei halben Liter würgte ich mit zugehaltener Nase herunter aber danach lief es!  Oder Federweißer! Er schmeckt eigentlich gar nicht, aber zum Zwiebelkuchen ist er ein Muss. Ich konnte tatsächlich eine Flasche auftreiben. Auf dem Etikett stand „FLASCHE NUR STEHEND TRANSPORTIEREN“. Langsam wurde mir die Gängelei nun aber doch zu viel: Jetzt wird mir also auch noch vorgeschrieben, wie ich meine Flaschen nach Hause zu tragen habe! Nicht mit mir! Ich setzte (!!!) mich demonstrativ ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Freie Fahrt für freie Bürger! Schließlich sind wir hier in Sachsen! 

Leider ist Sachsen jetzt aber auch blau. Blau ist eigentlich eine schöne Farbe. Aber das Blau, das jetzt auf den Wahlergebnis-Karten Sachsen und Thüringen einfärbt, finde ich eher beängstigend.  Andererseits muss man sehen, dass es genau die Stimmen sind, die der CDU und der Linken verloren gegangen sind. Das finde ich wiederum gut. Mehr konnte man eigentlich auch nicht erwarten, schon gar nicht, dass sie hier vielleicht noch grün wählen. Ehe sie gar nicht wählen, sollen sie also meinetwegen blau wählen. Genützt hat es den Blauen nichts und den Schaden haben auch die Richtigen. Am Anfang war ich entsetzt, aber jetzt bin ich doch ganz zufrieden: Das haben wir gut gemacht! Meine Frau jedenfalls, die ich sehr liebe, hat gleich gesagt: Es hilft nichts, den Sand in den Kopf zu stecken.  Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine Frau hat nämlich eigentlich immer recht. „Die Flasche war offen!“ sagte ich, als ich nur noch die Hälfte vom Federweißer mit nach Hause brachte, weil die andere Hälfe im Auto ausgelaufen war. „Federweißer ist immer offen“ sagte sie sanft, „er explodiert sonst.“ 

Wenn er nicht umkippt, passiert also nichts Schlimmes, selbst wenn er durchgeschüttelt wird.  Als Solist ist er nicht gerade groß, aber im kleinen Ensemble kann er ein paar Stärken ausspielen. Und ich dachte: So ist er eben, der Sachse. Hauptsache, er explodiert nicht. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 02.10.2021 4:00 Uhr.

Seifenblasen 

Die Kandidatin und ihre Mitbewerber für das Kanzleramt sind nicht zu beneiden und man möchte nicht mit ihnen tauschen. Aber sind sie überhaupt echte Kandidaten oder sind wir mal wieder gründlich hinters Licht geführt worden?


Kurz vor der Bundestagswahl sei nun doch nochmal daran erinnert, dass wir am Sonntag gar nicht den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin wählen, sondern die Abgeordneten des Bundestages, wie die Bezeichnung „Bundestagswahl“ eigentlich auch vermuten lässt. Wahlkampf und Berichterstattung locken einen da schnell auf die falsche Fährte. Freilich müssen die von uns gewählten Abgeordneten den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin wählen, aber das ist dann ja wohl ihre Sache. Dass seit Wochen und Monaten so getan wird, als hätten wir, die gemeine Wählerin oder der gemeine Wähler irgendetwas damit zu tun, hat schon ein bisschen was von einer Verschwörung. Am Ende soll uns damit wahrscheinlich die Verantwortung für das voraussichtlich abenteuerliche Ergebnis der Bundeskanzlerwahl untergejubelt werden. Die Abgeordneten können ja froh sein, dass sie überhaupt eine Wahl haben. Es ist doch alles andere als selbstverständlich, dass in diesen Zeiten jemand deutscher Regierungschef werden will. Es ist sogar so ganz und gar unwahrscheinlich, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob die Kandidaten und die Kandidatin nicht einfach von Pro Sieben, RTL und ARD / ZDF erfunden worden sind und nach der Wahl so plötzlich wieder verschwinden, wie Seifenblasen. Oder wie Martin Schulz. Und ehe man sich’s versieht, sitzen im Bundestag keine Abgeordneten mehr, sondern Echsenmenschen, weil wir auf ein gigantisches Ablenkungsmanöver hereingefallen sind. 



Die Echsenmenschen wählen dann logischerweise auch keinen Bundeskanzler, sondern machen gleich ihr eigenes Ding. Der einzige, der ihnen dann noch gefährlich werden kann, ist der Bundespräsident. Er verschanzt sich in Bellevue und muss versuchen, das Echsenparlament irgendwie wieder aufzulösen. Aber wie? Das Grundgesetz gilt ja nun mal nicht für Echsenmenschen und darum werden sie nicht einfach wieder auseinandergehen, nur weil der Präsident es gesagt hat. Eine total verfahrene Kiste und der Rest der Welt schaut hilflos zu. 

Und an dieser Stelle kommen wir ins Spiel: Vater (ich), Sohn (mein Sohn) und - seine Mutter (meine Frau). Wir sind nämlich verdeckte Echsenjäger. Bis dato immer inkognito und als Familie getarnt. Aber jetzt, wo es ums Ganze geht, müssen wir handeln. Details kann ich hier natürlich nicht verraten, wir leben so schon gefährlich genug. Nur so viel: Der Präsident kann die Echsen mit unserer Hilfe auflösen und alle anderen bekommen eine zweite Chance. Der Wahlkampf fällt aus, alle gehen wählen, gucken richtig auf ihre Stimmzettel und machen ihre Kreuzchen da, wo sie es für richtig halten. Wir wählen uns einen schönen neuen Bundestag und kriegen eine ordentliche neue Regierung. Alles wird gut. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 25.09.2021 4:00 Uhr.

So viele Möglichkeiten 

Über das Burnout-Risiko bei der Hausarbeit und über zweckfreies Spielen.

Ich gehöre zu einer schon viel zu lange unbeachteten Minderheit, nämlich zu jenen Menschen, die gar keine besondere Beziehung zu ihrem Staubsauger unterhalten. Ich besitze einen, ja, aber da meine Frau auch einen hat, lagerte ich meinen seinerzeit auf dem Dachboden ein. Es handelt sich um einen recht raumfordernden Kesselsauger, der auch Flüssigkeiten aufsaugen kann. Es ist noch mein erster Staubsauger, den mir meine Mutter bei Quelle bestellt hat. Beutel gibt es dafür nicht mehr, weshalb ich zuletzt nur noch sehr sparsam gesaugt habe. Überhaupt bin ich der Meinung, dass Hausarbeit letztlich auch nur Arbeit ist, in die man sich nicht hineinsteigern darf, weil sonst unausweichlich ein Burnout droht. Ob es nun um fensterputzen, staubsaugen oder abwaschen geht - hier extra klein geschrieben - , gilt es immer, den Ball flach zu halten. Wenn man irgendwann einmal nachts aufwacht und sich selbst laut „Staubsauger“ sagen hört, muss man in die Sprechstunde.  

Obwohl unser Sohn von Seiten seiner Eltern nun keineswegs vorbelastet ist, zeigt er doch eine recht ausgeprägte einschlägige  Symptomatik. Obwohl er das Wort „Staubsauger“ wegen der Zischlaute noch gar nicht aussprechen kann, erwachte er doch mitten in der Nacht, laut das synonyme Ersatzwort skandierend. (Es lautet in der kurzen Variation „Koppa oder Kauppa“, lang „Kaup-Jauger“.) Außerdem vernachlässigte er die Mahlzeiten für die Beschäftigung mit dem Haushaltsgerät. Ich fürchtete schon, er würde das Ding mit ins Bett nehmen, was er gewissermaßen ja auch getan hat. Mit alledem ließe sich ja noch gut leben, wenn das Kind nun tatsächlich auch staubsaugen würde. Das ist aber nicht der Fall. Es verhält sich eher so, dass die Mama hinzugezogen wird, um das Gerät mehr oder weniger bestimmungsgemäß einzusetzen. Tatsächlich einschalten darf sie es freilich nicht. Das entsprechende Geräusch muss mit dem Mund erzeugt werden. Das wäre auch alles noch nicht so schlimm. Nur, wenn die Mama nicht da ist, soll ich auf einmal einspringen. Und da hört sich dann ja wohl alles auf!



Bei mir ist das so: Ich beschäftige mich gern mit allen möglichen Sachen, aber nur, solange die Beschäftigung zweckfrei ist. Sobald irgendetwas Nützliches dabei herauskommen soll, bin ich raus. Als Kind konnte ich stundenlang Uhren oder Radios auseinandernehmen, aber natürlich nicht wieder zusammensetzen. Meinem Kind habe ich jetzt gezeigt, wie man den Staubsauger mit dem Küchenmixer verbinden kann. Wozu das gut sein soll, wissen wir beide nicht, nur, dass es gemacht werden muss. Und es gibt noch so viele Möglichkeiten. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 18.09.2021 4:00 Uhr.

Der zweite Schritt vor dem ersten

Wie ich meinem Kinde die Entwicklung der Kulturtechniken erklären wollte und mein alter Freund Axel für die notwendige Anschauung sorgte 


Die natürliche Fortbewegungsart des Menschen ist das Laufen auf seinen zwei Beinen. Nicht rennen, sondern gehen, immer mit einem Fuß auf der Erde. Auf diese Weise ging der Mensch von Afrika nach Asien, nach Europa und nach Amerika. Darum ist das Zufußgehen nicht nur eine Fortbewegungsart sondern auch eine Kulturtechnik. Lesen ist einem natürlich als Kulturtechnik geläufiger, wobei das Zeitunglesen hier als Spezialfall des Lesens herhalten soll. Während sich das Zufußgehen nun im Zuge der Mobilitätsentwicklung wegen seiner Langwierigkeit immer mehr ins Kuriose und Außergewöhnliche verlagert, erobert das Lesen und Schreiben im Zuge der Digitalisierung immer neue alltägliche Lebensbereiche. Ich stelle mir gerade vor, wie ich diese atemberaubende Entwicklung irgendwann einmal meinem jetzt eineinhalbjährigen Sohn erkläre, der aus unserem Haushalt keine Zeitungen aus Papier mehr kennt.

Früher, so werde ich vielleicht anfangen, früher bekam man die Zeitung in den Briefkasten oder kaufte sie am Zeitungskiosk. Man hatte dann einen schönen Haufen bedrucktes Papier, das schon am nächsten Tag nichts mehr wert war, weil es dann eine neue Zeitung gab. Dann konnte man mit dem Papier seine Schuhe ausstopfen, wenn sie nass waren, irgendetwas darin einwickeln oder auch ein Feuer im Ofen anzünden. Als ich Kind war, habe ich regelmäßig Altpapier im Handwagen weggefahren, das in einer Nische im Kellergang gesammelt wurde. Zusammen mit leeren Flaschen bekam ich dafür bis zu fünf Mark. Dafür konnte ich zehn Tüten Salmiakpastillen, zwei Schlager Süsstafeln und vier Schrippen kaufen. Später warfen wir Papier und Flaschen dann nur noch in die Papier- und Glascontainer. Natürlich gibt es solche Zeitungen heute immer noch und vielleicht kaufen wir mal eine, damit du es dir besser vorstellen kannst.

Viel besser wäre es natürlich, einen wahrhaftigen antiken Zeitungleser präsentieren zu können, aber wo soll man den hernehmen? Aus einem der Dioramen des Prähistorischen Museums vielleicht? Aber vor dem Zeitunglesen kommt ja bekanntlich das Zufussgehen und so trafen wir uns mit Axel, meinem alten Freund und Bernhard, meinem Freundesfreund am Südhang des Kyffhäusergebirges zum Wandern. Wir nahmen unser Kind mit und wanderten so lange, dass es unterwegs einschlief. Als es wieder aufwachte, wanderten wir immer noch. So weit so gut, nicht anders als beim Autofahren. Das Eigentümliche des Zufussgehens muss also für die Perspektive des Kindes noch differenzierter beschrieben werden. Manchmal muss man den zweiten Schritt vielleicht auch vor dem ersten machen. Und so war es Axel, der bei dem Kinde für die notwendige Anschauung sorgte, als wir ihn mit der voll entfalteten Wochenendausgabe seiner Tageszeitung antrafen: Sieh nur, mein Junge, so hat man früher die Zeitung gelesen! 

Veröffentlicht in Elternzeit am 11.09.2021 4:00 Uhr.

Kann passieren 

Über das Frühstück als Kopfmahlzeit, Politiker, die uns enttäuschen und über Eierlikör.

Heute muss ich mal wieder ein Thema aufgreifen, das in allen Medien bis heute konsequent vermieden, umgangen und ja, so muss man es sagen, totgeschwiegen wird. Zwar hat der furchtlose Stephan Lebert in der aktuellen Ausgabe der Zeit (36/2021) eine ebenso scharfsinnige wie gnadenlose Abrechnung mit seiner Bundeskanzlerin abgeliefert; eine ernsthafte Auseinandersetzung mit  dem Lebensrelevanten, dem Grundsätzlichen aber lässt er vermissen. Ich meine das Frühstücksei. Der letzte, der sich heldenhaft diesem Gegenstand zuwandte, war Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, alias Loriot. Das zu behandelnde Problem ist das gekochte Ei, das entweder sogenannt „hart“ oder „weich“ sein kann. Die einen mögen das erste, die anderen das letztere. Es gibt nun unendlich viele Rezepte, nach denen der jeweils gewünschte Zustand angeblich erreicht werden kann. In der Realität erweisen sie sich alle als Aberglaube und Alchemie. Die Wahrheit ist: Das perfekte Frühstücksei gibt es nicht. Man kann ein Ei zehn Minuten oder fünf Minuten kochen lassen. Bei zehn Minuten ist sein Zustand sicher vorhersagbar. Bei fünf Minuten bleibt die Vorhersage im Ungefähren. 

Man kann es halten, wie man will, das Frühstück ist nun mal sozusagen die Kopfmahlzeit des Tages und nimmt als solche eine entsprechende Sonderstellung ein. Ein misslungenes Frühstück macht es einem schwer, dem übrigen Tag noch etwas Frohmachendes abzugewinnen. Darum haben wir uns alle irgendwie mit dem Frühstück arrangiert. Die Strategien reichen von Weglassen über Veganismus bis zum Brunch, bei dem durch in die Länge ziehen der nahtlose Übergang ins Mittagessen realisiert wird. Meine bevorzugte Vorgehensweise war über lange Zeit das Rührei. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Verbreitet ist auch die Praxis des Sonntagseis. Es genießt den Ausnahmestatus und damit eine gewisse Narrenfreiheit.  Inzwischen neige ich dazu, in dieser Frage von vornherein eine indifferente Haltung einzunehmen. Ein gekochtes Ei ist ein gekochtes Ei. So oder so. Hauptsache es ist nicht roh. 

Es hat allerdings eine Zeit gegeben, in der ich ohne mit der Wimper zu zucken auch rohe Eier verzehrt habe. Mit Zucker. Heute bekäme ich Zuckerei nicht mehr runter. Mit Weingeist wird aus Zuckerei übrigens Eierlikör, den ich schon wieder trinken kann, wenn es sein muss. Die Bundeskanzlerin kann von Glück reden, dass sie Stephan Lebert nicht noch das Frühstücksei zubereiten musste. Es könnte sein, dass er am Ende reagiert hätte wie der Mann im Ei-Sketch von Loriot. So ist er nur enttäuscht. Aber das kann einem mit Politikern schon mal passieren.

Veröffentlicht am 04.09.2021 4:00 Uhr.

Jener legendäre Zweiwortsatz, den zu dokumentieren ich mich entschlossen habe

Wenn man sagt: „Das Internet vergißt nichts“, heißt das nicht, dass man dort irgendetwas, was man gerade gut gebrauchen könnte wiederfindet. Es heißt nur, dass irgendetwas, was man gerade gar nicht gebrauchen kann, zur Unzeit von anderen gefunden wird. Aber darum geht es gar nicht.

Während die sogenannten letzten Worte weit verbreitet und gut überliefert sind, hört man selten bis gar nicht von ersten Worten. Jeder weiß oder meint zu wissen, was Goethe als letztes von sich gegeben hat. Aber was hat er als erstes gesagt? Ich meine nicht das erste Lallen oder Brabbeln, sondern den ersten verständlichen Zweiwortsatz. Einwortsätze würde ich noch nicht gelten lassen, da kann man sich zu leicht täuschen und die Aussage ist auch nicht klar genug.  Bei meinem Sohn lautete das erste Wort zum Beispiel „Bier“. Aber was wollte er damit sagen? „Papa trinkt Bier“ ? Oder „Bier her“? Oder meinte er doch eher „Bär“? Zweiwortsätze sind zwar auch noch vieldeutig, aber die Richtung ist schon mal klar. „Mehr Licht!“ hätten schließlich auch Goethes erste Worte sein können. Überliefert sind sie aber als seine letzten. 

Schön waren auch die letzten Worte von Konrad Adenauer. „Da gibt es nichts zu weinen“ soll er gesagt haben. Am gleichen Tage erblickte ich das Licht der Welt. Aber auch von mir sind wieder keine ersten Worte überliefert, was einleuchtet, wenn man sich klar macht, dass am Anfang eines Lebens nicht feststehen kann, ob es sich am Ende gelohnt hat, irgendetwas zu überliefern. Falls noch jemand weiß, wer Martin Schulz oder auch Philipp Rösler sind, will man von denen heute vielleicht doch nichts mehr lesen. Bei Jesus lagen die Dinge wieder anders. Josef und Maria wussten zwar von Anfang an bescheid, standen aber eher in einer mündlichen Überlieferungstradition. Aufgeschrieben wurde erst gut einhundert Jahre später. Da sagen dann die einen so, die anderen wieder so.

Darum schreibe ich heute eben alles gleich auf. Wenn ich dann doch mal etwas nachlesen will, muss ich nur noch herausfinden, wo ich es hingeschrieben habe. Wie sich jetzt herausgestellt hat, ist das aber inzwischen ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man sagt: „Das Internet vergißt nichts“, heißt das nicht, dass man dort irgendetwas, was man gerade gut gebrauchen könnte wiederfindet. Es heißt nur, dass irgendetwas, was man gerade gar nicht gebrauchen kann, zur Unzeit von anderen gefunden wird. Wie dem auch sei. Unser Kind erwachte jedenfalls unlängst während einer längeren Autofahrt aus kurzem Schlummer und gab jenen legendären Zweiwortsatz von sich, den als seine ersten Worte zu dokumentieren ich mich als sein Vater entschlossen habe. Er lautete: „Mehr Keks!“

Veröffentlicht in Elternzeit am 28.08.2021 4:00 Uhr.

Immer viel zu früh

Unser Schlaf birgt ein großes Geheimnis, aber der Schlaf eines Kindes ist ein Mysterium. 


Habe ich eigentlich schon berichtet, dass mir der Traps unter der Spüle abgegangen ist? Nein? Allein dass sich unter „Traps“ südlich von Königs-Wusterhausen keiner mehr etwas vorstellen kann, ist ja irgendwie erwähnenswert. Hier muss man „Siphon“ sagen. Das hat griechische Wurzeln, während „Traps“ wahrscheinlich vom englischen trap = Falle kommt. Beides bezeichnet einen Geruchsverschluss im Abfluss. Ich ließ in der Küche das Wasser laufen und dachte noch: Was für ein seltsames Geräusch! Dann lief es auch schon unten aus der Spüle. Ich war natürlich nicht allein sondern hatte mein neugieriges Kind bei mir, welches die neu entstandenen Wasserspiele mit großem Vergnügen begrüßte. Ich versuchte fluchend alles aufzuwischen und den Lappen im Eimer auszuwringen. Das Kind versuchte juchzend, den Eimer umzukippen. Ich rief sehr laut und deutlich seinen Namen und sagte: HIER IST EIN MISSGESCHICK PASSIERT! Es half aber nichts. Ich musste das Wasser so schnell wie möglich loswerden und kippte den halb vollen Eimer im Spülbecken aus. Zur großen Freude meines Sohnes kam das Wasser folgerichtig sofort wieder zum Vorschein und verteilte sich neu auf dem Küchenfußboden. Nebenbei musste ich übrigens auch noch Kartoffeln kochen. 

So wie manche Sachen gänzlich ungerufen und unnötiger Weise auftauchen, verschwinden andere auf Nimmer Wiedersehen, wie zum Beispiel der Wal-Schnulli oder der Bären-Schnulli. Von einer Sekunde auf die andere sind sie weg. Natürlich steht auch irgendwann demnächst die Schnuller-Entwöhnung an, aber daran wollen wir noch gar nicht denken. Wir fragen uns nur, an welche Stelle des Raum-Zeit-Kontinuums unser Kind diese Dinge verschleppt. Was könnte man dort noch alles finden? 

Es gibt einen Ort im Universum, am dem die verschwundenen Gegenstände aufbewahrt sind. Zugänglich ist dieser Ort, so sagt man,  einzig und allein schlafenden Kindern. Sie bringen viele Sachen dorthin, aber sie können auch etwas von dort mit zurückbringen. Ja, sie haben eigentlich immer etwas dabei, wenn sie von ihren einzigen Reisen zurückkehren, die sie ohne uns unternehmen. Es ist niemals das, was wir vermissen. Es ist aber immer etwas, was wir dringend brauchen. Meistens beachten wir es nicht und darum werden wir immer nur ärmer, während uns die Kinder doch noch jeden Tag neue Schätze anhäufen. Und dann, später irgendwann, aber immer viel zu früh, kommt der Tag, an dem sie selbst keinen Zutritt mehr zu diesem Ort haben. Möge er in weiter, weiter Ferne liegen. 

Veröffentlicht in Elternzeit, Alltagsphysik am 06.08.2021 4:00 Uhr.

Ars vivendi

Kunst als Beruf auszuüben ist riskant, wenn man davon existenziell abhängig ist. Eine Existenz als Lebenskünstler ist kein Beruf, aber eine Alternative. 


Gerade habe ich ein Konzert abgesagt. Ich möchte einfach nicht nach dreißig oder vierzig Minuten merken, dass mir das Hygienekonzept nicht gefällt und dann sang-und klanglos abgehen. Ich kann warten. Ich weiß schon, ein Berufskünstler kann das nicht. Er braucht den Kontakt zu seinem Publikum und er braucht vor allem das Geld. Darum habe ich schon immer gesagt: Macht euch nicht von einem Beruf abhängig! Das bringt nichts. Es muss auch andere Möglichkeiten geben, sich durchs Leben zu mogeln. (Kommt „Möglichkeit" eigentlich von „mogeln“?) Und wenn es schon eine Existenz als Künstler sein soll, dann doch bitte schön eine als Lebenskünstler. Ars vivendi. Für diese Kunst braucht man keine Bühne und kein Publikum. Es gibt zwar keine Gage und keinen Applaus, aber dafür auch kein Lampenfieber. 

Kinder sind ja wohl die größten Lebenskünstler überhaupt. Sie sähen nicht, sie ernten nicht, und ihr Vater füttert sie doch! Ich weiß gar nicht mehr, wann ich angefangen habe, mir um meinen Lebensunterhalt Gedanken zu machen. Als Kind denkt man darüber jedenfalls nicht nach. Es gibt noch ganz andere Sachen, über die man nicht nachdenkt. Zum Beispiel, ob Fliegen Zähne haben. Ich wußte es lange nicht, bis ich mal von einer Fliege gebissen wurde. Damals hatte ich keine Ahnung und dachte, ich könnte das unscheinbare Tier mit der bloßen Hand fangen und aus dem Fenster werfen. Da durchfuhr mich plötzlich ein höllischer Schmerz. Auch das Aus-dem-Fenster-Werfen schlug fehl, denn die Fliege hatte sich in meiner Hand festgebissen. Abgesehen von dieser Gefahr ist Fliegenfangen aber eine einfache Sache. Mit ihrem Facettenauge kann sie zwar schnelle Bewegungen rechtzeitig erkennen. Dafür hat sie aber keine Chance, wenn man sich ganz langsam nähert. Und dann: Zack! Wer keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, stülpt ihr natürlich ein Glas über.

Was natürlich nicht ratsam ist, solange im Glas noch was drin ist. Erstens ertrinkt die Fliege wahrscheinlich und zweitens hat man selbst nichts mehr zu trinken. Spätestens an dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir diesmal gar nichts einfällt. Wäre dies hier ein Konzert, würde ich es jetzt einfach abbrechen. Aber ich habe das Konzert ja schon abgesagt. Also muss ich mich eben bis zum Ende irgendwie durchmogeln. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Wer legt überhaupt fest, wann so ein Text zu Ende ist? Ich erinnere mich an eine Kolumne von Axel Hacke, in der er behauptet, das  Ende sei durch die Anzahl der

Veröffentlicht in Musik am 31.07.2021 4:00 Uhr.

Wer dahinter steckt

Kann man sich mir nichts dir nichts aus der Verantwortung für sein eigenes Leben stehlen? Ja. Es ist ganz einfach.


Ich habe nie bezweifelt, dass das Tragen eines Mundschutzes für den Infektionsschutz sinnvoll ist. Allerdings bin ich auch davon überzeugt, dass er seine Wirksamkeit eher auf psychologischem Gebiet entfaltet: Man geht nicht unbedingt dorthin, wo man ihn tragen muss, wenn es sich vermeiden lässt. Außerdem ist er beim Sprechen lästig, also schweigt man lieber. Wenn diese Annahmen auch größtenteils zutreffen mögen, so haben sie doch in Sachsen keinerlei Gültigkeit. Der Sachse lässt sich weder die Geselligkeit noch den Mund verbieten, Mundschutz hin oder her. Darum waren die Gesichtsteilabdeckungen in diesem Teil der Welt so gut wie wirkungslos und die weitgehende Aufhebung der Maskenpflicht in Sachsen ist nur konsequent. Ob nun auch einige sehr eigenwillige Vorstellungen über die Wirklichkeit in Sachsen entstanden oder aus einem Labor in China entwichen sind, lässt sich dagegen nicht mit letzter Gewissheit klären.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Mond. Wir glauben ja seit Menschengedenken daran, dass der Mond die Erde seit Jahrmilliarden umkreist und maßgeblich an der Entstehung des Lebens auf der Erde beteiligt war. Das soll nun auf einmal alles nicht mehr stimmen. Der Mond sei vielmehr von Bill Gates erst kürzlich im Weltraum Stück für Stück zusammengebaut worden. Er steuert damit unsere Gedanken, was erklärt, warum wir glauben, der Mond wäre schon immer dagewesen. Außerdem kann er damit unter anderem Flutkatastrophen auslösen. So. Ach, und Jeff Bezos hängt da natürlich auch mit drin. Er wird sich bald auf den Mond schießen lassen und dem Bill dort ein bisschen zur Hand gehen. Tja. So sieht's nämlich aus. 

Natürlich glaube ich das nicht, obwohl ich die Geschichte gerade selbst erfunden habe. Aber es würde alles so schön einfach machen. Man hätte einen Schuldigen, gegen den man ja machtlos wäre und könnte selbst einfach so weiterleben, wie bisher. Der Mond stünde als Beweis am Himmel. Und wenn er eines Tages von einer Minute auf die andere verschwände oder sonst etwas Unerhörtes passierte, brauchte man sich nicht zu wundern. Man wüsste ja, wer dahinter steckt.

Veröffentlicht in Weltgeschichte  am 24.07.2021 4:00 Uhr.

Nichts, das alles ist

Kinder wachsen von ganz allein, Erziehung hin oder her. Erwachsene können mitwachsen, wenn sie das Tempo durchhalten.


Mein Kind weint. Es weint, weil es aufgewacht ist. Es weint, weil es einschlafen soll. Weil wir im Haus bleiben. Weil wir nach draußen gehen. Weil es auf den Arm will. Weil es herunter will. Weil es etwas haben will. Weil es etwas bekommt (das Falsche). Weil es die Hosen voll hat. Weil es gewindelt wird. Sein Weinen macht mich hilflos und ohnmächtig. Ich will, dass es aufhört, aber ich kann es nicht trösten. Ich weine auch. Und ich verzweifle. Aber ich kenne diese Verzweiflung gut. Ich war noch keine zwanzig Jahre alt, da trafen wir uns zum ersten Mal. Ich hatte meinen ordentlich gelernten Beruf bei der Bahn gleich wieder aufgegeben und bei der Kirche als Gehilfe angefangen. Ich dachte, ich gehe einfach weiter in die Junge Gemeinde, so wie vorher auch. Aber auf einmal wollte ich etwas: Etwas bewegen, gestalten, verändern oder auch erhalten. Was auch immer, es funktionierte nicht. Es ging schief. Mir war klar: Das konnte alles nicht klappen, weil ich keine pädagogische Ausbildung hatte. 

Also bewarb ich mich und studierte. Ich las und schrieb, ich hörte und ich schaute zu. Dann versuchte ich es wieder. Im Kirchenkreis suchten sie einen, der eine Gruppe nach ihrer Konfirmation weiter begleitet. Ich sprang ein und dachte, ich könnte und wüßte jetzt alles. Und wieder funktionierte es nicht. Wieder dieses Wollen. Und wieder Scheitern und wieder diese Verzweiflung. So ging es immer weiter, bis jetzt. Da dachte ich: Ich werde doch wohl noch ein einzelnes Kind, noch dazu mein eigenes, betreuen und erziehen können! Und wieder die Erkenntnis: Was ich weiß und kann - es zählt nicht mehr. Jetzt und hier zählt nur noch, was ich bin und was ich tue. 

Was bin ich also? Ich bin Vollzeit-Papa. Was soll ich tun? Ich soll mein Kind lieben. Wie macht man das? Beginnen wir mit lernen. Ich will lernen, worüber sich mein Kind freut: Über einen Deckel vom Obstglas. Über die Lampe an der Decke. Über die Bäume vor dem Fenster. Über ein Gänseblümchen. Über einen Bagger. Über eine Gießkanne voll Wasser. Über Musik. Über Toastbrot zum Frühstück. Er freut sich, wenn ich singe. Wenn ich mit ihm lache. Wenn ich mit ihm in die Stadt fahre. Wenn ich mit ihm ein Buch anschaue. Er freut sich, wenn ich ganz nah bei ihm bin. Und er freut sich, wenn seine Mama endlich wieder da ist. Und so wird aus meiner Verzweiflung durch seine Freude ganz allmählich meine Freude. Freude über (scheinbar) nichts, das aber alles ist.

Veröffentlicht in Elternzeit  am 17.07.2021 4:00 Uhr.

Arm aber glücklich

Für die Auflösung verschiedener Widersprüche mussten große Teile eines überlieferten deutschen Volksliedes neu geschrieben werden. 


Unser Alphabet hat 26 Buchstaben. Mit diesen vergleichsweise wenigen Zeichen kann man ganze Welten erschaffen, eine verrückter als die andere. Die Kombinationsmöglichkeiten sind so riesig, dass rein zufällige Dopplungen bisher noch nicht vorgekommen sind. Wenn sich doch einmal zwei Texte gleichen, muss es sich um eine Kopie handeln. Darum kann ich immer aufs Neue einfach drauflos schreiben, es wird immer wieder ein neuer Text entstehen. Allerdings entstehen auf diese Weise keine neuen Gedanken, was man leider auch gleich merkt. Etwas wirklich Neues zu erschaffen ist eben immer noch etwas Außergewöhnliches. Wem das in der Wissenschaft gelingt, der bekommt einen Doktortitel. Mir ist das auch in anderen Bereichen noch nicht gelungen. Dafür habe ich es beim Kopieren zu einiger Könnerschaft gebracht, was leider eher nach hinten losgeht: Man wird entweder für jemand gehalten, der man nicht ist, oder für eine Leistung gewürdigt, die man gar nicht erbracht hat. Beides steigert nicht das Selbstwertgefühl. 

Dieser Misere kann man entgehen, indem man statt „Kopie“ einfach „Reproduktion“ sagt. Kopieren klingt irgendwie immer gleich nach Verbotenem. Reproduzieren hat diesen Beiklang nicht und weil das Produzieren darin mehr Raum einnimmt als das Re, ist es auch schon wieder etwas Schöpferisches. Dabei darf man das eigentliche Werk allerdings nicht verändern, das wäre dann ein Plagiat. 

Bei sogenannten gemeinfreien Stücken bleibt das aber juristisch folgenlos. Ein solches Stück ist das Lied vom strammen Harung, in den sich die olle Flunder verliebte. Der Harung, der nur so heißt, damit er sich reimt und nicht gefressen wird, will von dem Plattfisch wegen seiner Anatomie zunächst nichts wissen. Erst als die Flunder Gold findet und (anatomisch unverändert!) reich wird, nimmt er sie. Begründet wird dieses widersprüchliche Verhalten mit der Erfahrung des Knochenfisches. Eben diese Erfahrung wird nun als Begründung dafür herangezogen, dass die Flunder vom Harung verlassen wird (Widerspruch!), als der ganze Reichtum verjubelt ist. Ich habe mir einen neuen Reim und einen anderen Schluss auf die Geschichte gemacht, und der geht so:

Und als das Gold zu Ende war 
zwo, drei, vier: sssst tata, tirallala
da blieb der Harung einfach da
zwo, drei, vier: sssst tata, tirallala
I:da war die Flunder augenblicklich
arm, aber glücklich, arm aber glücklich:I

Von der Geschichte die Moral:
zwo, drei, vier: sssst tata, tirallala
verlieb dich nicht in einen Aal
zwo, drei, vier: sssst tata, tirallala
I:denn nur so’n alter Harung 
hat die Erfahrung, hat die Erfahrung:I


Veröffentlicht in Schreiben am 10.07.2021 4:00 Uhr.

Trainerwechsel

Fußball und Elternschaft haben absolut gar nichts gemeinsam. Das ist aber auch das Einzige, was die beiden verbindet. 


Mein Sohn und ich hatten das große Vergnügen, meine Frau bei der Auffrischung ihrer vielfältigen Sozialkontakte begleiten zu können. Man traf sich in einem verträumten Dörfchen bei Leipzig mit dem wohlklingenden Namen Liemehna. Unsere Unterkunft befand sich auf einem alten Pfarrhof, der unmittelbar an den Friedhof grenzte. Mein Söhnchen ließ sich am Sonntagmorgen dort von mir spazieren tragen, als uns ein Einheimischer anredete. Es ging zunächst um den Schnuller, dass er ihn nicht zu lange haben dürfe, er wisse das von seinen Enkeltöchtern. Zu seiner Zeit hätte man darum noch nicht so viel Aufhebens gemacht, aber heute müssten die Kieferorthopäden eben auch Geld verdienen. Ich dachte: Vielleicht war das Sächsische ja Folge eines früh verformten Gaumens? Laut sagte ich: „Nee, aus’m Fenster werf’ ick sein Schnuller nich’, ick bin doch nich’ lehmsmüde!“ Dann fragte der Mann, ob ich aus dem Erzgebirge käme. Ich freute mich, bejahte und fragte zurück: „Hört man, wa?“ Er ging nicht weiter darauf ein, erzählte von seinen Töchtern, die in Jöhstadt wohnten und wünschte uns dann einen guten Tag. Als wir weitergingen, sah ich, dass vor dem Friedhof ein Auto unserer Gruppe mit Kennzeichen ERZ parkte. Ach so. 

Das aber nur am Rande. Viel gravierender war, dass unser Kind in seinem Sozialverhalten ohne Vorwarnung eine 180-Grad-Wende vollzog. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, meine Frau bei den anderen zu vertreten, weil es bisher immer so war, dass ich nicht viel bei meinem Kind ausrichten konnte, wenn seine Mama in der Nähe war. Seit wir nun in Liemehna angekommen waren, zeigte der Junge zunächst eine seltsame Anhänglichkeit mir gegenüber. Dann schrie er plötzlich los, wenn ich mich entfernen wollte und schließlich ließ er sich nicht mehr von der leiblichen Mutter ins Bett bringen. Ich verlor nun doch ein bisschen die Contenance und guckte wie Jogi Löw nach dem 0:2 gegen England. Auch meine Frau wurde traurig, sagte aber, sie freue sich für mich. 

Wie konnte es soweit kommen? Vielleicht war es das Duschbad: Wir hatten nur das meiner Frau mit und ich duftete, wie sie (soweit das überhaupt möglich ist). Ich tröstete sie (und mich), wenn ich wieder auf meinen Männermief umstiege, wäre wieder alles, wie immer. Nicht, dass ich mich nicht auch über mehr Zuneigung unseres Sohnes freuen würde. Aber ich finde, er sollte dafür in seiner Frustrationstoleranz noch etwas stabiler werden. Andererseits hilft es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, wenn die Zeit nun mal gekommen ist: Trainerwechsel. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 03.07.2021 4:00 Uhr.

Mitten im großen Gesang

Der Grund für das Ende der Geschichte schien in ihr selbst zu liegen: Die Kette der Ereignisse in ihr führte zwangsläufig wieder aus ihr heraus. 


Mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Pienkny, Lobetal

Angela Merkel war noch lange nicht Bundeskanzlerin, als ich aus Neubrandenburg zurück nach Berlin zog, um von dort aus meine lange Geschichte mit dem kleinen Dorf Lobetal in Brandenburg zu beginnen. Dass es eine lange Geschichte werden würde, wusste ich damals noch nicht. Sie endete nach einundzwanzig Jahren im Sommer 2019 und ich dachte, die Zeit dafür wäre eben gekommen und ich könnte einfach so fortgehen und alles hinter mir lassen. 
Bemerkenswert finde ich, dass der Grund für das Ende der Geschichte in ihr selbst zu liegen schien. Die Kette der Ereignisse in ihr führte zwangsläufig wieder aus ihr heraus. Ich begann in der Jugendarbeit mit dem festen Vorsatz, so schnell wie möglich in die Arbeit mit behinderten Menschen zu wechseln. Der Schlüssel zu diesem Wechsel war die Musiktherapie, die wiederum eine Qualifizierung erforderte. Ich wählte die berufsbegleitende Ausbildung in Bad Klosterlausnitz und begann parallel dazu mit der Arbeit in Lobetal. 

Ich erwarb mir eine gewisse Expertise in der Arbeit mit diesen besonderen Menschen, die keine Patienten und nicht zur Behandlung stationär untergebracht waren, deren Seelen aber trotzdem und gerade deswegen besonderer Zuwendung bedurften. Zehn Jahre nach meinem Abschluss begann dann eine junge Frau ihre Ausbildung an derselben Akademie, hörte von meiner Arbeit und begann, sich dafür zu interessieren. Sie kam zu mir und sie begleitete mich auf meinen Wegen und bei meinen Begegnungen, die ich so viele Jahre nur allein erlebt hatte. Als sie dann fortging, um nun selbst mit ihrer Arbeit anzufangen, folgte ich ihr, denn wir hatten uns ineinander verliebt und wollten zusammen bleiben.

Lobetal ist ein guter und wichtiger Ort, den ich meinem Sohn gerne zeigen möchte. Die Jahresfeste im Juni hatte ich bestimmt zwanzig mal miterlebt und mitgestaltet. Ich habe mich oft gefragt, wie ich wohl durch die schwierige Zeit der Pandemie in Lobetal gegangen wäre. Musiktherapie ohne Kontakt. Kirche ohne Gemeinde. Die großen Feste: Ausgefallen. Auch am vergangenen Sonntag wäre wieder Jahresfest gewesen. Es konnte auch noch nicht stattfinden, aber es gab einen Festgottesdienst in der Waldkirche. Und da waren sie endlich wieder, diese besonderen Menschen, die Lobetaler. Ich konnte wieder ihre Stimmen hören, wenn sie sangen und ich sah auch ihre Gesichter: Einem ist ein stattlicher Bart gewachsen und ein anderer hat sich überhaupt nicht verändert. Sogar der Bischof war gekommen und predigte ausgerechnet darüber, wie man sich über die Verlorenen freuen würde, wenn sie wiedergefunden werden. Auf YouTube sah es aus, wie ein wunderbares Fest. Ich wäre so gerne dabei gewesen: Mit meinem kleinen Jungen mitten im großen Gesang. 

Veröffentlicht in Lobetal am 26.06.2021 4:00 Uhr.

An meiner Seite

Es gibt Aufgaben, denen man(n) einfach nicht gewachsen ist. Dann zu Boden zu gehen, ist keine Schande. Nur liegenbleiben wäre eine. 


Kaputt. Im Eimer. Am Ende. Nichts hat mich in meinem ganzen Leben bisher so nahe an meine Grenzen geführt, wie die Ereignisse der vergangenen zehn Tage. Keine Aufgabe in meiner bisherigen Laufbahn erscheint mir rückblickend nur annähernd so herausfordernd und kräftezehrend wie die Betreuung meines kleinen Kindes während einer vorübergehenden Unpässlichkeit. Das Demütigende daran ist nicht, dass meine großartige und wunderbare Frau solche Phasen im zurückliegenden Jahr absolvierte, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren und nebenbei noch den Haushalt erledigte, während ich mit der Erzgebirgsbahn spazieren fuhr. Weil ich diese Fähigkeiten bei ihr ahnte, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht! Nein, das Demütigende daran ist, dass nahezu alle Mütter dieser Welt Tag für Tag klaglos diese Arbeit machen, die sie selbst gar nicht als Arbeit ansehen und an der ich unter großem Wehgeschrei nun beinahe zerbrochen wäre. 

Es begann mit Fieber. Dann kamen die roten Punkte. Schließlich verschwand das Fieber wieder, wir frohlockten, aber jetzt ging es erst richtig los. Das Kind schien sich zurückzuentwickeln. Erst wollte er nicht mehr laufen. Dann wollte er nicht mehr essen. Er ließ sich nicht mehr windeln, nicht mehr an-, nicht mehr ausziehen. Ich dachte: Wenn es so weitergeht, muss die Hebamme noch mal kommen. Nun sagt ein fünfzehnmonatiges Kind ja nicht einfach „nein“ oder „stopp“ oder „ich will nicht“, sondern es schreit. Ach was, es brüllt, es schmeißt sich auf die Erde, es tobt, es strampelt, es schlägt um sich. Schließlich wollte er nur noch getragen werden. Aber nicht stehen bleiben! Nach rechts! Nach links! Haaaaalt! Zuuuurüüüüüüüück. Ich musste um den Wohnzimmertisch herumtraben. Ich begann zu galoppieren, um wenigstens kurz die Illusion von Selbstbestimmtheit zu haben. Erst die Ankunft der Königinmutter, ihre liebliche, vertraute Gestalt, der Klang ihrer Stimme, vermochte ihn zu besänftigen und er ließ von mir ab. Mit gebrochenem Rücken niedersinkend hörte auch ich sie und fühlte ihre liebe Hand kühlend auf meiner heißen Stirne: „Ich bin wieder da, mein Geliebter. Ruhe du nun.“ Und sah im Gegenlicht weichgezeichnet Mutter und Sohn mir zulächeln, ihn seine Hand wie segnend nach mir ausstrecken. 

Nun kommt meine Frau ja nicht vom Shoppen nach Hause. Sie kommt von ihrer schwierigen Arbeit bei psychisch kranken Menschen und wirft sich sofort wieder in die Bresche, macht den Wocheneinkauf, hängt Wäsche auf und kocht für uns. Das alles macht sie mit links. Auf dem rechten Arm trägt sie dabei das Kind, tröstet es und bringt es in den Schlaf. Dann kommt sie zu mir und wischt meine Tränen ab. Und ich weiß wieder: Ich kann es doch schaffen. Mit ihr an meiner Seite.

Veröffentlicht in Elternzeit  am 19.06.2021 4:00 Uhr.

Die Comic-Helden aus der Zeitung

Notlösungen sind keine Lösungen: Die Kinder brauchen endlich wieder Kontakt. 


Nur weil die Gaststätten jetzt wieder Angebote im Außenbereich machen könnten, heißt das nicht, dass gleich wieder Tische und Bänke auf Gehwegen und Freiflächen stehen. Mein Sohn und ich suchen regelmäßig die Altstadt und Umgebung nach solchen Anomalien ab. Bis jetzt leider Fehlanzeige. Wobei man fairerweise sagen muss, dass das auch vor der großen Seuche der Fall war. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass unsere Region zurzeit von Gewittern mit teilweise sehr heftigen Starkregenfällen heimgesucht wird. Das bringt mich als Erziehenden ein bisschen in Schwierigkeiten, denn unser Kind soll ja den gewaltfreien Kontakt mit anderen Erwachsenen kennenlernen und einüben können. Wo soll das bitte stattfinden, wenn nicht im Biergarten? Dabei wurde meiner Frau und mir der Biergartenplatz schon im vergangenen Jahr zugesichert, als wir unseren ersten Hochzeitstag in der von uns bevorzugten Einrichtung begingen.  

Die Biergärten waren ja jetzt lange genug geschlossen und die leidtragenden sind wieder mal die Schwächsten: unsere Kinder. Ich hatte mir unsere Vormittage so schön ausgemalt: ein Wanderspaziergang bei Sonnenschein bis zur Köhlerhütte mit ihrem zum Biergarten gehörenden Kinderspielplatz; das Mittagessen würde uns serviert einschließlich Kinderteller. Für den Mittagsschlaf hoffte ich, ein Reisebett dort deponieren zu können. Und wenn das Kind einmal lange schläft, könnte uns  die Mama bestimmt mit dem Auto abholen. 

Das alles ging bislang nicht wegen der Seuche und geht jetzt nicht bei Klimabedingungen wie im Regenwald. Die Köhlerhütte will ihren Biergarten auch erst wieder zum kommenden Wochenende öffnen. Bis dahin müssen wir unser Kind also noch zu Hause betreuen. Das geht schon auch, aber die anderen Erwachsenen fehlen eben. Ersatzweise lesen wir ihm aus der Zeitung vor: Vom Jens und vom Hubertus, von der Annegret und von der Angela, vom Armin und vom Markus. Wie sie sich zanken und wieder vertragen. Wie sie gemein zueinander sind und sich dann nicht entschuldigen wollen. Das kann aber nur eine Notlösung sein, bis sie endlich wieder in Wirklichkeit am Nachbartisch sitzen: Richtige Menschen von hier und nicht nur die Comic-Helden aus der Zeitung. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 12.06.2021 4:00 Uhr.

Ich habe einen Plan

Die große Weltgeschichte folgt einem einfachen Handlungsschema. Wenn man das einmal erkannt hat, wird das Leben auch nicht leichter. Aber lustiger. 


Wir wollen hier keineswegs Wurzeln schlagen. Rückblickend werden wir vielleicht einmal wissen, warum wir eine Zeitlang im Erzgebirge gelebt haben. Heute „ist es eben so“, wie man so schön sagt. Aber eines Tages wird sich eine Tür öffnen und wenn wir clever genug sind, gehen wir hindurch, ehe sie wieder ins Schloss fällt. Wohin es uns verschlägt? Was auf der anderen Seite der Tür ist? Das kann man nicht wissen. Vielleicht Norditalien? Ich beherrsche immerhin einige italienische Sätze - aber ich will nicht schon wieder damit angeben. Die Kommunikation kann nicht schwieriger sein, als im Erzgebirge. Aber Kommunikation ist ja ohnehin schwierig. Der Vorteil im Erzgebirge, in Norditalien oder meinetwegen auch in Dänemark ist, dass man sich eventuell bewusst macht, dass man nichts verstanden hat. So haben die Dänen zum Beispiel jahrelang nur „Jernbanestation“* verstanden, wenn sie die deutschen Kommunikationskabel angezapft haben. Die NSA musste helfen, damit ein paar brauchbare Informationen herauskamen. Viel kann es nicht gewesen sein. 

In diesem Zusammenhang muss ich erwähnen, dass mein Streaming-Anbieter eine schöne dänische Gaunerkomödien-Reihe im Programm hat. Zwischen 1968 und 1998 sind 14 Olsenbande-Filme entstanden. Das bedeutet für volle zwei Wochen jeden Abend Olsenbande. Ich habe gedacht, ich kenne sie alle. Offenbar haben DDR-Fernsehen und -Kino aber immer dieselben drei Folgen gezeigt.  Ich kannte die meisten doch noch nicht und einer ist besser, als der andere. Egon tut mir jetzt leid. Kjeld hat seine Familie und Benny hat seine Affären. Egon hat nur Benny und Kjeld. Wo wohnt Egon eigentlich, wenn er nicht im Gefängnis ist? Im ersten Film hat er offenbar noch ein Zimmer in einem Bordell. Dann ist erstmal keine Rede mehr davon, wo sein Bett steht. 

Leider habe ich nun beim täglichen Olsenbande gucken den Überblick verloren, was gerade wirklich in der Welt los ist. Das macht aber nichts, denn die große Weltgeschichte folgt demselben Handlungsschema wie die Olsenbande-Geschichten: Einer hat immer einen genialen und todsicheren Plan. Wegen der unabänderlichen Blödigkeit seiner zwar herzensguten aber immer irgendwie tumben Komplizen geht aber zwangsläufig jedes Mal etwas schief. Dazu kommen die Machenschaften „multinationaler Konsortien“, die den genialen Planer aus dem Weg räumen wollen. Das machen diese feinen Herren natürlich nicht selbst, sondern rufen das „Dumme Schwein“, das dann die Drecksarbeit erledigen soll. Das „Dumme Schwein“ kriegt es aber auch nicht hin und so geht alles wieder von vorne los: Mit einem genialen Plan. Todsicher. 

*dänisch: Bahnhof

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 05.06.2021 4:00 Uhr.

Hoffentlich nur die Zähne

Bei größeren Kindern mag es stimmen, dass die Erwachsenden die Machthaber sind. Bei Kleinkindern stimmt es nicht.


Der Elternberuf ist schwer. Wahrscheinlich handelt es sich um einen der schwersten Berufe weltweit, vielleicht sogar um den schwersten. Er wird grundsätzlich nicht bezahlt und moralische Anerkennung bekommen höchstens Männer, wenn sie beim Kinderwagen schieben gesehen werden. Es gibt keine Ausbildung und keine Prüfung, obwohl von der Qualität der Elternschaft viel abhängt. Jede und jeder darf Eltern werden. Kenntnisse und Erfahrungen in den Berufsfeldern Pflege, Therapie und Erziehung sind hilfreich aber nicht Bedingung. Obwohl es für die Erziehung eines Kindes über ein Jahrzehnt hinaus viele Personen aus mehreren Generationen braucht, gibt es in Deutschland (2019) mehr als 2,6 Millionen Alleinerziehende (statistisches Bundesamt). Wir sind glücklicherweise  zu zweit. Kommt meine liebe Frau am frühen Nachmittag endlich wieder nach Hause, habe ich sofort frei und für sie beginnt die zweite Schicht. Als ich im vergangenen Jahr am frühen Nachmittag endlich wieder nach Hause kam, hatte meine liebe Frau endlich wieder zwei Quälgeister an der Backe. Die Aufgabenverteilung in der Elternschaft ist asymmetrisch. 

Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist auch asymmetrisch. Bei größeren Kindern mag es stimmen, dass die Erwachsenden die Machthaber sind. Bei Kleinkindern stimmt es nicht. Die Möglichkeiten, den eigenen Willen beim Kind durchzusetzen sind doch sehr begrenzt, wenn man das Kind froh und glücklich sehen will. Möchte man den Willen des Kindes erforschen, um vielleicht seiner schrill-lautstarken und gleichermaßen unkonkreten Äußerung zuvorzukommen, steht man gleich ganz im Regen. Das Kind bringt dir einen Gegenstand, du nimmst ihn freundlich und dankbar entgegen - das Kind schreit und weint zum Steinerweichen. Was war falsch? Das Kind kommt zu dir, nimmt deine Hand und zieht dich zu einer verschlossenen Tür, du öffnest sie - wieder Weinen und bittere Verzweiflung. Was ist schief gelaufen? Meine liebe Frau sagt, das sind die Zähne. Ja, das kann sein. Ganz bestimmt sind es die Zähne. Hat er nicht auch ein bisschen Temperatur? Jetzt kommen vielleicht die Eckzähne, später dann die Backenzähne. Ich bekomme Zahnschmerzen, wenn ich nur daran denke. 

Waren wir nicht alle grade noch Kinder? Ich wollte fort, Vater und Mutter verlassen und zur Oma ziehen. Warum weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich durfte ich irgendetwas nicht. Mein Bruder, zeitweise alleinerziehend, ließ mich nicht unser kleines Zelt draußen aufstellen. Ich bekam einen Wutanfall und demolierte vor seinen Augen meine eigene Armbanduhr. Dann ging ich zu meiner Mutter in die Arbeit und nötigte sie, mir einen Erlaubniszettel zu schreiben. Dann stellte ich das Zelt auf. Hoffentlich sind es nur die Zähne. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 29.05.2021 4:00 Uhr.

Eher durchs Wurmloch

Reisen ist mehr als nur schnell irgendwo zu sein - und kommt aus der Mode. In manchen Gegenden des Universums könnte es aber wieder Trend werden. 


Nun bekommen wir eine neue Bahnverbindung zwischen Berlin und Wien. Man könnte dann in fünf Stunden zwischen beiden Städten hin- und herreisen. Allerdings wird mit der Fertigstellung erst Mitte der Dreißiger Jahre gerechnet, weil dafür ein Tunnel durch das Erzgebirge gebaut werden muss. Ich halte diese Prognose für unrealistisch. Mit dem Bau des Berliner Flughafens wurde 2006 begonnen. Die Eröffnung war für 2011 geplant und wurde 2020 realisiert. Aber gegen eine Untertunnelung des Erzgebirges dürfte das alles ein Kinderspiel gewesen sein. Der Widerstand von ein paar hundert Brandenburgern gegen ihre Umsiedlung konnte den Flughafenbau nicht ernsthaft gefährden. Aber der Widerstand eines einzigen Erzgebirgers kann das ganze Bahn-Projekt zu Fall bringen. Das sollte man aus den Legenden um den Stülpner-Karl eigentlich wissen. 

Die „Stülpner-Legende“ lief als Serie des DDR-Fernsehens 1973 am Samstag Nachmittag und war wahrscheinlich überhaupt das erste Fernsehereignis, an dem ich als Zuschauer teilnahm. Irgendwann kam sie nicht mehr und ich wollte den Grund dafür wissen. Mein Vater meinte auf meine Frage, warum Stülpner nicht mehr kam: „Den ham se zujestülpt.“ Ich fand das schade, denn Manfred Krug hatte als Stülpner den herrschaftlichen Soldaten und Bütteln immer so schön die Mützen weggeschossen. Nun kann man sich zwar gut vorstellen, wie der Stülpner-Karl anstelle der Scharfensteiner Burg das Landratsamt in Annaberg-Buchholz belagert, was aber wegen Home-Office zurzeit wahrscheinlich komplett sinnlos wäre. Wir sehen: War das Leben als Volksheld vor zweihundert Jahren auch schwierig - heute ist es nicht unbedingt einfacher geworden. 

Nun ist Wien zweifellos eine schöne Stadt. Ich war selbst schon einmal dort und ich würde auch ein zweites Mal hinfahren. Das Schöne an einer Reise nach Wien ist ja, dass man erstmal nach Dresden fahren kann. Hat man dort genug gesehen, fährt man weiter nach Prag und bleibt eine Weile da, bis man dann eben irgendwann nach Wien kommt. Vielleicht hat man nach Prag aber auch genug und will wieder nach Hause? Es scheint nun doch so zu sein, dass das Reisen aus der Mode kommt. Man will nur noch schnell irgendwo hin. Nach Florenz. Nach Prag. Oder nach Wien. Möglichst ohne Reisen. Mir geht es ja auch so. Mein Vater würde für sein Leben gern zum Mars reisen. Ich dagegen würde ihn dort nur besuchen, wenn ich zum Abendbrot wieder zu Hause wäre. Das geht, wenn es irgendwann mal einen Tunnel durch die Raumzeit gibt. Wann der kommt, kann noch keiner sagen. Aber auf jeden Fall vor einem Tunnel durch das Erzgebirge. 

Veröffentlicht in Erzgebirge  am 22.05.2021 4:00 Uhr.

Blumengießen bei Regenwetter

Man muss nicht alles mitmachen, auch nicht um des Friedens willen. Manches darf man auch gar nicht. 


Mein Vater erzählte mir vor ein paar Jahren, wie seine Mittagsruhe durch fortwährende Trampelgeräusche aus der Wohnung über ihm gestört wurde.  Als er sich bei nächster Gelegenheit nach der Ursache erkundigte, erzählte ihm sein Nachbar, dass der Enkel zu Besuch war und mit seinen Großeltern Zirkus gespielt hätte: Er hätte auf dem Couchtisch gestanden und Oma und Opa immer um den Tisch herum traben lassen. Der Nachbar hätte das mit unverhohlenem Stolz berichtet. Mein Vater ließ damals durchblicken, dass man auch um des lieben Friedens willen nicht jeden Blödsinn mitmachen müsste und ich stimmte ihm kopfschüttelnd zu. So züchtet man Diktatoren und Tyrannen heran und erzieht keine Christenmenschen, die Vater und Mutter ehren und ihnen im Alter eine Stütze sind. Heute stelle ich fest: Meine Frau und ich traben noch nicht um den Tisch herum. Aber es fehlt auch nicht mehr viel. 


Man ist doch immer bereit, Zugeständnisse zu machen, wenn man dafür seine Ruhe hat. So wäre ich früher nicht auf die Idee gekommen, bei Regenwetter das Haus zu verlassen. Ich wäre schön drin geblieben und hätte mir schon irgendwie die Zeit nicht lang werden lassen. Nun bin ich aber nicht mehr allein auf der Welt und meinem Kind ist das Regenwetter egal. Es will hinaus und kann es noch nicht allein. Also muss ich mit. Natürlich könnte ich mich durchsetzen und das Kind müsste drin bleiben. Allein der Preis wäre zu hoch. 

Vom Blumengießen bei Regenwetter bis zur Zirkusnummer ist es ja auch noch ein weiter Weg. Aber die Richtung stimmt schon mal und es geht Schritt für Schritt voran. So warten wir schon gar nicht mehr, bis wir zu Verhaltensoriginalitäten genötigt werden, sondern versuchen in vorauseilendem Gehorsam zu antizipieren, was einem als nächstes abverlangt werden könnte. Aktuell wetteifern wir beispielsweise um die Bestleistung beim Imitieren von Tiergeräuschen. Der Juror hält sich noch bedeckt, aber ich denke, es zeichnet sich ab, dass ich das Rennen machen werde. Meine Frau ist auch nicht schlecht, aber sie ist einfach wesensbedingt beim Löwen und ähnlichen Brülltieren schwächer. Außerdem denkt sie immer noch zuerst nach, während ich schon google, was mir bei Vogelstimmen und auch beim Zebra bisher noch immer einen Zeitvorteil verschafft hat. Zumindest wenn das Internet funktioniert. Das soll aber sofort, für immer und restlos zusammenbrechen, sollte ich jemals auf die Idee kommen, unser Kind mit Netflix ruhigzustellen. 

Veröffentlicht in Elternzeit  am 15.05.2021 4:00 Uhr.

Die armen Rinder

Der Mensch ist, was er isst. Die Ernährung ist der Schlüssel zum Überleben. 


Natürlich will man seinem Nachwuchs die bestmöglichen Voraussetzungen für den Weg durchs Leben schaffen. Heutzutage weiß ja auch jeder, welche Rolle die Ernährung dabei spielt. Folglich erziehen wir unser Kind also konsequent zu bewusster, abwechslungsreicher und ausgewogener Kost mit viel Gemüse und möglichst wenig bösem Fett. Unter Erziehung versteht man ja nun gemeinhin alle erfolgreichen und erfolglosen Versuche, das Verhalten des Kindes zielgerichtet zu beeinflussen (Wolfgang Brezinka). Man muss außerdem verstehen, dass Erziehung in diesem Sinne nicht wie ein Kochrezept oder wie eine Bauanleitung funktioniert. Otto Speck beschreibt sie als einen Prozess, aus dem die Kinder „gemäß… der ontogenetischen… Eigengesetzlichkeit mit einem eigenen Resultat“ hervorgehen (Chaos und Autonomie in der Erziehung). Das muss man erst mal sacken lassen. Es bedeutet letztlich nichts anderes, als dass man als Erziehender lediglich Angebote machen, aber kein Ergebnis festlegen kann. Wir können vielleicht einen Rahmen definieren. Das Kind aber muss versuchen, über ihn hinauszuwachsen. Die Erziehenden tragen wiederum Verantwortung dafür, dass es nicht herausfällt. Alle Türen stehen offen, wir können ihm nur raten, durch welche es gehen soll. Verschlossene Türen wird es irgendwann einrennen. 

Das letzte Wort hat, es mag einem gefallen oder nicht, das Kind. In unserem konkreten Fall hat es seine Entscheidung getroffen und uns unmissverständlich mitgeteilt. Sie lautet: Rinderbraten mit Klößen. Wird dieses Gericht serviert, isst es zügig und mit großem Behagen seinen Teller leer und vertilgt auch noch einen Nachschlag. Wird anderes aufgetischt, isst es nicht nur nicht, sondern verlangt mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt nach Rinderbraten. Die armen Rinder. Aber was sollen wir machen? Es sieht ganz danach aus, als ob dies jenes „eigene Resultat“ ist, mit dem unser Kind aus der „Auseinandersetzung unserer autonomen Systeme“ hervorgehen wird. 

Ich bin ja nun nicht derjenige, der unbedingt seinen eigenen Kopf durchsetzen muss. Ich habe zu meiner Frau gesagt: Wir können das Kind doch nicht verhungern lassen, nur weil wir so gerne Gemüse essen. Ja, es stimmt: die armen Rinder. Aber wir haben doch noch Glück, dass er keine Vorliebe für Schnecken entwickelt hat. Was ja auch immer noch passieren kann. Außerdem kann man Rinderbraten doch ganz ausgezeichnet für die ganze Woche vorkochen und Kloßteig prima einfrieren. Meine berühmte Kartoffelsuppe ist mir mal nach einem Tag schlecht geworden, weil Sellerie dran war. Das passiert bei Rinderbraten nicht. Ich sehe natürlich auch, dass eine solche Ernährung nicht abwechslungsreich wäre. Darum gibt es zwischendurch Rindergulasch. Und Rouladen. 
Die armen Rinder!

Veröffentlicht in Elternzeit am 08.05.2021 4:00 Uhr.

Die große Blase

Die ganze Welt existiert wahrscheinlich nur, weil immer irgendjemand nachsieht: Beobachtete Beobachter beobachten Beobachter, die beobachtet werden. 

Ich hatte mal einen Postmelder. Das war ein elektronisches Gerät, bestehend aus einem Bewegungsmelder mit Funksender und einem Funkempfänger mit einem Signallicht. Den Bewegungsmelder klebte man in die Briefkastenklappe. Wurde die Klappe bewegt, leuchtete das Licht am Empfänger. Der schöne Apparat hatte leider zwei gravierende Nachteile. Erstens brauchten sowohl Sender als auch Empfänger Strom aus Batterien. Wenn der Empfänger trotz eingeworfener Post also mal nicht blinkte, was öfter mal vorkam, musste man stets mindestens zwei Fehlerquellen überprüfen. Zweitens ging ich täglich aus dem Haus  und kam regelmäßig nach der Zustellzeit am Briefkasten vorbei. Ich öffnete ihn und wusste gleich, dass das Signallicht am Empfänger nicht leuchten würde. Das machte das schöne Gerät eigentlich sinnlos. Ich habe es daher nach meinem Umzug nicht wieder installiert. Mit einem verschlossenen Briefkasten verhält es sich nun aber wie mit der Apparatur aus Erwin Schrödingers Gedankenexperiment mit der Katze: Solange man ihn nicht öffnet und nachsieht, hat man gleichzeitig Post und keine Post. So einen Zustand ertrage ich nicht, weshalb ich mehrmals täglich nachsehen musste, auch am Sonntag. Erst im Augenblick des Nachsehens bricht die Wellenfunktion zusammen und der Brief wurde geschrieben oder nicht. Meistens wurde er nicht geschrieben. Nicht nachzusehen hätte aber bedeutet, dass alle möglichen Briefe an mich im Briefkasten liegen bleiben und ich niemals erfahre, was drin steht. Nur durch das Nachschauen sind sie auch nicht geschrieben worden und ich muss mir nicht die Nächte damit um die Ohren schlagen, vom wem sie waren und was vielleicht dringestanden haben könnte. 

Seit ein paar Wochen habe ich jetzt die PostPetze von Holger Meier aus Hannover. Sie funktioniert völlig analog, braucht keinen Strom und arbeitet bis jetzt fehlerfrei. Ein Anzeiger aus Kunststoff wird in die Briefkastenklappe geklebt und klappt mit Hilfe einer Feder beim Öffnen der Klappe aus. Es ist so einfach, dass man sich fast schämt, nicht selbst darauf gekommen zu sein.  Seitdem gehe ich ganz ruhig am Briefkasten vorbei und fühle nichts. Was früher nur Möglichkeit war, ist nun Gewissheit: Ich habe keine Post. 

Jedenfalls nicht im Briefkasten. Was die Post heutzutage bringt, passt da nicht mehr rein. Man muss einen Ablageort festlegen. Der Ablageort soll zwar für die Post erreichbar, aber von außen nicht einsehbar sein. Solange ich nicht zum Ablageort gehe und nachsehe, stapeln sich dort alle möglichen Pakete von allen möglichen Absendern. Gleichzeitig häufen sich natürlich auch alle möglichen Rechnungen an. Da ich sie nicht bezahle, türmen sich alle möglichen Schulden auf, die nicht beglichen werden. Die große Blase platzt oder platzt nicht. Solange ich nicht nachsehe. 

Veröffentlicht in Alltagsphysik am 01.05.2021 4:00 Uhr.

Mann im Haus

Wozu es Männer gibt, lässt sich bis heute nicht erklären. Warum sie trotzdem überall vorkommen und erfolgreich sind schon. 


Seit es wieder früher hell wird, tragen meine Frau und ich uns mit dem Gedanken, das Kinderzimmer zur Schlafenszeit zu verdunkeln, um dadurch die kindliche Nachtruhe künstlich zu strecken. Die unnatürlich frühe Helligkeit weckt das Kind zur Unzeit und ein dunkler Vorhang, so glaubten wir, wirkt Wunder, wie das Tuch überm Vogelkäfig. Gesagt, getan. Meine Schwägerin nähte den Vorhang und lieferte auch noch den Spanndraht inklusive Aufhängung mit. Jetzt waren nur noch neun Löchlein zu bohren, um den Draht zu spannen. Spätestens an dieser Stelle muss ich noch mal erwähnen, dass ich es grundsätzlich ablehne, Löcher in Wände zu bohren. Eine Wand ist schließlich eine Wand und wo man Löcher haben will, lässt man die Wand eben von vornherein weg. Fenster bohrt man ja auch nicht nachträglich heraus. Um etwas an einer Wand zu befestigen, gibt es Reißzwecken, Klebeband und Doppelklebeband. In unserem konkreten Fall ragen sogar noch fest in der Wand verankerte Gardinenstangenhalterungen ins Zimmer. Ich regte an, den Vorhang einfach daran aufzuhängen. Meine Frau bot mir daraufhin freundlich an, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. 

Es ist für einen Mann nun aber sehr wichtig, dass er bis zu einem gewissen Grade wichtig ist. In der Regel bekommt man diese Bestätigung im Beruf. Ein Mann geht ganztags ins Büro, auf den Bau oder fährt LKW. Am Abend weiß er dann, was er geleistet hat und ist zufrieden. Ein Mann in Elternzeit hat seinen Beruf gegen die Elternvaterschaft eingetauscht. Zumindest zeitweise. Er wird sich seiner kläglich unvollkommenen Ausstattung und Eignung im Vergleich zur Mutter täglich aufs Neue bewusst und sucht geradezu verzweifelt nach Gelegenheiten zur Rechtfertigung seiner bloßen Existenz. Wie ein Ertrinkender greift er nach jedem Strohhalm, der sich bietet, auch wenn sein Scheitern von vornherein feststeht. 

Die Außenwand des Kinderzimmers ist so beschaffen, dass ich die Dübel mit dem Hammer einschlagen könnte. Ich bohrte trotzdem und schaffte es sogar, die Aufhängung anzuschrauben. Beim Spannen des Drahtes riss sie aber heraus. Jetzt hatten wir zwar keinen Draht, aber dafür eine kaputte Wand. Für mich war die Sache damit eigentlich erledigt, jedoch riet mein Schwippschwager, der alte Fuchs, die Dübel mit Spachtelmasse einzugipsen und es dann noch einmal zu versuchen. Beim Versuch, den alten Dübel aus dem Loch zu ziehen, verschwand er mit der (10 cm langen) Schraube unauffindbar irgendwo in der Wand. Nun fehlte mir auch noch eine Schraube. Beim Zuschmieren der Löcher wurde mir klar, dass ich damit einen häßlichen Gipsfleck auf die Tapete machte, der sich wahrscheinlich nicht mehr entfernen ließ, ohne die ganze Wand neu zu tapezieren. Es gibt eben immer was zu tun und meine Familie kann froh sein, einen Mann im Haus zu haben. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 24.04.2021 4:00 Uhr.

Zum Abgewöhnen

Das Außergewöhnliche wird  immer schneller gewöhnlich. Und zwar durch Gewöhnung. Daran ist überhaupt nichts Ungewöhnliches.


Die Kontrolle der Vitalwerte ist inzwischen Routine. Zuerst waren es nur Blutdruck und Puls. Dann kam die Körpertemperatur und nun schließlich die Blutsauerstoffsättigung. Das Gerät für Letztere gefällt mir am Besten. Es ist so schön klein und man kann es sich auch um den Hals hängen. Meine Werte liegen alle im Normbereich. Das verstehe wer will, denn normal ist heutzutage ja wohl nichts mehr. Oder eben gerade doch! Heutzutage ist eben alles neu-normal. Was gestern Ausnahme war, ist heute Regel. Normal sind inzwischen auch hohe Inzidenzwerte in Ländern wie Bayern oder Sachsen. Erst liegen sie nur ganz vereinzelt auf den Bergen herum, aber dann rutschen sie irgendwann alle runter und sammeln sich zu Hunderten in den Tälern. Da dürfen dann die Leute nachts nicht mehr raus. Es ist durchaus strittig, ob sich die Inzidenz davon beeindrucken lässt.

Das Neu-Normale zeigt sich auch im Aprilwetter. Es ist ja geradezu sprichwörtlich und im Erzgebirge gibt es Regionen, in denen im Mai noch Schnee liegt. Tante Hannelore hat immer erzählt, dass ihr Vater erst noch die Hofeinfahrt frei schippen musste, damit die Hebamme ihr auf die Welt helfen konnte. Und das war ein 23. April! Allerdings war das noch in der „kalten Heimat", aber im Erzgebirge kann so etwas eben auch passieren. Ganz normal.

Ja, sogar ein Bundeskanzler Laschet oder Söder wären irgendwann so normal, wie ein Bundeskanzler Kohl. Daran sieht man mal, wie aufgeklärt wir sind. Ein „Papst Kohl" oder meinetwegen auch „Pabst Tebartz-van Elst“ wären in der katholischen Kirche doch noch undenkbar. Wenn wir aber wirklich einen bayrischen Bundeskanzler kriegen, kann das über kurz oder lang nur das Ende des Freistaates bedeuten. Die DDR wollte damals auch unbedingt Bundesrepublik werden, was sie folgerichtig mit ihrer Existenz bezahlt hat. Markus Söder denkt vielleicht noch, die Bundesrepublik würde sich unter seiner Kanzlerschaft dem Freistaat Bayern anschließen. Ich glaube das aber nicht. Ich glaube eher, dass etwas ganz anderes passiert, irgendetwas, was noch keiner auf dem Schirm hat. Dann werden sich alle wieder ganz schön aufregen - bis auch das ganz Andere wieder ganz normal ist. Das ist es aber nicht. Das Außergewöhnliche wird nur immer schneller gewöhnlich. Und zwar durch Gewöhnung. Daran ist überhaupt nichts Ungewöhnliches. Das Gewöhnen sollte man sich aber abgewöhnen, genau wie das Aufregen, aber nicht das Wundern. Denn normal ist heutzutage wirklich gar nichts mehr.  

Veröffentlicht in Gesundheit am 17.04.2021 4:00 Uhr.

Die Genussfähigkeit eines Regenwurmes

Wir zahlen für unser Bewusstsein einen hohen Preis. Dabei wären wir ohne vielleicht sogar besser dran. 


Ich bin, was essen und trinken angeht, sehr einfach gestrickt. Ich esse fast alles und es schmeckt mir gut, wenn es nach den Regeln der Kunst zubereitet wurde. Den Feinheiten des Genusses stehe ich aufgeschlossen gegenüber, gewinne ihnen jedoch nichts ab. Welches Getränk beispielsweise zu welchem Essen passt, ist mir durchaus gleichgültig, weil ich es entweder stehen lasse (Wasser, Tee) oder vorher austrinke (Wein, Hefeweizen). Letztere nehme ich auch gern nach dem Essen noch einmal zu mir. Wenn zum Kaffee Gebäck gereicht wird, sind die Kekse alle, bevor der Kaffee Trinktemperatur erreicht hat. Zweifellos geht die Fähigkeit zum Genuss mit dem Grad an Bewusstsein einher. Ein Regenwurm wird bei der Nahrungsaufnahme nichts weiter empfinden, obwohl er unablässig frisst, wenn er sich nicht gerade paart. Soweit es sich beim Schlafen um einen bewußtlosen Vorgang handelt, vollzieht er sich auch bei uns vollständig genussfrei. Nur um einen Vergleich zum Fressvorgang des Regenwurms zu haben. Derselbe stünde der Frage „Gut gefressen?" ähnlich ratlos gegenüber, wie unsereiner der Frage „Gut geschlafen?". Die entscheidende Frage ist doch die nach der Bekömmlichkeit, also wie man sich hinterher fühlt.

Höheres Bewusstsein muss nicht unbedingt ein Vorteil sein. Erst mit dem Bewusstsein sind Unrecht und Schuld in die Welt gekommen. Vorteilsnahme , Heuchelei und Gewalt hat es schon immer gegeben, aber erst seit der Entstehung des Bewusstseins kann man sich damit belasten. Bewusstsein ist der Apfel, wegen dem wir das Paradies verloren haben. Das Huhn, das seinem Instinkt folgend einen Regewurm aufpickt, verliert es nicht. Ebensowenig wie der Wurm.

Regenwürmer sind übrigens Zwitter. Man stelle sich kurz vor, auch beim Menschen bestünden gleichzeitig die Möglichkeiten der Vater- und der Mutterschaft. Erst mit der Zeugung entschiede sich, mehr oder weniger zufällig, wer Vater und wer Mutter des Kindes wird. Natürlich wäre es kein Zufall, sondern Samen- und Eizelle träfen eine Entscheidung. Jedenfalls hätten sich die beiden im Falle unserer Familie richtig entschieden. Ich wäre nicht nur die schlechtere Mutter. Ich wäre als Mutter eine Katastrophe! Als Regenwurm würde ich dagegen eine ganz gute Figur machen, glaube ich. Das Kriechtier hat seinen Namen ja nicht daher, weil es bei Regen aus der Erde kommt, sondern wegen seiner Bezeichnung als „reger Wurm", weil es unablässig arbeitet und frisst. Ganz genau wie ich. Nur dass die Ausscheidungen eines Regenwurmes exzellenter Mutterboden sind, unterscheidet uns wieder voneinander.

Veröffentlicht in EssenundTrinken am 10.04.2021 4:00 Uhr.

Weil sie uns liebt

Wer selbst keine Schuld hat, kann die Schuld der Anderen tragen. Die Anderen sind wir alle. Zeit für ein Bekenntnis. 


Grundsätzlich war das mit den Ruhezeiten an Ostern eine gute Idee, aber natürlich war sie nicht richtig zu Ende gedacht. Alle hätten mehr freie Tage gehabt, nur die Eltern (im Allgemeinen) nicht. An uns Elternväter (im Besonderen) denkt wieder mal keiner. Wie erklärt man einem einjährigen Kind, dass jetzt Ruhezeit ist? Wenn das Kind nicht selbst ruht, gibt es auch keine Ruhezeit. Ich hatte ja gehofft, dass das Ruhebedürfnis wie bei mir selbst mit der Zeit eher zunehmen würde, aber das Gegenteil ist der Fall. Es wird mich einige Geduld und Nerven kosten, mein Kind das Konzept der multiplen Ruhezeiten zu lehren: Nachtruhe, Morgenruhe, Vormittagsruhe, Mittagsruhe, Nachmittagsruhe, Vorabend- und Abendruhe. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn bei so kleinen Kindern muss das vorgelebt werden, was ja nicht geht, wenn man ständig hinter dem Kind herspringen muss, damit es nicht verunfallt. Ein Teufelskreis: Das Kind springt herum, ich springe hinterher, das Kind sieht mich springen und will es mir gleichtun, das Kind springt herum. Ohne Vernachlässigen der Aufsichtspflicht und Unterlassen von Hilfeleistungen ist er nicht zu durchbrechen. Sei‘s drum. Es gibt ja auch Wichtigeres.

Zum Beispiel Entschuldigen. Nichts ist so wichtig, wie das Sich-Entschuldigen, obwohl auch das wieder ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wie kann man sich selbst entschuldigen? Jesus hat einmal alle auf einmal entschuldigt. Dafür musste er aber den Martertod sterben und das ging auch nur, weil er selbst gar keine Schuld hatte. Vielleicht muss man die Geste der Kanzlerin auch in diesem Sinne verstehen: Sie, die selbst ohne Sünde war, nahm auf sich die Schuld des Kanzleramtes, der Bundesregierung und der MPK. „Qua Amt." Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Ich habe da natürlich auch so meine Leichen im Keller. Darum will ich dem guten Beispiel folgen und ebenfalls meine Schuld eingestehen. Gleich hier und jetzt: Ich habe gelogen. Alle Geschichten der vergangenen Wochen basieren auf einer Lüge. Genau genommen ist es ein gedankliches Konstrukt, eine Antizipation, derer ich mich aus dramaturgischen und nicht zuletzt psychologischen Gründen bedient habe. Aber es ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Meine Frau geht noch gar nicht wieder arbeiten. Sie führt noch immer unseren Haushalt mit Umsicht, steht nächtens auf und umsorgt unser Kind mit Hingabe bis zur Selbstverleugnung. Ich darf ihr dabei assistieren und ich bewundere sie dafür, denn es ist ja auch ihr erstes Kind. So wird es weitergehen, auch wenn sie - viel zu bald schon - auch noch an fünf Tagen in der Woche unser Geld verdient. Warum sie das macht? Weil sie es kann. Und: Weil sie uns liebt!

Veröffentlicht in Elternzeit am 03.04.2021 4:00 Uhr.

Wo die Sonne ins Meer fällt

Es gibt Orte, an denen man sich den Lebensabend mit seinen Liebsten traumhaft ausmalen kann. Und es gibt das Erzgebirge. 


Ich würde sagen, bisher habe ich mich doch ganz gut gemacht. Okay, ich habe noch nicht gekocht. Dafür musste ich aber auch noch nicht einkaufen, denn wenn ich nicht koche, kann ich ja nicht wissen, was wir brauchen. Außerdem ist die Hausordnung an mir vorbeigegangen. Eine Windelwäsche habe ich aber angemacht und auch aus dem Keller wieder hochgeholt. Ich musste mich ganz schön plagen, den sauschweren Wäschekorb aus dem Keller wieder unter das Dach zu schleppen, aber was soll man machen? Meine Frau hat dann irgendwie herausgefunden, dass die Windeln gar nicht geschleudert waren. Sie tropften uns den Fußboden voll und brauchten zwei Tage zum Trocknen. Ich schlug vor, das Kind solange im Bett zu lassen, aber meine Frau gab zu bedenken, dass unser Schatz normalerweise auch im Bett Windeln an hat. Da war was dran. Offenbar ist jetzt also auch noch die Waschmaschine kaputt. Es könnte aber auch sein, dass ich die Maschine einfach noch vor dem Schleudergang ausgeschaltet hatte, denn die Tür war noch blockiert und ich musste eine Weile warten. Der Aufenthalt im Keller ist für mich immer ein bisschen mit Stress verbunden, weil die Vermieter die Dusche im Waschkeller gerne benutzen, um ihre aufgeheizten Leiber nach einem Saunagang abzukühlen, wobei man nicht unbedingt zugegen sein will. 

Wenn man im Erzgebirge überleben will, muss man sich eben auf einiges gefasst machen. So kann es passieren, dass es Mitte März nochmal zu einem plötzlichen Wintereinbruch kommt. Man kann die Windeln dann eben noch nicht draußen aufhängen und wer das Schwarzbier schon für das Hefeweizen aus dem Keller geräumt hat, hat hier eindeutig das Nachsehen. Genauso schnell kann aber der Frühling auch wieder zurückkommen und wenn dann kein Hefeweizen im Keller ist, ist es noch schlimmer. 

Dass unser Kind jetzt den aufrechten Gang entwickelt, begrüße ich natürlich. Nur dass ich dafür krumm gehen muss, vermag ich jedoch nicht so richtig einzusehen. Darum habe ich mir einen Kindergärtnerinnendrehhocker gekauft, auf dem ich nun durch die Wohnung gezogen werde. Meine Frau lächelte uns hinterher, während sie in der Küche unseren funkelnagelneuen Römertopf einweihte, aber ich weiß, was ich tue. Es ist die notwendige Vorbereitung auf die Zeit, in der mein Sohn meinen Rollstuhl schieben wird. Nicht zuletzt zieht man ja Kinder groß, damit man im Alter mal eine Stütze hat. Falls das trotz aller pädagogischer Kompetenz doch nicht klappen sollte, hat meine Frau ihr Einspringen aber schon zugesagt. Dann sollten aber Beherbergung und Gastronomie wieder geöffnet sein, denn wir werden auf der Seebrücke Hefeweizen trinken, bis die Sonne knallrot ins Meer fällt. 

Veröffentlicht in Elternzeit am 27.03.2021 5:00 Uhr.

Ohne Worte

Worte sollte man schreiben oder singen. Alles andere grenzt an Missbrauch.


Manchmal wünschte ich mir, eine Quelle zu sein

Und der Durstige kommt und kehrt bei mir ein

Schöpft aus dem Vollen das sprudelnde Nass

Füllt sich den Becher, füllt sich sein Fass

Statt wie ein schäbiger Lautsprecher zu dudeln

Aus dem statt des Wassers nur Worte sprudeln

Man sagt ja, dass Worte ein Segen sind

Das ist nur die halbe Wahrheit, mein Kind

 

Ja, Worte sind Segen und Worte sind Fluch

Sie unbedacht auszusprechen, ist fast ein Verbrechen 

Sie gehören in ein Buch, sie gehören in ein Buch.

 

Du liegst auf dem Rücken, du liegst auf dem Bauch

Und lachen und weinen kannst du auch

Die Handykamera nimmt alles auf und

Wartet auf das erste Wort aus deinem Mund

Du machst dir keine Vorstellung, wie Worte zerstör’n

Du könntest dich darauf beschränken, sie zu lesen, zu hör’n

Wenn schon Worte zwischen uns klingen 

Dann, weil wir zusammen singen

 

Worte sind wie ein vermintes Gebiet

Betreten verboten, Tummelplatz für Idioten

Sie gehören in ein Lied, sie gehören in ein Lied

 

Worte sind wie Wein

Sie müssen erst reifen, um genießbar zu sein

Fall’n sie zu schnell, im Augenblick

Holt sie keiner mehr zurück

 

Stell‘ dir vor, wir würden verstummen

Nicht mehr sprechen, nur noch singen und summen

Lachen und weinen, so wie du mein Kind

Ob wir dann wohl auch so zufrieden sind

Wer immer auch zu dir spricht,

Denk' dein Teil und glaube nicht

Und: an allen Worten ist nur etwas dran,

wenn man sie auch singen kann

 

Reden ist Schweigen und Silber ist Gold

Der Sinn aller Worte ist Erdbeertorte

Aber der Wagen der rollt, und der Wagen rollt

https://distrokid.com/hyperfollow/liedersaenger/ohne-worte


Veröffentlicht in Musik am 23.03.2021 5:00 Uhr.

Eine Frage der Gewohnheiten

Fahren Nomaden eigentlich in den Urlaub? Vielleicht ist der Tourismus ein Tribut an unsere nomadische Herkunft.

Urlaub! Als hätten wir geahnt, dass es mit der Beherbergung mal schwierig werden könnte, haben wir uns schon vor Jahren in einer beliebten Urlaubsregion eingemietet. Allerdings haben wir auch gleich unseren Lebensmittelpunkt hierher verlegt, so dass ich jetzt unsicher bin, ob man dann noch von Urlaub reden kann. Ich denke aber schon. Jetzt müssen wir weder an- noch abreisen und können auch gleich noch alle Wochenenden in unserem Urlaubsdomizil verbringen. Die übliche Traurigkeit am Ende des Urlaubs entfällt, weil wir ja bis zum nächsten Urlaub gleich hierbleiben. Meine Eltern hatten in einer Gartensparte einen kleinen Garten gepachtet. In manchen Jahren sind sie damals nicht mit uns weggefahren und wir verbrachten die Ferien im Garten, das war auch wie Camping. Da unsere Ferien sowieso länger waren als der Urlaub der Eltern, ging mein Vater auch mal von dort aus zur Arbeit. Mein Sohn und ich halten es gerade genauso: Nur die Mutter muss zwecks Broterwerb unter der Woche arbeiten. 

 Man betreibt heutzutage ja  einigen Aufwand, nur damit man es im Urlaub einigermaßen behaglich hat. Seit ich das erste Mal elternunabhängigen Urlaub machte, nahm ich nur mit, was ich auf dem Rücken und mit zwei Händen tragen konnte. Wer heute so verreist, geht „pilgern“. Für richtigen Urlaub muss man schon alles dabei haben, was man zu Hause auch hat. Fürs Camping am Besten ein Zelt wie bei Harry Potter: Innen größer als außen und bereits mit allen Notwendigkeiten ausgestattet. Solche Zelte gibt’s aber leider noch nicht und darum braucht man eben immer mehr und immer größere Autos. Damit die auch überall hinfahren können, braucht es Straßen und Autobahnen, auf denen die Autos dann im Stau stehen, bis der Urlaub endlich wieder vorbei ist. Es liegt auf der Hand, dass das nicht endlos so weitergehen kann. Vielleicht verabschieden wir uns auch wieder von der Sesshaftigkeit und bleiben ein paar Jahre hier und sind dann wieder ein paar Jahre dort. Hier hat man selbst eine schöne Beschäftigung, dort können die Kinder besser zur Schule gehen, wieder woanders ist die Landschaft schön. 

Wenn man seinen Lebensunterhalt allerdings damit erwirtschaftet hatte, unsereiner zu beherbergen und zu bewirten, muss man sich jetzt umorientieren und seinen Laden zumachen. Tourismus ist vielleicht kein Erwerbsmodell mehr. Das macht, wie jede größere Veränderung, erst mal traurig, ist aber letztlich eine Frage der Gewohnheiten. Wenn ich dann mal an die Ostsee will, müssen wir eben wieder umziehen.  

Veröffentlicht in Elternzeit am 20.03.2021 6:00 Uhr.

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